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Kultur

Weltweite Überbevölkerung - ein Mythos?

Sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Schwindende Ressourcen, giftige Müllberge, Hunger, Armut - ist alles eine Folge der Überbevölkerung? Im Film "Population Boom" hinterfragt Werner Boote diesen Gedanken.

Bereits in seinem ersten Film Plastic Planet stellte der österreichische Dokumentarist Werner Boote unangenehme Fragen. In dem Dokumentarfilm warnte Boote vor dem exzessiven Plastikverbrauch der Menschen. Damals hätten ihm viele Zuschauer gesagt, es gebe einfach zu viele Menschen und dadurch zu viel Müll. Für Boote klang das nach einer Ausrede. Sind wir wirklich zu viele? Und wenn ja, wer von uns denn dann zu viel? "Ich habe niemanden gefunden, der mir das ernsthaft und ohne menschenverachtend zu reagieren, beantworten konnte", so Boote im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Reisen rund um den Globus

Für den Filmemacher stellt sich eine völlig andere Frage: Wer oder was treibt das Katastrophenszenario "Überbevölkerung" an? Aus diesem Gedanken entwickelte er die Idee zu seinem neuen Film "Population Boom", der jetzt in den Kinos startet. Für Population Boom hat Boote Macht- und Finanzzentren der westlichen Welt, gigantische Slums und die menschenleere Weite Afrikas bereist.

Schreckenszahl "7 Milliarden"

Seine erste Etappe führte ihn nach New York. Es ist der 31.10.2011 - Halloween, das Fest der Toten. Eben diesen Tag hatte die UNO auserkoren, um die Geburt des siebenmilliardsten Menschen zu verkünden, nicht ohne in einem Atemzug auf Krieg, Klimawandel und Hungersnot, kurzum auf das "Überbevölkerungsproblem" hinzuweisen. Die Geburt eines weiteren hungrigen Erdenbürgers - bloß ein weiterer Sargnagel für unseren Planeten?

Population Boom Filmstills

Gigantische Slums in Indien

Ein festgefahrenes Weltbild

"Der Gedanke der Überbevölkerung ist ein festgefahrenes Weltbild, das seit den 1970er Jahren in unseren Köpfen ganz stark verankert ist", erläutert Boote. 1974 präsentierte die UN eine Agenda gegen Überbevölkerung - initiiert von den USA. Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum wie China, Mexiko oder Indien wurden dazu gedrängt, ihre Zuwachsraten zu verringern. Einerseits wurden diese Vorgaben über Zwangsmaßnahmen wie Sterilisationen oder Strafen geregelt. Andererseits wurden Anreize für eine niedrige Geburtenrate geschaffen. Dienstleistungen oder Ausbildungsmöglichkeiten für den Verzicht auf weitere Kinder. Auch heute noch greift man auf solche Mittel zurück: Im indischen Bundesstaat Rajasthan erhalten Frauen einen Küchen-Mixer, wenn sie sich sterilisieren lassen. In Indien finden 37% aller Sterilisationen weltweit statt.

Zenit bei 9,6 Milliarden

Laut Boote sei die Angst vor Überbevölkerung in den 1970er Jahren verständlicher gewesen als heutzutage: "Man wusste damals noch nicht, dass das Bevölkerungswachstum ein Ende haben wird." Demografen schätzen, dass die Bevölkerung Mitte dieses Jahrhunderts ihren Zenit bei 9,6 Milliarden Menschen erreicht. Danach wird sie wieder absinken. "Interessant ist, dass man das schon seit mehreren Jahren weiß, dass das in den Medien aber nie oder selten erwähnt wird."

Population Boom Filmstills

Werner Boote trifft die Ativistin Farida Akther

Die Angst vorm Teilen

Bootes Film liegen aufwendige, zweijährige Recherche- und Drehzeiten zugrunde. Er selbst sagt, unter Zeitdruck hätte er womöglich dieselben Phrasen nachgeplappert, wie sie allen voran von der UNO und der Weltbank propagiert werden. Es sei ja einfach, den Gedanken der Überbevölkerung als billigen Vorwand zu nehmen, um selbst nichts tun zu müssen: Es sind ja die "zu vielen Anderen", die Unheil anrichten.

Verblüffende Fakten

"Der springende Punkt ist die Angst vorm Teilen", sagt Boote. "Nicht Ressourcenknappheit und Platzmangel sind der Grund für Hunger und Armut, sondern ungerechte Verteilung und mangelnde soziale Gerechtigkeit." Bootes Film liefert erhellende Erkenntnisse: Etwa wenn man erfährt, dass das Pentagon täglich mehr Öl verbraucht als ganz Schweden. Oder dass die armen Länder mit höheren Geburtenraten die wenigsten fossilen Brennstoffe verbrauchen. Oder dass allein der Sudan das Potenzial hätte, eine Milliarde Menschen zu ernähren. Eben genau die Zahl an Menschen, die derzeit an Hunger leiden. "Nebenbei bemerkt: 1,5 Milliarden Menschen sind übergewichtig", so Boote.

Population Boom Filmstills

Werner Boote unterhält sich mit einem Masai in Kenia

Im Film kontrastieren die Bilder der endlos weiten, nahezu, menschenleeren ostafrikanischen Steppe reizvoll mit dem aus allen Nähten platzenden Tokio. Bootes Rechenexempel führt vor Augen, wie viel Platz eigentlich auf unserem Planeten wäre: "Wenn wir alle Menschen der Welt in das kleine Österreich bringen, dann hätte jeder 11 qm²." Das sei mehr, als wenn man lebenslang in einer Zelle eingesperrt wird. Dann müsste man auf nur 9 qm² leben, erzählt der Regisseur.

Ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit

Bootes Film endet mit einer sehr emotionalen Szene. In Tongi in Bangladesch brechen fünf Millionen Muslime nach dem Ende des jährlichen Biswa-Ijtema-Treffen auf, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren. Eine Szenerie, die von Journalisten auf der ganzen Welt bevorzugt zur Illustration des Problems "Überbevölkerung" verwendet wird. Boote mischt sich unter die Massen und fährt inmitten des Menschengewusels auf dem Dach eines völlig überfüllten Zugs mit.

Population Boom Filmstills

Ein überfüllter Zug in Bangladesh

Plädoyer für mehr Menschlichkeit

"Anfangs hatte ich fürchterliche, panische Angst, dass wir runterfallen und alle sterben", so der Regisseur. Doch was er dann erlebte, machte die Zugfahrt für ihn zu einem der glücklichsten Momente überhaupt - die Menschen halten einander wie selbstverständlich fest, damit niemand Schaden nimmt. "Ich habe erkannt, dass ganz egal, wie viele Menschen wir sind, es darauf ankommt, wie wir miteinander umgehen." Und so ist "Population Boom" nicht nur ein Plädoyer für mehr soziale Gerechtigkeit sondern auch für mehr Menschlichkeit. Es gehe darum, die Richtung zu hinterfragen, in die wir uns entwickeln. Und es ist ein Aufruf aktiv zu werden, "denn Boom bedeutet ja auch Aufschwung", so das Fazit von Werner Boote.

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