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Kunst

Wem gehören Afrikas Kulturgüter?

Vor hundert Jahren endete die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika. 30 Jahre gelangten viele Kulturgüter durch Raub, Schenkung oder Tausch nach Europa. Heute rückt die Erforschung ihrer Herkunft in den Mittelpunkt.

Sie sind klein und zierlich und doch voller Sprengkraft: Im Jahr 1897 wurden mehr als tausend Bronze-Skulpturen aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria von den Briten mitgenommen. Das Königreich wurde Teil des britischen Kolonialgebiets im heutigen Nigeria, die Bronzen kamen nach Großbritannien. Von dort aus wurden sie an Museen und Sammler in der ganzen Welt verkauft. Der Kunsthistoriker Ekpo Eyo hatte schon in den 1960ern Teile der Bronzen zurückverlangt. Lange Zeit war Ruhe. Nun, sagt Mareike Heller von der Nichtregierungsorganisation AfricAvenir, versuchen Nachkommen des Königs von Benin und nigerianische Kunsthistoriker es erneut und wollten die Bronzen zurück. Schließlich seien die Kunstgegenstände bei einem kriegerischen Überfall der Briten auf das Königreich der Benin gestohlen worden. Die Museen aber sähen sich als Käufer und damit als rechtmäßige Besitzer, die Forderungen hätten für sie nicht dieselbe Verbindlichkeit wie ein staatliches Dokument. "Bis jetzt wurde auf keine dieser Forderungen oder offiziellen Anfragen direkt reagiert", so Heller.

Der Umgang mit Kunstobjekten wie den Benin-Bronzen ist kompliziert. Wer ist im Recht? Überhaupt scheint alles kompliziert und vielschichtig. Schon auf die Frage, wie viele Objekte sich überhaupt außerhalb Afrikas befinden, gebe es eigentlich keine Antwort, sagt die Leiterin des Bremer Übersee-Musems, Wiebke Ahrndt: "Es gibt kein Register über Sammlungsbestände weltweit. Deswegen ist das nicht feststellbar, wie viele Exponate es in den Museen in Europa oder auch in den USA oder Asien gibt." Im Bremer Übersee-Museum umfasst die Afrikasammlung rund 20.000 Objekte, davon stammen etwa 5000 aus ehemaligen deutschen Kolonialgebieten.

Bremen Übersee-Museum (CC-Jürgen Howaldt)

Die Afrikasammlung des Bremer Übersee-Museums, das 1896 eröffnet wurde, umfasst 20.000 Objekte

"Vorsicht vor Schwarz-Weiß-Malerei"

Die Gegenstände - Waffen, Haushaltsgeräte oder Musikinstrumente - seien dabei ebenso heterogen wie die Gründe, warum sie Afrika verlassen hätten, so die Ethnologin. "Deutsche Völkerkundemuseen sind alle im Kontext der Kolonialzeit entstanden. Damals herrschte der Wunsch, Kulturen in ihrer Gänze mit ihrem materiellen Kulturbesitz abzubilden." Die Sorge, dass die Kulturen untergehen würden, habe zu einer regelrechten Sammelwut geführt. Manche Objekte seien aber auch von Einheimischen speziell für europäische Museen angefertigt worden.

Die Museumsdirektorin warnt davor, die Herkunft der Objekte nur schwarz-weiß zu betrachten: "Es hat alles gegeben - Diebstahl, aber eben auch Kauf, Tausch und Schenkungen." Rückgabe-Forderungen jedenfalls, wie im Falle der Benin-Bronzen, kämen viel seltener vor als gemeinhin angenommen. Auch, weil es sich bei den meisten Objekten nicht um Kunstschätze, sondern um Alltagsgegenstände handele.

"Rückgabe-Forderungen werden zunehmen"

Mareike Heller von AfricAvenir fordert dennoch einen anderen Umgang mit den Objekten. Diese seien Zeugnis der Ungleichheit in der Kolonialzeit: "Sie wurden nach Europa gebracht, um sie in Museen zu stellen, um einen Anspruch auf das Land zu stellen und Kolonialismus zu legitimieren." Die Aktivistin rechnet damit, dass die Rückgabe-Forderungen in den kommenden Jahren zunehmen werden. In Ländern wie Ghana und Nigeria beispielsweise werde immer mehr darüber nachgedacht, wo und wie der eigenen Kultur und Geschichte gedacht werden könne.

Dennoch sollten die Museen nicht warten, bis der Wunsch nach Rückgabe vorgebracht werde, sondern "grundsätzlich davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Besitz nicht rechtmäßig ist." Das passiere viel zu selten. Auch dem Berliner Humboldt Forum wirft Heller eine unkritische Haltung vor. Teile der Ausstellung des Museums, das 2019 im Berliner Schloss eröffnet werden soll, stammen aus den ehemaligen deutschen Kolonien. "60 Prozent der zwischen 1885 und 1914 auf dem afrikanischen Kontinent gesammelten Objekte stammen aus deutschen Kolonien. Aus den Kolonialgebieten in der Südsee waren es fast 90 Prozent", so Heller. Sie engagiert sich auch bei "NoHumboldt21", einem Zusammenschluss verschiedener Organisationen, die das Konzept des Humboldt Forums im Berliner Schloss kritisieren.

Baustelle am Berliner Schloss Humboldt Forum (picture-alliance/dpa/G.Fischer)

Das Berliner Humboldt Forum soll 2019 eröffnet werden

Heller hält weiter das Konzept für fragwürdig, die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im ehemaligen Schloss der Preußen auszustellen: "Die Preußen waren eine Kolonialmacht und nun ziehen die Objekte in das Schloss zurück."

Museen in der Verantwortung

Hermann Parzinger, einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums, sieht die Situation hingegen als Chance: "Es kommt darauf an, wie wir jetzt in diesem Gebäude damit umgehen. Warum soll man nicht gerade in diesem Gebäude zeigen, dass wir heute ein anderes Land sind, das sich zu seiner Geschichte bekennt." Mit Kritik am Humboldt Forum, das auch ein Treffpunkt für Wissenschaftler werden soll, geht der Prähistoriker am liebsten konstruktiv um: "Wenn die Kritik darauf abzielt, dass man sagt, Sammlungsbestände des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus Afrika sind nicht rechtmäßig nach Europa oder Nordamerika gelangt, dann ist das etwas, das wir mit einer Intensivierung der Provenienz-Forschung ernst nehmen." Genau wie das Bremer Übersee-Museum betreibe auch das Humboldt Forum aktuell mehrere Forschungsprojekte zur Herkunft seiner Bestände. 

Hermann Parzinger (picture-alliance/dpa/T. Brakemeier)

Hermann Parzinger

So befänden sich in der Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums mehrere Gegenstände aus der Zeit des Maji-Maji-Aufstands, sagt Parzinger. Bei dem Aufstand in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (im heutigen Tansania) kamen rund 100.000 Menschen ums Leben. Parzinger will darum bald nach Tansania reisen, um mit Kollegen vor Ort gemeinsam zu überlegen, wie die Geschichte der Objekte am besten im Humboldt Forum erzählt und präsentiert werden könne. Für ihn stehen Museen in der Pflicht, ihren Beitrag zur Aufklärung zu leisten, schließlich seien sie Teil des kolonialistischen Systems gewesen. Zwar störe es ihn, wenn Museen zu den einzigen Sündenböcken gemacht würden, aber: "Museen müssen die Geschichte des Kolonialismus erzählen, wo soll sie sonst erzählt werden."

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