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Europa

Wenig Einfluss, große Ziele

Zwar hat Russland im Parlament keine wirkliche Opposition mehr, dafür gibt es immer noch kleine Protestgruppen, die ihre Unzufriedenheit mit dem Kreml auf die Straße bringen - auch wen ihr Einfluss gen Null geht.

Mitglieder der Protestgruppe Wir protestieren gegen Rechts(Anatoly Maltsev/epa)

"WIR" demonstriert gegen Rechts, nachdem ein Kameruner Student von Rassisten ermordet worden war

"Russland, wo geht es mit dir hin?" skandieren ein paar junge Demonstranten vor dem Denkmal des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol. Der Platz um sie herum ist menschenleer, Absperrgitter halten Passanten auf Distanz, Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort. So sieht eine genehmigte Kundgebung der Bewegung, deren Name übersetzt "Wir" heißt, im heutigen Russland aus – wenige Minuten bevor sie aufgelöst wird.

Keine Protest-Tradition

Wladimir Putin (08.08.2008/AP Photo/Alexei Druzhinin, Pool)

Wladimir Putin hat zumindest im Parlament kaum eine Opposition

Die Gruppe besteht aus Studenten und Akademikern. Sie ist Anfang 20, liberal und demonstriert gegen Staatsmacht und Wahlfälschungen. Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers Nikolai Gogol spielt die Gruppe Szenen aus dessen berühmten Roman "Die toten Seelen" nach – als Satire auf Regierungschef Wladimir Putin und seinen Machtzirkel. "200 Jahre sind vergangen, und de facto hat sich nichts verändert: Wir kämpfen gegen den Amtsmissbrauch, den es in Russland immer gab", sagt Mischa. Er hält ein Spruchband und lässt sich von Journalisten und von der Polizei fotografieren. Ein Milizionär gibt den Text auf Mischas Plakat per Handy an seine Dienststelle durch.

Auch im neunten Jahr der Ära Putin gehen Jugendliche noch auf die Straße, doch nur wenige sind so engagiert wie die Bewegung "Wir". Wirtschaftlicher Wohlstand statt politischer Mitbestimmung hieß der inoffizielle Gesellschaftsvertrag der vergangenen Boomjahre. Selbst jetzt in der Krise schimpfen die meisten Russen nur zu Hause über die Regierenden. Protest als Form der politischen Meinungsäußerung hat in Russland keine Tradition. "Wir" versucht, durch kreative Aktionen aufzurütteln.

Für eine neue Sicht der Dinge

Russische Polizisten (03.03.2008/AP Photo/Sergey Ponomarev)

Die russische Polizei geht strikt gegen Demonstranten vor

Doch als auf der Demo die Sprechchöre beginnen, geht alles sehr schnell: Die Polizei stürmt auf den Platz und zerrt die Demonstranten in einen Polizeibus. Erst Stunden später kommen sie wieder frei. Das ist ärgerliche Routine. Fast jede "Wir"-Aktion endet so oder ähnlich. Im Februar 2009 hatten "Wir"-Mitglieder mit leeren Plakaten vor Präsident Putins Regierungssitz demonstriert. Die Botschaft: "Es ist doch eh schon alles klar". Auch damals wurden alle festgenommen. Der Kopf von "Wir", Roman Dobrochotow, erhielt fünf Tage Arrest für Beschimpfung der Polizei – dabei hatte er seinen Mund mit Klebeband zugeklebt.

Viele Mitglieder von "Wir" sind schon einmal von der Polizei festgenommen worden, den Rekord hält Sascha. Er hat viermal gesessen. "Das kostet Zeit und Nerven. Das zwingt dich, mit Leuten zu reden, die völlig andere Ansichten haben. Denen man beweisen muss, dass es keine amerikanische Weltverschwörung gibt. Aber das ist es wert", sagt er. Mit ihren kreativen Aktionen hat "Wir" ein Ziel: "Die Aktionen sollten wirklich die Weltsicht derjenigen verändern, die sie sehen", fasst es Anja zusammen.

Doch außer mit der Polizei kann "Wir" bei dieser Demo mit kaum jemandem ihre Weltsicht diskutieren. Zwar berichtet die Gruppe ausführlich im Internet von ihrer Aktion, doch unter dem Gogol-Denkmal bleiben die Aktivisten alleine. Dafür hatte die Miliz noch vor der Kundgebung gesorgt.

Autor: Erik Albrecht
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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