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Hintergrund

Weltverständnis auf Deutsch

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Deutsche Wissenschaftler sollten auf Deutsch schreiben. Sie riskieren sonst Verfälschungen und verzichten auf den formalen und lexikalischen Reichtum des Deutschen, sagt der Literaturwissenschaftler Klaus Reichert.


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Es ist schon lange davon die Rede, dass die Wichtigkeit des Deutschen – in Europa, in der Welt – schwindet. Germanistische Institute im Ausland werden zusammengekürzt oder ganz aufgegeben. Deutsche Unternehmen, Banken, Anwaltskanzleien haben auf Grund ihrer internationalen Verflechtungen auf Englisch als Sprache des täglichen Verkehrs umgeschaltet. Nicht nur Natur-, auch viele Geisteswissenschaftler halten ihre Kongresse auf Englisch ab und publizieren in dieser Sprache, um, wie sie sich einreden, ein größeres Publikum erreichen zu können. An manchen deutschen Schulen werden bestimmte Fächer (Physik, Biologie) sogar nur auf Englisch angeboten, an den Universitäten sowieso. Es ist zu hören, dass dies ein fortschreitender, unumkehrbarer Prozess sei.

Man kann das bestreiten und zum Beispiel sagen, dass hier Entwicklungsverläufe antizipiert werden, die sich in gar keiner Weise vorhersagen lassen. (Man weiß aus den Bildungsdebatten der Sechziger-, Siebziger-, Achtzigerjahre, dass die Prognosen immer falsch waren.) Auch wenn das Interesse an der deutschen Sprache in manchen westeuropäischen Ländern und in den USA gesunken ist, lässt sich umgekehrt beobachten, dass ebendieses Interesse in Osteuropa und im Nahen Osten dermaßen steigt, dass die entsprechenden Sprachinstitute (vor allem die Goethe-Institute) den Bedarf kaum decken können. Dafür mögen nicht nur ökonomische Gründe ausschlaggebend sein (bessere Arbeitsbedingungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz), sondern zugleich, im Falle Osteuropas, ein wiedererwachendes Bewusstsein für alteuropäische Kulturzusammenhänge.

Jede Sprache hat ihre eigenen Denkformen

Auch wenn die Forschungsergebnisse in den Naturwissenschaften heute vorwiegend auf Englisch veröffentlicht werden, ist es doch etwas ganz anderes, wenn der Naturwissenschaftsunterricht an deutschen Schulen auf Englisch stattfindet. Denn diese Fächer sind zunächst einmal historische Fächer, das heißt sie führen ein in die Entstehung eines bestimmten Weltverständnisses mit seinen Brüchen und Umbrüchen, sie führen ein in die Voraussetzungen und Bedingungen wissenschaftlichen Denkens und seiner Darstellbarkeit. Auch hier werden also Kulturtechniken vermittelt. Dafür hat sich im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert eine Sprache entwickelt, die auch noch die Sprache Einsteins, Plancks und Heisenbergs gewesen ist. Diese Sprache und das in ihr zum Ausdruck kommende Weltverständnis zu opfern, bedeutet ein leichtfertiges Verspielen gewachsener Traditionen. (Außerdem lässt sich die Spitzenforschung der letzten 30, 40 Jahre in ihrer Undarstellbarkeit ohnehin nicht an Schulen vermitteln.)

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Noch fataler ist es, wenn deutsche Geisteswissenschaftler (Philosophen, Literaturwissenschaftler) glauben, die Sprache wechseln zu sollen. Jede Sprache hat ihre eigenen Denkformen und -stile entwickelt – was in einer Sprache denkbar und sagbar ist, ist es nicht in einer anderen, oder nur mit erheblichen Verlusten und Verfälschungen. Ein englischer Hegel ist ein anderer als der deutsche ('Phenomenology of the mind' oder 'of the spirit' – weder das eine noch das andere deckt sich mit dem deutschen Wort 'Geist'.) Nach einem alten Wort bedingen Denken und Sprache einander. Der sein Leben lang in England lehrende Philosoph Ludwig Wittgenstein hat nur deutsch geschrieben und wurde und wird doch weltweit gelesen. (Das gleiche gilt für Jürgen Habermas, der das Englische weiß Gott beherrscht.)

Deutsche Forscher können kein Englisch schreiben

Mir ist nicht bekannt, dass englisch geschriebene Aufsätze oder Bücher deutscher (Geistes-)Wissenschaftler sonderlich beachtet werden. Das Englische ist nämlich, entgegen gängiger Meinung, ab einem gewissen Niveau, das für wissenschaftliches Schrifttum unabdingbar ist, eine außerordentlich schwierige Sprache. Dieses Niveau zu erreichen, ist für Nicht-Muttersprachler fast unmöglich. Es ist wichtig, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen: dass die deutschen Forscher in der Regel kein Englisch schreiben können. Es gibt allerdings jetzt, zum Glück, Initiativen (des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der Fritz Thyssen Stiftung), die Übersetzung wissenschaftlicher Werke aus dem Deutschen ins Englische zu finanzieren.

Gleichzeitig sollten deutsche Forscher sich durchaus stolz und offensiv auf den formalen und lexikalischen Reichtum ihrer Sprache besinnen und sich sagen: Wer des Deutschen unkundig ist, dem entgeht ein Kultur- und Denkraum, ohne den die Philosophie Frankreichs, Italiens, Spaniens, Englands, Amerikas beider Hemisphären sich nie so entwickelt hätte, wie sie es tat. Man sage nicht, das seien tempi passati, und der hier schreibe, verkenne die Zeichen der Zeit, Entwicklung lasse sich eben nicht aufhalten. Solches Meinen entstammt vermutlich Erfahrungen mit der Ministerialbürokratie: Ein Dampfer, ist er erst einmal auf Kurs gebracht, lässt sich nicht stoppen (siehe die Rechtschreib'reform' unseligen Angedenkens).

Entwicklungen, wenn sie einem vorauseilenden Gehorsam entstammen, lassen sich aufhalten. Dafür haben wir uns erst einmal klarzumachen, was alles verloren geht, wenn wir das Deutsche verspielen. Außerdem würde das 'Rest-Deutsche' verkümmern, wenn die Sprache nicht länger 'ausgebaut' wird, wie die Sprachwissenschaftler sagen, das heißt wenn ihr die Zufuhr neuer Wörter und Wendungen aus den Wissenschaften (auch aus der Ökonomie, der Technik, aus der Sprache des Rechts) abhanden käme.

Anglizismen: komisch und knapp oder ärgerlich und dumm

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Resignation ist hier fehl am Platz. Auch die der Wohlgesinnten ("Wir können es doch nicht ändern!") folgt einer Einschaltquotenmentalität, einem der Grundübel nicht nur der Fernseh- und Hörfunkmacher, den Konkursverwaltern einer einst großen Sprachtradition. Statt Resignation oder Abwehr brauchen wir die Einsicht in die unverwechselbaren Möglichkeiten und die Vielfalt der deutschen Sprache, die in der Öffentlichkeit vermutlich erst wieder geweckt werden muss. (Was sind die Alleinstellungsmerkmale der deutschen Sprache? Man frage die vielen Autoren mit 'Migrationshintergrund', die die deutsche Sprache gewählt haben und die einen immer bedeutenderen Teil der deutschen Gegenwartsliteratur bilden!) "Zukunft braucht Herkunft", hat der Philosoph Odo Marquardt geschrieben. Man darf daran erinnern, dass unsere Medienanstalten in öffentlichem Auftrag handeln. Wieso der Schrott, auf den sich auch die Öffentlich-Rechtlichen abgesenkt haben, mit einem Kulturauftrag etwas zu tun hat, bleibt unerfindlich.

Wenn von der Zukunft des Deutschen die Rede ist, wird aber kaum die Verluderung im öffentlichen Raum beklagt (Aussterben des Konjunktivs, falsche Grammatik), sondern man zielt auf Fremdeinflüsse, die Verenglischung, Vertürkischung usw., denen gegenüber man das Deutsche 'rein' halten müsse. Werden die Fremdeinflüsse zu einer Hybridisierung 'des' Deutschen führen?

Zunächst: Jede Sprache ist hybrid. Ohne das Lateinische, das Französische (seit dem 18. Jahrhundert), das Englische (seit Mitte des 19. Jahrhunderts) gäbe es das Deutsche nicht, oder das, was Sprachwächter als Deutsch kanonisieren möchten. Das Deutsche, wie jede andere Sprache auch, hat sich immer durch Fremdeinflüsse erweitert, verändert und – bereichert. Sprachen sind im Fluss, sonst versteinern sie oder sterben aus. Natürlich weiß niemand, wohin die Reise geht. Die Anglizismen sind einerseits komisch, witzig, knapp, haben aber mit dem Englischen oft nur den Sound gemein (wie 'Handy', das natürlich kein Engländer versteht), andererseits sind sie ärgerlich, dumm oder bloß gedankenlos – vom heutigen Standpunkt aus gesehen. Aber daraus irgendwelche Schlüsse über die Zukunft des Deutschen zu ziehen, dazu sind wir nicht imstande. Das Corpus der Sprache ist robust genug, aufzunehmen und in den Kreislauf zu bringen, was es brauchen kann, auszuscheiden, was es nicht brauchen kann. Vorhersagen lässt sich das nicht. Das war immer so. Die Enkel können es wissen, wenn sie denn noch lesen können werden, das heißt ein Futur II verstehen (werden können).

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Klaus Reichert (Foto: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung)

Klaus Reichert, geboren 1938 in Fulda, ist emeritierter Professor für Anglistik und Amerikanistik. Er arbeitet als Lyriker und Essayist, außerdem hat er Werke etwa von William Shakespeare, Lewis Carroll und Robert Creeley ins Deutsche übersetzt. Er ist Herausgeber der deutschen Gesamtausgaben von Virginia Woolf und James Joyce. Seit 2002 ist Klaus Reichert Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Seit Herbst 2008 ist er Mitglied des Rundfunkrats der Deutschen Welle.

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