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Politik

Wendepunkt der internationalen Bosnien-Politik

Zehn Jahre sind seit dem 28. August 1995 vergangen, als die serbische Artillerie auf dem Marktplatz von Sarajevo 37 Menschen mit einer Granate tötete. Der Anschlag fand in den internationalen Medien großen Widerhall.

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Erste Hilfe nach dem Angriff 1995

Der Angriff auf den Marktplatz im August 1995 erinnert heute die Einwohner von Sarajevo an dreieinhalb Jahre Belagerung und Terror, dem sie durch den Beschuss ihrer Stadt ausgesetzt waren, sowie an ihr Gefühl, von der Weltgemeinschaft verlassen worden zu sein, die erst spät auf ihr Leiden reagierte. An fast genau dem gleichen Ort war bereits 1994 ein noch schwererer Granatenangriff geschehen.

Viele Zivilisten starben in Sarajevo

Der Marktplatz von Sarajevo, der umringt von Gebäuden genau in der Mitte der Altstadt liegt, war zweimal Ziel von Artillerieangriffen, die insgesamt 104 Menschenleben gekostet haben. Mehr als zweihundert Menschen wurden dabei verletzt. Vor zehn Jahren, am 28. August, also

kurz vor dem Ende des Krieges, starben 37 Menschen. Aber bereits mehr als ein Jahr zuvor - am 5. Februar 1994 - waren bei einem ähnlichen Granatenangriff schon 67 Zivilisten ums Leben gekommen. Aber der Marktplatz war nur einer von vielen Orten, an denen in Sarajevo während der Belagerung Zivilisten erschossen wurden.

Der Sarajevoer Schriftsteller Senadin Musabegovic erinnert sich: "Das Massaker auf dem Marktplatz war nur eins von einer ganzen Reihe von Massakern, die jeden Tag in Sarajevo stattgefunden haben. Nicht nur dieses Massaker war entscheidend. Im Rahmen der Belagerung von Sarajevo sind ja Tag für Tag bis zu fünfzehn Menschen ums Leben gekommen. In den Gräbern von Sarajevo liegen etwa 15.000 Kriegsopfer. Es gab viele Opfer, die nicht von den Fernsehkameras aufgenommen wurden. Und zynisch ist es, dass das, was von den Kameras nicht erfasst wurde, für die internationale Gemeinschaft nicht existiert hat."

Politische Lösung gescheitert

Für die internationale Gemeinschaft war der Vorfall aber von besonderer Bedeutung, während er für die Einwohner von Sarajevo nur einer von vielen Leid erfüllten Tagen in der Zeit der dreieinhalbjährigen Belagerung war. Musabegovic sagt, dass die bitterste Erfahrung war, keinen Schutz mehr zu verspüren: "Alle haben in der Zeit der Belagerung verspürt, dass sie keinen Schutz mehr durch irgendein politisches System hatten, welches das Leben des Einzelnen hätte schützen können. Wir fühlten uns von allen internationalen Institutionen verlassen, die Schutz gewährt hätten. Am schlimmsten war aber die Passivität der internationalen Streitkräfte, die durchaus in der Lage gewesen wären, zu intervenieren, dies aber nicht getan haben - und das in der Welt in der wir heute leben."

Die internationale Gemeinschaft hatte die meiste Zeit des Krieges versucht, eine politische Lösung zu finden, und auf Verhandlungen zwischen den Krieg führenden Seiten bestanden. Die Kräfteverhältnisse dieser Seiten waren aber nie gleich. Sarajevo lag unter schwerem Artillerie- und Sniperfeuer, während die Armee der bosnischen Serben bestückt mit schweren Waffen und großen Munitionsreserven von den Bergen ringsum in die Stadt schoss. Der Angriff auf den Marktplatz signalisierte der internationalen Gemeinschaft, dass diplomatische Bemühungen für Friedensverhandlungen auch mit glaubhafter militärischer Macht gekoppelt werden müssen, um Erfolg zu haben.

Schwere Kriegsverbrechen

Franz Lothar Altmann, Südosteuropa-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, beschreibt die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, einen Frieden herbeizuführen, noch am Vorabend des Anschlags. In den Tagen zuvor sei der US-Vermittler Richard Holbrooke ständig unterwegs gewesen und habe versucht, einen Friedensprozess in Gang zu setzen. "Er wurde dabei offensichtlich immer frustrierter. Noch einen Tag bevor dieses Geschoss auf den Markt von Sarajevo einschlug war noch einmal eine Warnung an die bosnischen Serben ergangen, dass die NATO wirklich intervenieren würde, wenn der Verhandlungsprozess nicht endlich in Gang käme."

Der Anschlag vom 28. August war nach Altmanns Worten nur der letzte in einer Reihe schwerer Kriegsverbrechen, die letztlich zu einem Umschwenken der internationalen Politik geführt haben. Nur wenige Monate zuvor war Srebrenica gefallen, und es zeichnete sich durch Berichte der Überlebenden ab, dass dort ein Völkermord stattgefunden hatte.

Angriff brachte Wende

"Es war ein Aufschaukeln des Unwillens und ein Gefühl der Ohnmacht, dass man tatsächlich mit einem Friedensprozess nicht vorankommt, ohne militärisch einzugreifen. Diese zweite Attacke auf Sarajevo war dann der Wendepunkt, der ja dann auch den Frieden in Bosnien und Herzegowina herbeibrachte", sagt Altmann.

Die Nato begann zwei Tage nach dem Anschlag mit Luftangriffen. Altmann sieht darin den Beginn vom Ende des Krieges: "Es hat ja dann doch noch einige Zeit gedauert, da die Nato ja noch bis zum 14. September Bombenangriffe durchgeführt hat. Es dauerte also noch einige Zeit, bis besonders die serbische Seite dann bereit war, einen Waffenstillstand zu unterschreiben."

Ideologien noch in den Köpfen

Fast zehn Jahre schweigen jetzt die Kanonen, aber noch immer tut sich Bosnien schwer mit der Entwicklung einer toleranten und demokratischen Gesellschaft. Senadin Musabegovic sieht die Gründe dafür in der blutigen Teilung und ethnischen Säuberung des Landes. Seiner Meinung nach sind die nationalistischen Ideologen noch aktiv und Ideologien noch in den Köpfen der Menschen - trotz der Anwesenheit der internationalen Gemeinschaft.

Musabegovic erklärt: "All die politischen Strukturen, die auf staatlicher Ebene das Verbrechen organisiert hatten, zum Beispiel durch benachbarte Republiken, die Bosnien und Herzegowina umzingelt hatten, sind noch immer da. Sie haben vielleicht nur ihr politisches Vorzeichen geändert. In Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg jede Tätigkeit der nationalsozialistischen Partei verboten. Hier versucht die internationale Gemeinschaft noch immer, mit diesen Menschen einen Kompromiss zu erzielen."

Noch immer leugnen einige Politiker in Bosnien, dass der Angriff auf den Marktplatz von den Belagerern Sarajevos ausgeführt wurde. Andere argumentieren, dass dem Zusammenleben in der Zukunft mehr gedient sei, wenn Wahrheiten, die der einen oder anderen Seiten unangenehm sind, besser in Vergessenheit geraten. Musabegovic widerspricht dem jedoch: "Dass die Wahrheit im Interesse des Friedens verfälscht werden soll, ist absolut falsch. Das Prinzip des Rechts darf auch nicht für den Frieden betrogen werden."

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