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Sport

Weltspiele mit Hindernissen

Die Winter-Paralympics in Sotschi sind für Russland eine Premiere. Seit Jahrzehnten werden behinderte Menschen dort ausgegrenzt. Können die Spiele in der Gesellschaft ein Umdenken anstoßen?

"Bei uns gibt es keine Behinderten." Mit diesen Worten soll Parteichef Leonid Breschnew für klare Verhältnisse gesorgt haben. 1980 fanden in Moskau die Olympischen Sommerspiele statt. Die Sowjetunion weigerte sich, auch die Paralympics zu organisieren, die Spiele wurden im niederländischen Arnheim ausgetragen. Nun, 2014, argumentieren die Organisatoren anders. In Sotschi soll für zehn Tage ein weltoffenes Sportfest stattfinden, mit fast 600 Athleten aus 45 Ländern. Können die Paralympics eine Randgruppe ins Rampenlicht holen?

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums leben dreizehn Millionen Russen mit einer Behinderung, das sind neun Prozent der Bevölkerung. Die Regierung hat 2011 ein milliardenschweres Programm aufgelegt, um Gesundheitsversorgung und Förderung zu verbessern. Im ganzen Land sollen 26 Informationszentren entstehen, auch die Bürgermeister einiger Städte haben Verbesserungen in Aussicht gestellt.

Historisch gewachsenes Überlegenheitsdenken

Human Rights Watch lobt diese Bemühungen, doch die Menschenrechtsorganisation weist in einer Studie auf die unterschiedliche Umsetzung in den Regionen hin. Der Titel des Berichts: "Barriers everywhere", Hindernisse sind überall. Noch immer sind die meisten Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen. Durch fehlende Struktur wie Rampen, Fahrstühle, Orientierungshilfen – und durch ein Jahrzehnte gewachsenes Überlegenheitsdenken. "Eine Behinderung wird oft als Krankheit wahrgenommen", sagt Hugh Williamson, Direktor von Human Rights Watch für Europa und Zentralasien. "Besonders schwer haben es Menschen mit einer geistigen Behinderung."

Drei Millionen Versehrte waren nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion zurückgekehrt. In der kommunistischen Heldenpropaganda war für sie kein Platz, die Partei bevorzugte Massenspektakel mit gestählten Körpern. Erst unter Michail Gorbatschow durften behinderte Menschen 1987 im Fernsehen gezeigt werden. Doch die russischen Behörden betrachten es als Tradition, behinderte Kinder, Erwachsene oder Senioren in spartanischen Heimen unterzubringen. Wegen fehlender Wartung und Schutzvorkehrungen sind einige dieser Einrichtungen in Brand geraten, in den vergangenen sechs Jahren kamen so mehr als hundert Menschen ums Leben.

Craven: "Die Russen brauchen positive Erfahrungen"

Menschen mit Behinderung wurde der Zugang verwehrt, zu Bussen, Flugzeugen, Restaurants. Ärzte haben Frauen zu Abtreibungen gedrängt. Nur zwanzig Prozent im berufsfähigen Alter haben eine Anstellung gefunden. Und diejenigen, die einen Job haben, werden oft schlechter bezahlt als ihre nichtbehinderten Kollegen. Bislang gibt es kein landesweites Gesetz, das sich gegen die Diskriminierung von behinderten Menschen richtet.

Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), glaubt nicht daran, dass schärfere Gesetze die Wahrnehmung verändern können: "Die Russen brauchen positive Erfahrungen. Wenn sie ihre Athleten im Fernsehen erleben, dann werden sie ihre Haltung überdenken." Der ehemalige Rollstuhl-Basketballer scheint nicht lange über Menschenrechte reden zu wollen: "Die westlichen Medien sollten einsehen, dass sie die Welt nicht nur aus ihrer Perspektive bewerten können. Sie sollten sich auf die Kultur anderer Ländern einlassen. Auch wenn wir gegen politische Grundsätze sind: Wir müssen in diese Länder reisen und über heikle Themen sprechen."

Mehr als 80.000 Euro für Goldmedaille

Human Rights Watch hat seine Recherchen dem IPC vorgestellt, von der Resonanz der Funktionäre war Hugh Williamson enttäuscht: "Das IPC hat sich gesträubt, Druck auf die russischen Behörden auszuüben." Selbst in Sotschi sind viele Bauten nicht barrierefrei. Eine Nachbesserung ist schwer möglich, wegen der Sicherheitsvorkehrungen können kaum Baustoffe transportiert werden. Die Menschenrechtler betonen, dass im Organisationskomitee kaum Menschen mit einer Behinderung beschäftigt sind. "Die Planungen waren oft nicht auf die nachhaltigen Bedürfnisse von behinderten Menschen ausgerichtet", sagt Hugh Williamson. Folgen die Paralympics dem olympischen Modell: Sotschi als Putins Marketingblase?

In Russland wurde das Nationale Paralympische Komitee 1995 gegründet. Sein Präsident ist Wladimir Lukin, ein Vertrauter Putins und Beauftragter für Menschenrechtsfragen. Lukin, der die Politik des Kremls immer wieder verteidigt hat, stellt russischen Goldmedaillen-Gewinnern eine Prämie von vier Millionen Rubel in Aussicht, 81.000 Euro. Deutsche Paralympics-Sieger würden ein Viertel erhalten.

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