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Asien

Wen Jiabao Superstar

Der chinesische Autor Yu Jie hat ein äußerst kritisches Buch über den beliebten Ministerpräsidenten Wen Jiabao geschrieben. Nun wird heftig diskutiert: Ist Wen Jiabao ein Reformer, oder ein Schauspieler?

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao (Bild: AP)

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao

Jeder Schauspieler muss lernen, auf Kommando zu weinen. Chinas einflussreichster Filmstar beherrscht diese Kunst perfekt – sagen seine Kritiker. Warum das eine Kritik ist? Wen Jiabao verdient sein Geld nicht mit Filmromanzen und Action-Streifen. Er ist Premierminister von China. "Im Netz nennt man Wen Jiabao den Schauspielerkaiser", sagt die Pekinger Kultursoziologin Cui Weiping. "Wie ein Kaiser im Film taucht er an allen möglichen Orten auf und vergießt Tränen. Dieser Name hat sich rasant verbreitet, wenn jemand in China vom Schauspielerkaiser spricht, versteht jeder, wer gemeint ist."

Treusorgender Landesvater

Buchcover von Wen Jiabao, Chinas Schauspielerkaiser (Bild: AP)

Buchcover von "Wen Jiabao, Chinas Schauspielerkaiser"

Das bevorzugte Genre des Schauspielers ist das Sozialdrama. "Opa Wen" haben die Chinesen den populären Premierminister wegen seiner Fernsehauftritte als treusorgender Patriarch getauft. Wo immer in China das Volk mit Schicksalsschlägen oder Unrecht zu kämpfen hat, taucht der Premierminister auf, begleitet von Kameras. Er schüttelt Hände, nimmt Kinder in den Arm und findet die richtigen Worte. So auch vor kurzem in der Stadt Zhouqu, wo zuvor hunderte Menschen bei einem Erdrutsch verschüttet worden waren. Hemdsärmlig kletterte Wen mit den Rettungstrupps über die Trümmer. "Haltet durch, wir holen Euch da raus", rief er einem Eingeschlossenen zu, erkundigte sich, ob unter den Verschütteten Kinder seien und reichte Wasser durch eine kleine Lücke in den Trümmern. Hinterher erklärte er den Bewohnern: "Wir müssen jetzt Hand in Hand und mit vereinter Kraft die Dinge tun, die getan werden müssen", spracht er zu den Menschen um sich herum. "Ich glaube, dass die Einwohner den Willen haben, sich unter entschlossener Führung der Regierung zusammenzuschließen, und wir so gemeinsam ein neues, schöneres Zhouqu errichten können."

Chinas Politbüro, in der Mitte Staatspräsident Hu Jintao, links neben ihm Wen Jiabao (Bild: AP)

Chinas Führungsspitze, in der Mitte Staatspräsident Hu Jintao, links neben ihm Wen Jiabao

Doch Wens Volksnähe kommt nicht überall gut an. Der chinesische Autor Yu Jie hat vor kurzem ein Buch "Chinas Schauspielerkaiser Wen Jiabao" geschrieben. Darin nimmt er die Auftritte des Ministerpräsidenten spöttisch auseinander. Trotz Warnungen des Geheimdienstes veröffentlichte Yu Jie es letzte Woche in Hong Kong. Im Text zitiert er eine Begebenheit, als Wen Bewohnern in einem Dürregebiet einen lyrischen Haussegen schrieb: "Die Berge sind rein, das Wasser ist klar, die Natur ist schön. Die Menschen erhaben, das Land gesegnet und Atmosphäre frisch. Jeder Tag ist wie neu, jeder Monat ist anders." Spöttisch fügt er hinzu: "Wenn das Leid der Menschen in einem Katastrophengebiet ihn zu solcher Lyrik inspiriert, dann muss der Ministerpräsident mit wahrem Talent gesegnet sein.“

Anders als der Rest der Führung

Im Internet ist eine heftige Diskussion über die Ansichten Yu Jies entbrannt. Denn der rührige und oft auch rührselige Ministerpräsident tritt nicht nur als treusorgender Landesvater auf, unter den wächsernen Gestalten des Politbüros ist er auch derjenige, der unangenehme Wahrheiten anspricht. Etwa, dass das Meldegesetz bis heute Wanderarbeiter von wichtigen sozialen Leistungen ausschließt oder die Justiz oft ungerechte Urteile fällt. Zuletzt forderte er wieder "politische Reformen", mit denen China rechtsstaatlicher und demokratischer werden sollte. Hu Ping, Chefredakteur der Dissidenten-Zeitschrift "Beijing Spring" in New York, verfolgt die Debatte aus dem Exil. "Es ist natürlich richtig und nötig, die Führung der Kommunistischen Partei zu kritisieren", sagt er. "Aber man hätte etwas mehr differenzieren müssen. Wen Jiabao unterscheidet sich in dem, was er sagt und tut von den anderen Führern der Kommunistischen Partei." Es sei gar nicht so wichtig, ob Wen ernst meine, was er sagt, oder welche Absicht er damit verfolgt. "Aber die Menschen können sich auf seine Aussagen berufen, wenn es darum geht, ihre Rechte zu verteidigen."

China Generalsekretär Zhao Ziyang

Zhao Ziyang spricht zu den Studenten. Neben ihm Wen Jiabao (2. v.r.)

Wen Jiabao trat übrigens - auch das passt irgendwie zu seinem Schauspieler-Image - zunächst als Statist ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ende Mai 1989, als die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrierten, trat der damalige Parteivorsitzende Zhao Ziyang spätnachts zu ihnen auf den Platz. "Wir sind zu spät gekommen", bekannte er unter Tränen. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt, der Reformer musste abtreten, die Hardliner ließen die Demonstranten niederschießen. Neben Zhao ist auf einem Foto deutlich der junge Wen Jiabao zu sehen, damals Leiter des zentralen Parteibüros. Wie er die anschließenden Säuberungen in der Partei überstehen konnte, ist vielen bis heute ein Rätsel. Die Aufnahmen von damals zeigen ihn mit ernstem Gesichtsausdruck, aber ohne sichtbare Gefühlsregungen. Vielleicht hat er einfach damals schon seine Rolle perfekt gespielt.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Miriam Klaussner