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Deutschland

Wende-Kinder: Aufgewachsen in zwei Staaten

Bundespräsident Gauck hat ostdeutsche Jugendliche in seinen Amtsitz eingeladen. Sie haben zwei politische Systeme erlebt, nennen sich "Dritte Generation Ost". Präsident und Jugendliche sind sich einig: Das prägt.

Es ist ein Termin ganz nach dem Geschmack von Bundespräsident Joachim Gauck. Umringt von Jugendlichen, die wenige Jahre vor dem Fall der Mauer 1989 geboren wurden, will der Bundespräsident über das sprechen, was ihm ganz besonders am Herzen liegt: die jüngere deutsche Geschichte. Die rund 150 jungen Erwachsenen, die am Donnerstag in Gaucks Berliner Amtssitz im Schloss Bellevue vor ihm sitzen, bezeichnen sich selbst als die "Dritte Generation Ostdeutschland".

Mitglieder des DDR-Jugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ) bei den Feiern zu 40 Jahre DDR (Foto: picture-alliance/dpa)

Erst Dikatur, dann Demokratie. Viele junge Deutsche haben beide politischen Systeme erlebt

Sie gehören zu einem 2010 in Berlin gegründeten Netzwerk von inzwischen mehr als 1000 Mitgliedern, die allesamt eines gemeinsam haben: Als Kind sind sie in den letzten Jahren der DDR groß geworden. Als junge Erwachsene wuchsen sie im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 ins Berufsleben und in die Mündigkeit hinein. Sie gehören zu den Jahrgängen 1975 bis 1985 und haben damit zwei unterschiedliche politische Systeme erlebt: eine zentral gelenkte Diktatur sozialistischer Prägung und nach der Wiedervereinigung eine gesamtdeutsche Demokratie im Umbruch.

Gauck: "Die Dritte Generation Ost fragt anders"

Für Gauck sind sie eine Generation voll von Wende-Experten, die andere Fragen stellen können als die Generation vor ihnen: "Es macht einen Unterschied, ob sie als Enkelkinder der Dritten Generation ihre Großeltern fragen, wo warst du damals oder ob ein Zeitgenosse, der zu Zeiten der Diktatur zu den Unterdrückten gehört hat, vor die Menschen tritt, die kritisch befragt werden müssen."

Der Bundespräsident fordert die Jugend auf, andere Fragen zu stellen Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Der Bundespräsident fordert die Jugend auf, andere Fragen zu stellen

Gauck verspricht sich viel von einem unverkrampften, unvoreingenommenen und neugierigen Blick auf die Vergangenheit. Denn genau eine solche Herangehensweise könne dazu führen, so Gauck, "dass viele Zeitzeugen noch einmal ganz andere Antworten geben".

Für den Mann im höchsten Amt des Staates wäre das ein Glücksfall, denn die Aufarbeitung des DDR-Unrechtssystems ist für ihn eine Frage der persönlichen Biografie. Gauck arbeitete in der DDR als Pastor und schloss sich früh dem kirchlichen Widerstand gegen das SED-Regime an. Nach der Wende und der friedlichen Wiedervereinigung des Landes wurde er zum Chef der Behörde berufen, die das Bespitzelungsarchiv des DDR-Geheimdienstes den verfolgten Opfern zugänglich machen sollte, die sogenannte Stasi-Unterlagenbehörde. Als Gauck am 18. März 2012 als elfter Bundespräsident Deutschlands vereidigt wurde, dann stand zum ersten Mal ein Ostdeutscher an der Spitze des Staates. Damit ist für ihn die Überwindung der Teilung Deutschlands in Ost und West zum Lebensthema geworden.

Jetzt beginnt die Aufarbeitung der Aufarbeitung

Schnell betont er dann aber, dass die Generation, die vor ihm sitzt, da schon einen ganzen Schritt weiter sei. Denn viele Jugendliche und junge Erwachsene seien des Geredes der Älteren über die Unterschiede zwischen Ost und West ohnehin schon längst überdrüssig geworden. Sie fühlten sich als Europäer, oder aber als Niedersachse, Bayer oder Schwabe und dächten schon längst nicht mehr in den Kategorien von "Ossi und Wessi".

Wie weit sind Ost und West in Deutschland schon aufeinander zugegangen?

Wie weit sind Ost und West in Deutschland schon aufeinander zugegangen?

Für Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ist das eine gute Vorraussetzung, um mit einer selbstbewussten, neuen Generation auch eine neue Phase der Aufarbeitung der ostdeutschen Geschichte einzuläuten. Zwar solle die Beschäftigung mit dem Schrecken der SED-Diktatur unvermindert weitergehen. In Zukunft müsse aber auch noch eine andere Zeit viel genauer unter die Lupe genommen werden, fordert Kaminsky.

Anna Kaminsky von der Stiftung Aufarbeitung

Anna Kaminsky von der Stiftung Aufarbeitung

"Ein Vierteljahrhundert nach den Umbrüchen von 1989 ist es an der Zeit, die Jahre nach 1990 stärker in den Blick zu nehmen." Da gebe es nämlich nicht nur die großen Erfolge im Prozess der Wiedervereinigung und der europäischen Einigung, sondern auch so manche Verwerfung. "Wir müssen mehr wissen, insbesondere auch über die Schicksale derer, die objektiv oder subjektiv unter die Räder dieser Entwicklung geraten sind."

Sabine Rennefanz ist nicht unter die Räder geraten. Die heute 40-Jährige ist in der DDR nahe Eisenhüttenstadt aufgewachsen, lebte im Schatten eines 15.000-Mitarbeiter-Stahlwerkes, das nach der Wende abgewickelt wurde. Sie ist vielfach preisgekrönte Journalistin und hat als Autorin über ihre Zeit als Wendekind geschrieben. Die Wende brachte ihr keine Nachteile, aber sie brachte ihr Angst und Wut. "Eisenkinder: die Wut der Wendegeneration" heißt ihr Buch, in dem sie beschreibt, wie unterschiedlich das Leben in Ost und West in den 1990er-Jahren spielte, obwohl Deutschland eigentlich schon wiedervereinigt war. "Ich habe einfach gemerkt, es hat etwas mit mir gemacht, dass ich dort in diesem Chaos aufgewachsen bin und eben erlebt habe, wie Millionen von Leuten arbeitslos geworden sind und wie Institutionen zusammenbrachen."

Transformationsexperten werden auch in Zukunft gebraucht

Wissenschaftler nennen das, was Sabine Rennefanz anschaulich beschreibt, nüchtern und emotionslos die persönliche Prägung durch einen Transformationsprozess, also den Übergang von einem politischen und wirtschaftlichen System zum nächsten. Karl Ulrich Mayer hat sich sein ganzes Berufsleben als Soziologe nüchtern und sachlich solche Umbrüche von menschlichen Biografien angesehen. Unter anderem beschäftigte er sich mit der Frage, wie lange es wohl dauern werde, bis die innnere Spaltung der deutschen Gesellschaft in Ost und West überwunden ist. Mittlerweile ist er Präsident der Leibnitz-Forschungsgemeinschaft und hat eine nüchterne, aber wohl realistische Antwort gefunden: "Möglicherweise dauert die Spaltung länger als die DDR," so Mayer.

Ein Bagger steht bei Abrissarbeiten an einem DDR-Plattenbau am 24.06.2013 in Leipzig (Sachsen). Leerstand und Abriss waren lange Jahre die prägenden Themen in den ostdeutschen Neubauvierteln. Zehntausende Wohnungen wurden abgerissen. Inzwischen stabilisiert sich die Lage in den Wohngebieten. Im Leipziger Neubauviertel Grünau sind die Bevölkerungszahlen 2012 erstmals seit dem Mauerfall stabil geblieben. Rund 41 000 Menschen wohnen derzeit in Grünau, 1989 waren es 85 000. Foto: Jan Woitas

Ein Land wird abgerissen: Viele Ostdeutsche empfanden die Wende als Verlust ihrer Biografie

Ähnlich sieht es Autorin Sabine Rennefanz: "Die DDR hat 40 Jahre gedauert und man kann, glaube ich, auch nicht erwarten, dass dann nach 10 oder 20 Jahren einfach alles weg ist und dass es da keine Prägung mehr gibt." Im Gegenteil, sie und viele andere der "Dritten Generation Ost" sind der Überzeugung, dass ihre Umbruchserfahrungen auch für die Politik heute relevant sein könnten.

Außerdem wird im kommenden Jahr viel öffentliches Interesse auf die Umbrüche in der deutschen Geschichte gelenkt werden. 2014 wird in Deutschland ein "Supergedenkjahr", in dem sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal jährt. Gleichzeitig wird auch an den Beginn des Ersten Weltkrieges erinnert, der 100 Jahre zurückliegt. Und es wird dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen vor 75 Jahren gedacht und damit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Verein "Dritte Generation Ostdeutschland" hat bereits angekündigt, sich dann wieder zu engagieren.

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