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Afrika

Wenig Trauer bei Nicht-Islamisten

Bei dem Massaker von Kairo kamen Hunderte Islamisten ums Leben. Viele Nicht-Islamisten sehen das Vorgehen gegen die Muslimbrüder als unverzichtbaren Schritt - eine Haltung, die auch von den Medien befeuert wird.

Einen Tag nach dem Massaker von Kairo ist die Stadt ruhig wie sonst nur an Wochenenden. Über 500 Menschen, überwiegend islamistische Demonstranten, waren in Folge der Räumung zweier Protestcamps durch Polizei und Militär in Kairo getötet worden. Die tatsächlichen Opferzahlen dürften jedoch noch weit höher liegen. Denn das Gesundheitsministerium zählt nur die in staatliche Kranken- und Leichenhäuser eingelieferten Leichen. Zahlreiche Tote befinden sich jedoch in den Moscheen und an anderen Orten in der Nähe der zerstörten Camps.

Viele der wenigen Passanten, die man jetzt auf Kairos Straßen sieht, sind jedoch keineswegs geschockt oder bestürzt über die vielen Toten. Sie sprechen meist nur über die Probleme, die ihnen die ab 19 Uhr einsetzende Ausgangssperre bereitet. So auch Khalid, ein etwa 25-jähriger Verkäufer: "Meiner Meinung nach war das der einzige Weg, wie man die Protestcamps auflösen hat können. Das liegt daran, dass die Muslimbrüder keine offenen und aufgeschlossenen Menschen sind."

Blick auf Protestcamp am Tag nach der Erstürmung (Foto: AFP)

Blick auf das Protestcamp vor der Rabaa al-Adawiya Moschee am Tag nach der Erstürmung

"Der Alptraum der Muslimbrüder ist vorbei"

Damit wiederholt Khalid das, was man in fast allen staatlichen und privaten Zeitungen und Fernsehsendungen in den vergangenen Wochen vorgekaut bekam: Die Muslimbrüder seien im Grunde eine Krankheit für das Land und man müsse scharf gegen sie vorgehen. Und die Dämonisierung der Islamisten geht weiter. Das beste Beispiel dafür ist die erste Ausgabe der staatlichen Zeitung Al-Akhbar nach dem Blutbad. In der gesamten 23-seitigen Ausgabe findet sich nichts anderes als Rechtfertigungen des Vorgehens der Armee und Anklagen gegen die Muslimbruderschaft. Auf der Titelseite heißt es in roten Buchstaben ganz oben: "Der Alptraum der Muslimbrüder ist vorbei". Ebenso wird auf der Titelseite geradezu absurd der Eindruck erweckt, die Muslimbrüder hätten sich selbst umgebracht.

Der 24 Jahre alte Mahmoud, einer der wenigen Passanten, die gegen das Massaker sind, schüttelt nur den Kopf: "Ich weiß nicht was die Medien mit den Menschen machen. Es ist wie Zauberei: Die Leute glauben das, egal wie sehr sie lügen, alle glauben ihnen." Mit resigniertem Lachen blickt er auf das Propagandablatt. Von den Opferzahlen ist darin keine Rede, lediglich die angeblich 43 getöteten Polizisten werden erwähnt.

Ein Müllsammler geht durch das aufgelöste Protestcamp von Mursi-Anhängern (Foto: AFP)

Der große Platz vor der Moschee gehört jetzt Plünderern und Müllsammlern

Alle Artikel dienen ausnahmslos dazu, die Sicherheitskräfte als heldenhafte Patrioten darzustellen und die Muslimbrüder als gefährliche Terroristen. Auch zahlreiche Lügen finden sich im Blatt: Es wird behauptet, Journalisten hätten sich frei bewegen und die Räumungen beobachten können. Tatsächlich hat das Militär jedoch alles unternommen, um Journalisten den Zugang zu den Camps zu verwehren. Auch ist ein Foto von Jugendlichen abgebildet, die Geldkassetten aus einem gekaperten Geldtransporter tragen. In der Bildunterschrift wird unterstellt, dass Muslimbrüder daraus Wertsachen gestohlen hätten. Tatsächlich waren die Geldkassetten jedoch leer, wie die DW vor Ort sehen konnte.

Viele politische Gruppen tragen die Niederschlagung mit

Wenig geschockt sind viele Ägypter auch über den Rücktritt von Vizepräsident Mohamed El-Baradei. Er hatte sich gegen die gewaltsame Räumung der Protestcamps ausgesprochen. Gegen ihn wurde in den vergangenen Wochen ebenfalls eine hetzerische Medienkampagne geführt, die ihn unter anderem als Befehlsempfänger der USA darstellte. Für den etwa 60-jährigen Ahmed Ibrahim ist eines zum Beispiel klar: "Wie wir alle wissen, steht Baradei in seinen Positionen den USA recht nahe. Ich glaube, er hat nicht das machen können, was die USA von ihm wollten und daraufhin ist er zurückgetreten."

Diese Stimmung vieler Ägypter spiegelt sich auch auf politischer Ebene wider: Wichtige politische Gruppen kritisieren El-Baradei für seinen Rücktritt und seine Position gegen die Niederschlagung der Proteste. Die Führung der Tamarod-Bewegung, die die Demonstrationen vom 30. Juni ins Leben gerufen hat, wirft ihm zum Beispiel vor, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Er könne nun der Welt nicht mehr erklären, dass Ägypten es mit einer Terrorbewegung (den Muslimbrüdern) zu tun habe.

Blick ins Innere der ausgebrannten Rabaa Adawiya-Moschee in Kairo (Foto: Reuters)

Ausgebrannt: die Rabaa al-Adawiya-Moschee in Kairo

Auch aus der Dachorganisation der nicht-islamistischen Parteien, der Nationalen Rettungsfront (NSF), kam Kritik. Die NSF begrüßte die Niederschlagung der Proteste ausdrücklich. Lediglich die wirklich liberalen Gruppen wie die "Bewegung 6. April" unterstützen El-Baradeis Konsequenz. Der durch die Medien befeuerte Hass vieler Ägypter auf die Muslimbrüder hat sich auch durch die hunderten Toten nicht verändert: Angesprochen auf die vielen Toten Islamisten, verzieht der etwa 40-jährige Amr keine Miene und wehrt ab: "Mehr als 43 Polizisten sind gestorben. Wir wollen von den Islamisten nichts wissen. Wir wollen nur, dass sie für die toten Polizisten bezahlen müssen!"

Wie angesichts dieser vom Staat angeheizten Entmenschlichung Ruhe in Ägypten einkehren soll, ist völlig unklar. Denn die grausamen Gewalttaten gegen ihre Protestcamps haben die Wut der Islamisten nur weiter gesteigert. Ein Sprecher der Muslimbrüder sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Wut der Mitglieder nach dem Blutbad "außer Kontrolle" sei. Für die nächsten Tage sind neue Protestmärsche angekündigt.

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