1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

"Weltraumraketen müssen wettbewerbsfähig sein"

Marc Toussaint von der ESA erklärt im DW-Interview die Raketen der Zukunft: Ein Trend geht hin zu Wiederverwendbarkeit und Kostenoptimierung, ein anderer zu großen Raketen für die Erkundung des Weltalls.

Das letzte Jahr war eine aufregende Zeit für Freunde der Raumfahrt: Da gab es zum Beispiel als Highlight

NASA's Orion

- und ESA's

Rosetta-Mission

- ganz zu schweigen von Chinas Mondumrundung und dem Satellitenstart in

Indien

. Und dann spielten auch die privaten Raumfahrtunternehmen, wie SpaceX und Orbital Science, eine immer größere Rolle.

Der jüngste Raketenstart fand am 10. Januar 2015 statt - als SpaceX ihren Raumtransporter Dragon mit einer Falcon-9-Rakete zur ISS geschossen hat, deren erste Stufe wiederverwendbar sein sollte. Auf dem Rückweg zur Erde - so zumindest die Planung - hätte die Rakete auf einer Plattform im Meer vor Florida landen sollen.

Dieser Versuch war knapp

missglückt

. Aber er zeigt die Bemühung die Wiederverwendung von Raketen als einen neuen Trend im Raumtransport zu etablieren - denn durch diese Methode könnten viele Kosten eingespart werden.

Wie sieht die Zukunft der Weltraumraketen also aus? DW sprach mit Marc Toussaint vom Launch-Programm der ESA.

SpaceX Landeplattform (Foto: AP Photo/SpaceX).

SpaceX beschrieb den Landeversuch als "Versuch, ein Gummi-Besenstiel auf der Hand in der Mitte eines Sturms zu balancieren"

Deutsche Welle: Welche Art vonTechnologie wird in heutigen Raketen verwendet?

Marc Toussaint: Wenn Sie sich die Raketentechnik anschauen, die entweder von Europa aus vertrieben wird - oder auch von Amerikanern, Russen, Chinesen, Indern oder Japanern - dann wären Sie erstaunt: Denn die meiste Technologie ist eine sehr alte. Vergleichbar mit dem, was in den 60er und 70er Jahren entwickelt wurde.

Ist mittlerweile denn etwas Neues in der Mache, wenn es um die zukünftige Entwicklung von Raketen geht?

Selbst wenn Sie sich das boomende Weltraumgeschäft von SpaceX anschauen, sehen sie, dass auch deren Technologie etwa 30 Jahre alt ist. Der bedeutende Fortschritt war damals die Massenproduktion von sehr zuverlässigen Triebwerken und der Nachweis, dass die Drosselfunktion funktioniert. Damit kann der Schub des Triebwerks beliebig angepasst werden.

Und die Möglichkeit den Schub zu kontrollieren ist ein wichtiger Schritt nach vorn für SpaceX, weil sie diese Fähigkeit brauchen, um eine erste Raketenstufe nach dem Start wieder sicher zu landen. Darum ging es letzte Woche bei dem Start von Dragon und dem anschließenden Versuch, die erste Stufe sicher zur Landung zu bringen.

Das ist diesmal gescheitert. Welche Techniken werden denn benötigt, um Raketen erfolgreich wiederverwenden zu können?

Erstens ist es ein technologischer Durchbruch, dass man jetzt die Fähigkeit hat, die erste Stufe während dieser Wiedereintrittsphase zu steuern. Dazu wird es sicherlich noch eine ganze Reihe neuer Technologien geben.

SpaceX versucht, mit einem sehr zuverlässigen Triebwerk die Leistungsfähigkeit zu drosseln. Sie haben aber auch eine ganz besondere Hardware eingeführt - sogenannte Flossen. Sie sind verstellbar und lassen sich während der verschiedenen Phasen des Wiedereintritts genau steuern.

Cape Canaveral und die Falcon 9-Rakete (Foto: REUTERS/Scott Audette).

Die SpaceX Falcon 9-Rakete ist mit speziellen Flossen ausgestattet, mit der sie zurück zur Erde gesteuert werden kann

Hinsichtlich der Genauigkeit ist meiner Meinung nach die meiste Technologie schon vorhanden. Mit einem GPS-System lässt sich ein Ziel heute schon sehr präzise ansteuern.

Nach dem Launch hat SpaceX den Landeversuch als "knapp verfehlt" beschrieben: Die Rakete hat das Ziel getroffen, brach dann aber auseinander. Den Flossen war die Hydraulikflüssigkeit ausgegangen, was wohl das Scheitern verursachte. Ein nächster Versuch ist für Februar geplant. Glauben Sie, dass es diesmal klappen wird?

Ich bin davon überzeugt, dass es beim nächsten Mal besser laufen könnte. Sie haben die Sache am Boden demonstriert und im letzten Jahr viele Versuche gemacht, bei deinen mindestens drei Landungen am Ozean erfolgreich waren. Es könnte klappen. Und wenn nicht beim nächsten, dann eben ein anderes Mal.

Marc Toussaint (Foto: ESA).

Marc Toussaint arbeitet im Launcher-Programm der ESA

... also ist es nur eine Frage des Feintunings?

Ja, es ist nur ein Feintuning der nötigen Hardware um die Landung zu schaffen, plus ein Feintuning der Software, die nötig ist, um die finale Landung zu steuern.

Können Sie die Raketen beschreiben, die die ESA derzeit nutzt?

Im Moment haben wir zwei Versionen der Ariane 5. Unser sogenanntes Arbeitspferd ist sicherlich die ECA-Version, die verwendet wird, um die meisten der Satelliten in eine geostationäre Umlaufbahn zu schicken. Wir haben 63 aufeinanderfolgende Starterfolge mit allen unseren Ariane-5-Raketen erzielt. Das ist ziemlich beeindruckend.

Was hat die Ariane 5 so erfolgreich gemacht?

Ich denke, es ist die Art, wie wir mit Ariane umgehen: Nach jedem Flug gibt es eine sehr gründliche Analyse des Fluges und aller potenziellen Anomalien. Es gibt eine doppelte Qualitätsprüfung bei der Herstellung und auch bei der Flugauswertung. Das hat uns sehr geholfen, die meisten Problemstellungen bei der Ariane 5 im Laufe der Zeit auszumachen und sicherzustellen, dass sie einwandfrei läuft.

Der Entwicklungsstart der Ariane-6 wurde für dieses Jahr genehmigt. Der Jungfernflug für Jahr 2020 geplant. Was ist anders bei Ariane-6?

Entwurf von Ariane 6 Rakete (Foto: ESA).

Ariane 6: Das neue ESA-Arbeitspferd?

Ariane-5 ist immer noch sehr teuer im Betrieb. Nun ist die Entscheidung gefallen, eine Version zu entwickeln, die immer noch Hochleistung liefert, aber etwas kostenoptimierter ist. Das heißt: Wir wollen wir die Produktionskosten reduzieren, damit die Trägerrakete am Markt wettbewerbsfähig bleibt.

Wäre es richtig zu sagen, dass SpaceX und ähnliche Unternehmen so viel Einfluss in dem Gebiet hatten, dass dies eine neue Richtung für die zukünftige Entwicklung bedeuten könnte?

Oh ja, das stimmt. Als SpaceX gerade erst auf den Markt kam, lachten die Leute noch und hätten nicht gedacht, dass das Unternehmen erfolgreich sein könnte. Jetzt sehen wir langsam die Ergebnisse - und wir können von ihnen lernen. Wir müssen das Entwickeln von Raketen in Zukunft anpassen und ändern. Und es würde mich nicht wundern, wenn wir in Europa ebenfalls früher oder später versuchen, die erste Stufe wiederzugewinnen. Und dann sind wir in derselben Situation, und die heißt: wettbewerbsfähig sein.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Welche spannenden Dinge passieren mit Raketen?

Virgin White Knight (Foto: AP).

Virgin Galactic's White Knight Two soll Touristen ins All befördern

Der große Schritt nach vorne könnte durch einige neue Entwicklungen kommen, die zuerst die Amerikaner umsetzen. Dann ziehen die Russen nach und auch China: Diese drei Länder sind in auf die Entwicklung von sehr großen Trägerraketen spezialisiert - hinsichtlich der bemannten Raumfahrt oder Explorationsaktivitäten in Zukunft. Es gibt einen Push aus verschiedenen Ländern - um den Wettbewerb zwischen ihnen bei der Entwicklung dieser neuen Trägerraketen anzuheizen. Entweder geht es zurück zum Mond oder sogar vorwärts Richtung Asteroiden und in ferner Zukunft zum Mars.

Die Entwicklung von Trägerraketen kann auch mit dem Boom im Weltraumtourismus zusammenhängen. Und natürlich - sobald dieser Markt Realität wird - müssen wir sehr erschwingliche Raketen anbieten, um die Kosten pro Person niedrig genug zu halten und den Markt attraktiv zu machen. Das sehe ich in vielleicht fünf oder sechs Jahren.

Marc Toussaint ist Belgier. Er arbeitet als Ariane Rapport Officer bei der europäischen Raumfahrtagentur (ESA) in Paris.

Die Redaktion empfiehlt