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Asien

Wen Jiabaos verborgene Reichtümer

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hat ein Image als bescheidener Diener des Staates aufgebaut. Aber seine Familie soll während seiner Amtszeit ein riesiges Vermögen angehäuft haben.

China Ministerminister Wen Jiabao (Foto: Xinhua/Reuters)

China Ministerminister Wen Jiabao

Das Buch des chinesischen Schriftstellers Yu Jie mit dem Titel "Wen Jiabao - Chinas bester Schauspieler" erschien 2010 in Hongkong. Auf dem Festland ist das Buch  verboten. Die zentrale These lautet: Chinas Premierminister Wen Jiabao ist kein menschenfreundlicher Reformer, sondern ein populistischer Autokrat. Das sorgfältig geprägte Bild Wen Jiabaos vom Anwalt der kleinen Leute und vom sauberen Staatsmann könnte jetzt weitere Risse bekommen. In der vergangenen Woche hatte die "New York Times" einen Bericht über die Vermögensverhältnisse der Familie von Wen Jiabao veröffentlicht. Nach den Recherchen der Zeitung summiert sich der Reichtum des Clans auf rund 2,1 Milliarden Euro. In einer aufwendigen Grafik wurden die komplizierten Geschäftsbeziehungen der Familienmitglieder aufgeschlüsselt.

Gebäude der der New York Times (Foto: dpa)

Die New York Times brachte Wen Jiabao in Erklärungszwang

Als erste chinesische Reaktion wurde die erst im Juni gestartete chinesisch-sprachige Webseite der "New York Times" ebenso gesperrt wie die englische Ausgabe, sämtliche Kommentare und  Diskussionen im Internet zu dem Thema gelöscht. Die zweite Reaktion: Zwei Anwälte der Familie Wen veröffentlichten ein Statement der Familie Wen. Darin heißt es unter anderem, die in dem Artikel genannten "versteckten Reichtümer" würden nicht existieren, wesentliche Teile des Berichts seien erlogen, Wen Jiabao habe seine Familienangehörigen in keiner Weise begünstigt.

Offizielle Daten als Quelle

Nach eigenen Angaben hat sich die "New York Times" allerdings nicht auf zweifelhafte Zuträger gestützt, sondern auf öffentliche Quellen. Der Autor des Berichts, David Barboza, beschreibt in einem separaten Artikel, wie Informationen aus den lokalen Büros der staatlichen Industrie- und Handelsverwaltung in Beijing, Shanghai, Shenzhen und anderen Städten zusammengetragen wurden. Demnach hat die "New York Times" die umfangreiche Recherche bereits Ende letzten Jahres begonnen. Dabei sei ein Netzwerk von Freunden und Verwandten sichtbar geworden, das in den letzten zehn Jahren, also in der Amtszeit Wens, extrem reich geworden sei. 

Chinas designierter Staats- und Parteichef Xi Jinping (Foto: AP)

Auch die Vermögensverhältnisse der künftigen Nr. 1 Xi Jinping wurden schon analysiert, zum Missvergnügen Pekings.

In ähnlicher Weise hatte bereits im Juni das Medienunternehmen Bloomberg Xi Jinping durchleuchtet - den Mann, der beim bevorstehenden 18. Parteitag vermutlich zum Parteichef gekürt werden wird. Bloomberg errechnete für die Familie von Chinas künftig mächtigstem Mann ein Vermögen von rund 300 Millionen Euro. Die unmittelbare Folge: Bloomberg wurde in China gesperrt.

Bereicherung der Elite

Derartige Enthüllungen sind für Chinas Machthabern immer störend. Jetzt, kurz vor dem für Anfang November geplanten Führungswechsel, kommt der Bericht über die vermeintlichen Reichtümer der Familie Wen der Parteiführung extrem ungelegen. Kaum etwas erregt die chinesische Bevölkerung so sehr wie Berichte über die maßlose Bereicherung der politischen Elite. Eine Mitte Oktober veröffentlichte Umfrage des "Pew Global Attitudes China Project" ergab: Eine wachsende Zahl von Bürgern in China sorgt sich wegen der ausufernden Korruption und der wachsenden Ungleichheit im sogenannten "Sozialismus mit chinesischen Merkmalen".

Und gerade im Jahr des Machtübergangs häufen sich Berichte über Machtmissbrauch, Korruption, Vetternwirtschaft. Vor allem der Skandal um den Sturz des Parteichefs von Chinas größter Stadt Chongqing, Bo Xilai, hat jede Menge unerwünschten Staub aufgewirbelt. Da ging es nicht allein um Mord an dem Briten Neill Heywood, für den die Frau Bo Xilais im August zum Tode verurteilt wurde, mit zweijährigem Aufschub. Da ging es auch um gigantische Vermögenswerte, die illegal ins Ausland geflossen sind.

Luxusleben der Funktionärskinder

Ein Ferrari F12 berlinetta auf dem Pekinger Autosalon (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein schwarzer Ferrari - das ultimative Statussymbol für Chinas höhere Söhne.

Unerwünschtes Licht auf den Lebensstil der hohen Kader und ihrer Familienangehörigen warf ausgerechnet ein Autounfall: Im März berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua zunächst sehr knapp über einen nächtlichen Unfall auf einer Pekinger Stadtautobahn. Ein damals nicht namentlich genannter junger Mann war mit einem Ferrari verunglückt, mit an Bord zwei junge Damen. Nach und nach sickerte durch, dass es sich bei dem Verunglückten um den Sohn von Ling Jihua handelt, einem engen Vertrauten des derzeitigen Staats - und Parteichefs Hu Jintao. Die beiden Frauen sollen nur leicht bekleidet gewesen sein. Ling Jihua wurde sechs Monate später auf einen niedrigeren Posten versetzt. Sein sicher geglaubter Aufstieg ins Politbüro ist gescheitert. Suchanfragen mit dem Begriff Ferrari im Internet werden blockiert.

Die Partei will verhindern, dass die Bevölkerung den Eindruck bekommt, nichts habe sich in den letzten 2000 Jahren in China geändert. Im 2. Jahrhundert vor Christus, so erzählt es die Legende, sei es dem Prinzen Liu An nach vielen Versuchen endlich geglückt, das Elixier der Unsterblichkeit herzustellen. Nachdem er davon getrunken und in den Himmel aufgefahren sei, sollen auch die Hunde und Hühner aus seinem Haushalt von den Resten genascht und ebenfalls unsterblich geworden sein. Seitdem gilt in China das geflügelte Wort: Wenn jemand unsterblich wird, kommen selbst seine Hunde und Hühner in den Himmel. Der Bericht über das Vermögen des Clans von Wen Jiabao scheint zu bestätigen, dass den Angehörigen der Mächtigen in China zumindest der Himmel finanziellen Reichtums offen steht.