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Hintergrund

Weltsprache Deutsch: virtuell oder real?

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In der virtuellen Welt blüht die deutsche Sprache auf. Die Globalisierung sei eine Chance für die deutsche Sprache, sagt der aus Indien stammende Germanist und DW-Redakteur Sanjiv Burman.

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Welche Rolle spielt die Sprache überhaupt im Zeitalter von Twitter, Facebook und YouTube? Selbst Verfechter der englischen Sprache sind alarmiert, wie sich vor allem die Jugendsprache im täglichen Umgang verändert. Bei SMS-Botschaften und beim Chatten wird die Sprache immer kürzer, rätselhafter, seltsamer.

Die Sprache im herkömmlichen Sinne befindet sich derzeit in einer Umbruchphase. Puristen schlagen Alarm und wollen retten, was zu retten ist. Kinder und Jugendliche sollen vollständige und grammatisch einwandfreie Sätze bilden, sie auch akustisch erkennbar aussprechen können und der Sprache möglichst treu bleiben. Dies wird in jedem Sprachraum der Welt erwartet.

"Dem Volk aufs Maul schauen"

Ist diese Umbruchphase der Weltsprachen wirklich ein Phänomen, das nur im 21. Jahrhundert festzustellen ist? Martin Luther hat schon einmal die Puristen be(un)ruhigt, als er sie aufgefordert hat, "dem Volk aufs Maul" zu schauen. Thomas Mann hat ihn wiederum mit den folgenden Worten gewürdigt: "Martin Luther hat die deutsche Sprache erst recht geschaffen." Luther hatte die deutsche Sprache vom lateinischen Vorbild befreit und ziemlich großzügig gestaltet. Dabei hat er natürlich selbst "dem Volk aufs Maul" geschaut.

Dieses Erfolgserlebnis lässt sich heute vielleicht wiederholen. Die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik – die ja sowieso nicht aufzuhalten ist – sorgt bereits dafür, dass man "dem Volk aufs Maul" schauen und die Weiterentwicklung der Sprache auch akzeptieren muss.

In den Achtzigerjahren, als ich in Kalkutta meinen ersten Deutschkurs besuchte, war die Welt noch "analog". Klassische farblose Lehrbücher und vorgefertigte Audio- und Videobeiträge standen mir als Lernhilfe zur Verfügung. Diese bescheidenen Elemente haben aber mein erstes Deutschlandbild maßgeblich geprägt. Von Google, Wikipedia und YouTube hätte ich damals nicht einmal träumen können.

Deutsch hat in Indien einen guten Stand

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Mein eher "statisches" Deutschlandbild entwickelte sich in kleinen Schritten, während des Germanistikstudiums und später durch ein Stipendium in Deutschland. Nach dem Studium und einer Fortbildung zum Diplom-Deutschlehrer am Goethe-Institut in München war ich dann beauftragt, selbst am Deutschlandbild mitzuarbeiten – auch mit statischen Mitteln, so wie ich es selbst als Schüler erlebt hatte. Auch in meinem späteren beruflichen Werdegang als Konsulatsmitarbeiter im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und dann als Redakteur der Deutschen Welle bin ich für das Deutschlandbild unterschiedlicher Zielgruppen mitverantwortlich geblieben.

Die Verbreitung der deutschen Sprache in Indien war damals sehr überschaubar. Die meisten Schüler haben Deutsch gelernt, weil sie einfach Lust hatten, eine Fremdsprache zu lernen – oder weil sie Goethe, Brecht oder Grass im Original lesen wollten. Einige hatten die Hoffnung, in Deutschland zu studieren oder gar dort zu arbeiten. Das war vor dem Zeitalter der Globalisierung – Hunderttausende indische IT-Fachkräfte hatten die Welt noch nicht erobert.

Das Goethe-Institut hat damals in Indien an sieben Zweigstellen Deutschkurse angeboten. Heute ist das Interesse an der deutschen Sprache stark gewachsen. Neben den herkömmlichen Sprachkursen bieten viele Unternehmen Kurse an, in denen die Angestellten schnellstmöglich Fremdsprachenkenntnisse erwerben müssen. Die deutsche Sprache hat in Indien einen guten Stand – trotz der Dominanz des Englischen. Ist das ein Widerspruch?

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Im Zeitalter der Globalisierung verschwinden einerseits viele Grenzen – andererseits entstehen neue Grenzen. Dies gilt auch für die Verbreitung der Sprachen. In den Anfängen des Internets war Englisch die allein herrschende Sprache des neuen Mediums. Die ohnehin schon dominierende Kraft des angelsächsischen Kulturguts schien damals noch stärker zu werden. Doch es ist anders gekommen: Das Internet hat tatsächlich das Gegenteil bewirkt. Der Anteil der englischsprachigen Webseiten sinkt kontinuierlich. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Internetangebote in chinesischer, spanischer, japanischer und auch in deutscher Sprache. 2008 haben deutschsprachige Internetangebote laut Statistik sogar die sechste Stelle beansprucht. Zumindest in der virtuellen Welt blüht die deutsche Sprache richtig auf. Ohne die neuen Medien hätte Deutsch niemals diesen Stellenwert erreicht.

Die Deutschen sterben aus

Wie sieht es aber in der "realen" Welt aus? Wie verbreitet ist die deutsche Sprache außerhalb des Kerngebiets in der Mitte Europas? Hier und da gibt es auf der ganzen Welt Regionen, wo die deutsche Sprache gesprochen und gepflegt wird. Aber trotz einer aktiven weltweiten Kulturpolitik bleibt der Einfluss der deutschen Sprache eher bescheiden. Das liegt auch an der allgemeinen Einstellung der Deutschen – insbesondere der Nachkriegsgeneration: Sie vertreten ihre Sprache im Ausland nicht gerade leidenschaftlich.

Hinzu kommt: Die Deutschen sterben aus. Und damit sinkt auch die Zahl der Menschen, die Deutsch sprechen. Die Zukunft des deutschen Volkes ist ein besorgniserregendes Thema. Die Zuwanderer stehen heute immer mehr unter Druck, die deutsche Sprache nicht nur zu erlernen, sondern sie auch zu verbreiten. Schon bald wird es von den Deutschen mit "Migrationshintergrund" abhängen, welchen Rang die deutsche Sprache in der Welt hat.

NICHT LÖSCHEN!! Weißzeile für Projekt Sprache von Welt? Streiten über Deutsch
Sanjiv Burman (Foto: DW)

Sanjiv Burman wurde 1968 in Kalkutta, Indien, geboren. Er studierte Germanistik im indischen Hyderabad und legte am Goethe-Institut in München sein Deutschlehrer-Diplom ab. Er arbeitete im deutschen Generalkonsulat in Kalkutta im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie als Deutschlehrer im Goethe-Institut Kalkutta und als DAAD-Lektor an der dortigen Universität. Heute ist Burmann Redakteur im Bengali-Programm der Deutschen Welle in Bonn.

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