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Wirtschaft

Wenig Interesse an Siemens-Mobiltelefonen

Siemens will die defizitäre Handysparte verkaufen. Die kurzfristige Absage von Motorola zeigt, dass sich niemand darum reißt. Der Handymarkt ist weltweit im Umbruch.

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So lässt sich kein Geld verdienen: Handy-Produktion bei Siemens

Im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort steht eine der beiden Fabriken, in denen Siemens seine Funktelefone fertigen lässt. Hier, fernab vom teuren München mit dem Firmensitz, sind die Löhne niedrig. Ein Blick in die Umgebung zeigt, warum: Außer grünen Wiesen findet sich als industrieller Kern nur noch ein Steinkohlebergwerk. Viel zukunftsträchtige Auswahl bleibt den Arbeitnehmern nicht, sie arbeiten günstig. Aber vielleicht trotzdem zu teuer im Weltmarktvergleich. Wobei das sicher nicht an ihnen liegt, sondern an der verfehlten Modellpolitik.

Verluste müssen weg im Konzern

Die Mobiltelefone made in Germany bringen Siemens täglich eine Million Euro Verlust. Das soll nicht länger sein, denn der Technologiekonzern will und muss mehr Rendite abwerfen. Ein Blick auf den Aktienkurs zeigt das deutlich: Gepflegte Langeweile seit Jahren bei Siemens, das vom Handy bis zum Atomkraftwerk alles liefert was elektrisch ist. Der Kurs kommt nicht vom Fleck, weil Anleger bei großen Konglomeraten nie genau wissen, wo Geld verdient und wo es verloren wird.

Klaus Kleinfeld

Der neue Siemens-Chef Klaus Kleinfeld

Der neue Chef Klaus Kleinfeld muss nun tun, was Vorgänger Heinrich von Pierer nicht mehr anpackte: Das Mobiltelefon-Geschäft wird für ein Zusammengehen mit einem oder mehreren Partnern vorbereitet. Von dem Plan sind weltweit rund 10.000 Siemens-Mitarbeiter betroffen, davon allein 6000 in Deutschland. Derzeit will aber niemand das Geschäft haben. Der Verkauf an den US-Konkurrenten Motorola war am 4.5.2005 kurz vor dem Abschluss gescheitert. Siemens verhandelt nun mit anderen Interessenten. Auch die Ausgliederung in eine eigenständige Gesellschaft ist denkbar.

Wer braucht Siemens?

Fragt sich, wer Interesse haben könnte. Denn allein die Marke Siemens genießt einen guten Ruf und steht für Qualitätsprodukte, sie bietet zudem etablierte Vertriebskanäle. Für Motorola wäre der Kauf ein Einstieg in Europa gewesen, um Platzhirsch Nokia anzugreifen. Der hat zwar Federn gelassen, verfügt aber weiter über 30 Prozent Marktanteil. Die Finnen dürften kein Interesse an Siemens haben, besitzen sie doch selbst eine starke Marke. Aufsteiger Samsung, derzeit mit gut zwölf Prozent Marktanteil nach Motorola die Nummer drei, braucht eigentlich auch keine deutsche Marke.

Frau mit Handy

Siemens folgt mit derzeit 7 Prozent Marktanteil, ein Prozent weniger als 2003, was der Sparte weh tut. Dieses Prozent hat sich die koreanische LG Electronics erobert, ebenfalls ein Elektro-Gemischtwarenladen, derzeit auf dem aufsteigenden Ast. Allein das Geschäft mit Mobiltelefonen von LG hat sich in Deutschland 2004 mit 47,2 Millionen Euro mehr als verfünffacht. LG will Siemens aber auch nicht.

Die Koreaner machten dem vor etlicher Zeit fusionierten Sony-Ericsson-Konzern den fünften Platz streitig. Die Zwangsehe von Sony-Ericsson, aus der Not der ersten Handy-Flaute geboren, hat sich seither noch nicht in neuen Boom-Zahlen niedergeschlagen, auch wenn das Unternehmen sich erholt hat. Der Umsatz sank im ersten Quartal 2005 auf 1,29 Milliarden Euro und blieb damit deutlich unter der Expertenprognose von 1,66 Milliarden.Vielleicht ist auch das ein Grund für potenzielle Käufer, bei Siemens noch abzuwarten.

Kaufinteresse aus der zweiten Reihe

Aber schließlich sind da noch die zahlreichen No Names, zumindest sind sie das im Bewusstsein vieler Analysten und Verbraucher, die jedoch ein gutes Fünftel aller Handys weltweit verkaufen. Einige von ihnen strotzen vor Geld, weil sie auf dem Heimatmarkt gut verdienen. China und Korea sind meist ihre Heimat, und von China ist bekannt, dass das Land internationale Marken aufbauen will und dies konsequent tut. Jüngstes Gerücht aus dem ebenfalls bommenden Südkorea: Der dortige Mobiltelefon-Hersteller Pantech und seine Partnergesellschaft Curitel Communications erwögen nach eigenen Angaben keine Übernahme der Handysparte von Siemens. Das sagte ein Curitel-Sprecher, nachdem es in Südkorea Medienberichte über eine möglicherweise bevorstehende Transaktion gegeben hatte.

Wer ist Curitel? - fragen sich die Europäer und werden sich künftig noch weitere Namen merken müssen. Zum Vergleich: 120 Hersteller produzieren allein in China Mobiltelefone. So wie die bis dato unbekannte chinesische Lenovo die IBM-PC-Sparte kaufte und gleichsam ein Fanal setzte, wird vielleicht einmal der chinesische Handyhersteller Ningbo Bird eine Weltmarke werden. 20 Millionen Handys produziert Ningbo bereits jährlich und kooperiert mit Siemens – ein potenzieller Käufer also. Die chinesischen Firmennamen werden sich auf diese Weise einreihen in die Namensliste weltweit bekannter Produkte wie Mercedes, Coca-Cola, Marlboro oder Puma.

Denkbar ist vieles

Und dann ist da noch ein Name, der ebenfalls überall in der Branche von Information und Telekommunikation auftaucht, wo sich Geld verdienen lässt und der sich dank seiner Cash-Reserven mit Leichtigkeit einkaufen kann: Microsoft. Der Softwarekonzern arbeitet schon länger am Einstieg in das Mobilfunkgeschäft. Die Idee: Ein Windows-Betriebssystem auf ein Handy zu bringen und zu verkaufen. Bisher gab es etliche Experimente mit Lohnfertigern. Windows ist weltweit bekannt. Microsoft wird auch hier nicht mehr lange auf Erfolg warten wollen. Zumal die Kunden nach mobilen Geräten lechzen, die mehr können als nur telefonieren und trotzdem kompakt sind, wie der Erfolg des Blackberry zeigt: Das mobile E-Mail-Telefon-Gerät macht immer mehr Kunden süchtig.

Eigentlich gibt es also genug gute und wirtschaftliche Gründe dafür, dass die Belegschaft in Kamp-Lintfort weitermachen kann, mit welchem Partner und unter welcher Marke auch immer.

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