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Brasilien

Weltweit größtes Labor für gentechnisch veränderte Mücken

Ihr Leben dient nur einem Zweck: Transgene Labormücken sollen ihren Artgenossen in freier Wildbahn den Tod bringen und so das weit verbreitete Zika-Virus und andere Tropenkrankheiten eindämmen.

Gentechinisch verärderte aedes aegypti vor der Befreiung (DW/N.Pontes)

Gentechnisch veränderte Aedes aegypti vor der Befreiung

Während es im Norden der Welt immer kälter wird, beginnt auf der Südhalbkugel bald der Sommer: Hohe Temperaturen werden dafür sorgen, dass es wieder mehr Moskitos gibt, unter ihnen auch die gefürchtete Art Aedes aegypti, die ägyptische Tigermücke. Sie überträgt Viruserkrankungen wie Zika, Dengue und Chikungunya. Gerade in Brasilien, wo es bereits letztes Jahr einen epidemieartigen Ausbruch des Zika-Virus gab, fürchtet man, dass erneut viele Fälle auftreten werden. Das britische Unternehmen Oxitec hat vielleicht eine Lösung: gentechnisch veränderte Mücken.

Bis zu 60 Millionen männliche Mücken in der Woche produziert ein neues Labor in Piracicaba, einer Stadt im Bundesstaat São Paulo und das Oxitec gehört. Es ist der größte Produzent transgener Mücken weltweit.

Das von der Biologin Raquel Soares geleitete Team wurde speziell dafür ausgebildet, gentechnisch veränderte Mücken am Fließband zu erschaffen. Mit einem Mikroskop stellt Soares fest, welches Geschlecht die Mückenpuppen haben. Geboren wurden die Tiere im Labor und dann verschiedenen Prozeduren unterzogen. Diese Etappe überleben nur die männlichen Tiere.

Mückenhaus (DW/N.Pontes)

In einer Art Vorratsraum lagern im Labor von Piracicaba Millionen an Labormücken

Nach einem letzten prüfenden Blick durchs Mikroskop werden die Männchen in gesonderte Behälter gelegt. Sie kommen dann in Regale, die in einer Art Lagerraum stehen. Innerhalb der nächsten drei Tage, in denen sie mithilfe eines automatischen Systems ernährt werden, verwandeln sich die Puppen in ausgewachsene Mücken. 

Dann sind die Tiere soweit, dass sie freigelassen werden können. Bislang wurden Tests in zwölf Stadtteilen der 60.000-Einwohner-Stadt Piracicaba durchgeführt. Die gentechnisch veränderte Mücke OX513A soll helfen, die Ägyptische Tigermücke, zu bekämpfen. Denn sie ist Hauptübertäger verschiedener Viruskrankheiten wie Dengue oder Zika. Sie sind unter anderem in Südamerika weit verbreitet. 

"Diese Fabrik wurde in fünf Monaten gebaut. Das zeigt, dass es möglich ist, die Kapazitäten zu erhöhen, wenn es notwendig ist", sagt Hadyn Parry, Geschäftsführer von Oxitec, bei der Eröffnung des Labors Ende Oktober.

Wie weit die Verhandlungen über den Verkauf der Mücken an andere Städte sind, will das Unternehmen nicht verraten.

Helfen die transgenen Mücken wirklich? 

In Piracicaba sind die transgenen Stechmücken seit April 2015 aktiv. In dem Viertel, in dem man mit den Tests begonnen hatte, sank der Stadtverwaltung zufolge die Zahl der Dengue-Fälle um 91 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auf vier Jahre verteilt wird das Projekt, bei dem die Ägyptische Tigermücke mit Labormücken bekämpft wird, die Stadt umgerechnet über eine Million Euro kosten.

OX513A hat zwei Gene mehr als ihre Artgenossen. Wenn sie sich mit einer wilden weiblichen Mücke kreuzt, überträgt sie diese beiden Gene. Eines von ihnen ist ein defektes Gen und verhindert, dass die Tiere das Erwachsenenalter erreichen. Das andere Gen verleiht den Insekten eine leuchtende Farbe, so dass sie identifiziert werden können. Die Nachkommen von OX513A sterben nach zwei bis vier Tagen und hinterlassen keine genetischen Spuren in der Natur, garantiert Oxitec.

"Die Technologie funktioniert so, dass sie die Mückenpopulation automatisch verringert", erklärt Margareth Capurro. Sie ist Professorin an der Universität von São Paulo und Koordinatorin einer unabhängigen Studie mit transgenen Moskitos im Bundesstaat Bahia aus dem Jahr 2011.

Allerdings tritt Capurro für eine vorsichtigere Analyse ein. "Über fünf bis zehn Jahre lang sollte man beobachten, ob sich die Zahl der Krankheitsfälle tatsächlich verringert hat und ob es sich nicht nur um eine Phase in einem Zyklus handelt - denn diese Krankheiten treten in natürlichen Zyklen auf. Deshalb brauchen wir epidemiologische Tests", betont sie.

Als Beispiel nennt die Forscherin Singapur: "Dort ist die Moskitopopulation mithilfe von konventionellen Methoden gesunken. Die Infektionsrate lag bei 0,01 Prozent. Jetzt ist sie auf fünf fünf bis sieben Prozent gestiegen. Das heißt, auch wenn es weniger Moskitos gibt, kann das Virus verstärkt zirkulieren."

Gentechinisch verärderte aedes aegypti vor der Befreiung (DW/N.Pontes)

Wenn die transgenen Mücken sich in freier Wildbahn mit Artgenossen paaren, geben sie ihre defekten Gene weiter

Darauf angesprochen, sagt Glen Slade, Direktor von Oxitec in Brasilien, dass das Unternehmen einen neuen epidemiologischen Test entwickelt, in Zusammenarbeit  mit Behörden, die mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbunden sind: "Diese Tests sind komplex, wir brauchen dafür in einem größeren Zeitraum viele Daten und Projekte. Aber wir holen uns Hilfe bei Wissenschaftlern und internationalen Institutionen."

Auch in den USA gibt es Aedes aegypti:

Im August gab das amerikanische Institut für Regulierung Oxitec grünes Licht, die Freilassung von transgenen Mücken in Key Haven, Florida, zu testen. Der Bundesstaat bestätigte bereits einen Fall lokaler Übertragung von Zika. Schätzungen zufolge verbreitet sich Aedes aegypti mindestens in 16 Bundesstaaten des Landes. 

Ein Teil der Bevölkerung ist gegen das Projekt und hat die Behörden aufgefordert, die Initiative zu stoppen. Ein Referendum soll entscheiden, ob die Tests weitergehen.

Falls sich die Mehrheit für OX513A ausspricht, plant Oxitec, die ersten Mücken Anfang 2017 auszusetzen. "Wir warten das Ergebnis in Florida ab und hoffen, mit den Tests im Januar oder Februar beginnen zu können", erklärt Parry.