Weltweite Solidarität mit ″Charlie Hebdo″ | Kultur | DW | 11.01.2015
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Kultur

Weltweite Solidarität mit "Charlie Hebdo"

Nicht nur in Frankreich solidarisieren sich Millionen mit "Charlie Hebdo". Auch über die sozialen Netzwerke ist die Anteilnahme groß, ebenso unter Satirikern. Minütlich kommen Beileidsbekundungen.

"Islamist zu sein und in einem koscheren Supermarkt zu enden. Eine Zeitschrift zu töten und in einer Druckerei zu sterben. Wenn Gott existiert, hat er Humor", steht auf einem Plakat beim Pariser Solidaritätsmarsch für die Opfer der Terrorangriffe. Frankreich trotzt dem Terror und die Welt macht mit: Mehr als fünf Millionen Mal wurde der Hashtag JeSuisCharlie auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter allein bis Freitagabend (10.01.2015) nach der Attacke vom Mittwoch genutzt, teilte Twitter France mit. Der Hashtag wurde von Nutzern auf allen Kontinenten verwandt. Der Schwerpunkt lag in Europa und an der Ostküste der USA.

Übersichtskarte mit der Verbreitung des Hashtags #JeSuisCharlie auf Twitter - Foto: twitter.com/twitterfrance

Übersichtskarte mit der Verbreitung des Hashtags #JeSuisCharlie auf Twitter

Minütlich unterschreiben in Deutschland Menschen Beileidsbekundungen wie auf der Internetseite der Menschenrechtsorganisation "Reporter ohne Grenzen". Die hatte zur Solidarität mit dem französischen Satireblatt "Charlie Hebdo" aufgerufen und ein Online-Kondolenzbuch eingerichtet, mit dem Gedanken und Botschaften an die Hinterbliebenen des Attentats übermittelt werden könnten. Die Einträge sollen später als gedrucktes Kondolenzbuch an die französische Botschaft in Berlin übergeben werden. Geschäftsführer Christian Mihr betonte: "In dieser Situation gilt es deutlich zu machen, dass die Feinde der Pressefreiheit eine verschwindend kleine Minderheit sind."

Nach den Terroranschlägen in Paris hat auch die deutsche Buchbranche eine Internetseite für Solidaritätsbekundungen mit dem Satiremagazin eingerichtet. Unter WirsindCharlie.de haben sich bereits Dutzende Buchhandlungen und Verlage eingetragen, um sich für Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen. Zugleich rief der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Freitag zu Spenden für die Redaktion des Magazins sowie die Angehörigen der Opfer auf.

Mohammed-Karikaturist Westergaard hilft "Charlie Hebdo"

Auch der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard - der selbst durch islamistischen Terror bedroht ist - will das "Charlie hebdo" finanziell unterstützen. Laut Medienberichten will er eine Zeichnung mit dem Titel "Redefreiheit" verkaufen und den Erlös an "Charlie Hebdo" spenden. Der Däne hat eine Stiftung gegründet, die Künstler unterstützt, die Gewalt erleben oder verfolgt werden, weil sie ihre Meinung frei äußern.

Kurt Westergaard - Foto: Jens Kalaene (dpa)

Karikaturist Westergaard: Benefizaktion für "Charlie Hebdo"

Westergaard hat in der Vergangenheit für sein Engagement für Meinungs- und Pressefreiheit schon mehrere Preise bekommen, darunter den Leipziger "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien". Er lebt seit dem weltweiten Streit um seine Mohammed-Karikaturen, die 2005 in der Zeitung "Jyllands-Posten" erschienen waren, unter Polizeischutz. 2010 entging er nur knapp einem Mordanschlag. Der Täter hatte Verbindungen zur Al-Kaida.

Auch, wenn viele europäische Medien nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" die Karikaturen des Satiremagazins abdruckten, will "Jyllands-Posten" dies nicht tun. "Seit neun Jahren leben wir mit der Angst vor einem Terrorangriff", hieß es dazu in einem Kommentar der Zeitung. "Das zeigt, dass Gewalt wirkt", räumte die Redaktion ein. "Wir sind uns auch bewusst, dass wir uns damit der Gewalt und Einschüchterung beugen." Die Sicherheit der Mitarbeiter gehe jedoch vor.

Stärkere Selbstzensur?

Auch rund 200 Karikaturisten, Cartoonisten und Comiczeichner aus dem deutschsprachigen Raum zeigen sich solidarisch mit "Charlie Hebdo". In einer gemeinsam veröffentlichten Erklärung heißt es: "Dieser Anschlag war ein Anschlag auf die Freiheit der Presse, auf die Freiheit der Rede und die Freiheit der Kunst". Die Künstler versichern: "Wir werden uns auch in Zukunft nicht davon abhalten lassen, das zu veröffentlichen, was wir für richtig halten."

Der Kabarettist Dieter Nuhr befürchtet nach den Terroranschlägen eine stärkere Selbstzensur in der deutschen Unterhaltungsindustrie. "Sie können über Jesus Witze machen oder über den Papst oder sogar Helene Fischer, aber wenn man nicht suizidgefährdet ist, lässt man den Propheten aus", sagte Nuhr der "Rheinischen Post". Der Islamismus müsste aber weiter Thema der Programme von Kabarettisten sein. "Der Religionswahn ist lächerlich. Diese Gestalten, die mit wutverzerrten Gesichtern der ganzen Welt mit dem Tod drohen, die müssen lächerlich gemacht werden", sagte Nuhr. Er räumte aber auch ein, dass es Grenzen gebe, die er aus Selbstschutz nicht überschreiten wolle. "Wer nicht blind und taub war, hat seit Jahren gewusst, dass es Grenzen gibt, die man nicht überschreiten darf. Das ist eigentlich unerträglich und entsetzlich, aber real."

Kabarettist Dieter Nuhr - Foto: Uwe Zucchi (dpa)

Kabarettist Nuhr: "Der Religionswahn ist lächerlich"

Erst im November vergangenen Jahres war ein Verfahren gegen Nuhr eingestellt worden: Der Muslim Erhat Toka aus Osnabrück hatte Anzeige gegen ihn erstattet, weil Nuhr angeblich "blöde dumme Hetze" gegen den Islam betreibe. Toka hatte den Kabarettisten einen "Hassprediger" genannt. Anstoß nahm der Kläger an Sprüchen wie "Der Islam ist nur tolerant, wo er keine Macht hat" oder "Im Islam ist die Frau zwar frei, aber in erster Linie frei davon, alles entscheiden zu müssen". Die Staatsanwaltschaft begründete die Einstellung des Verfahrens damit, dass es in den Werken von Nuhr an der "fremdenfeindlichen Gesinnung" fehle, um den Volksverhetzungsparagrafen zu erfüllen. Auch das Kriterium der Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft sei nicht erfüllt, da es sich erkennbar um Satire handele.

Falsche Solidarität

Der niederländische "Charlie-Hebdo"-Zeichner Willem hat die Solidaritätsbekundungen einiger "neuer Freunde" der Zeitschrift zurückgewiesen. "Wir haben viele neue Freunde wie den Papst, Königin Elizabeth oder Putin. Da muss ich lachen", sagte der Karikaturist der niederländischen Zeitung "Volkskrant". Mit Blick auf Unterstützungsbekundungen des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders sagte Willem, "wir kotzen auf all die Leute, die plötzlich sagen, unsere Freunde zu sein". Der Zeichner betonte die Wichtigkeit, "Charlie Hebdo" auch weiter zu veröffentlichen. "Sonst haben sie gewonnen", warnte Willem mit Blick auf die Islamisten.

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