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Geschichte

Weltgeschichte, wieder einmal neu

Wenn man die Geschichte unseres komplexen Planeten umfassend beschreiben will, genügen einige hundert Seiten nicht. Die Neuedition mit globalem Anspruch hat 21 Bände. Die ersten drei sind nun fertig.

Wenn man so will, wissen wir es ja seit dem guten alten Goethe: "Dass die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse", so notierte er schon 1810, "darüber ist in unsern Tagen wohl kein Zweifel übriggeblieben." Nun hat sich in den zwei Jahrhunderten seit dieser Feststellung so einiges verändert auf diesem Globus – doch des Geheimrats Hinweis bleibt aktuell. Und so gibt es auch heutzutage innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft erneut Versuche, Weltgeschichte (wieder einmal) neu zu schreiben. Das prominenteste Beispiel ist die "Neue Fischer Weltgeschichte", herausgegeben von den Historikern Jörg Fisch, Wilfried Nippel und Wolfgang Schwentker. Die ersten drei der insgesamt 21 geplanten Bände liegen nun vor. Ist der Neuentwurf gelungen?

Historische Polyphonie

Die neue Reihe wird die in die Jahre gekommene "Fischer Weltgeschichte" ablösen, deren 36 Bände mit den unglaublich eng bedruckten Seiten in den 1970er und 80er Jahren das Maß aller Dinge und in Deutschland unverzichtbare Begleiter in Schule und Studium waren. Allerdings ist man bei der Zielsetzung zurückhaltender geworden: Sollte die Vorgängerreihe noch zeigen, "wie die Menschheit in ihrer Geschichte zu Selbstbewusstsein erwacht" ist, so wollen die aktuellen Herausgeber nicht mehr von einem linearen Fortschrittsprozess sprechen, sondern von einem "polyphonen Geschehen". In den neuen Bänden wird der Globus in überschaubare Regionen aufgeteilt, und es wird nicht die Geschichte von Ländern geschrieben, sondern die von Räumen und Wechselwirkungen zwischen ihnen.

Blicke auf die indische Stadt Ayodhya-Chilam DW/Suhail Waheed, Hindi Dez. 2012

Blick auf das indische Ayodhya

Indien im Fokus

Für die Einlösung dieser Vorgaben stehen die ersten drei jetzt erschienenen Bände. Da ist zunächst die Darstellung von Robert von Friedeburg über "Europa in der frühen Neuzeit". Er beschreibt darin die Strukturen des mittelalterlichen Europas, ehe er sich der Reformation und Konfessionalisierung des 16. Jahrhunderts zuwendet, dann der von ihm so bezeichneten "europäischen Integration“ des 17. Jahrhunderts und schließlich dem 18. Jahrhundert, das er durch Aufklärung und – schön formuliert – "Länderschacher" geprägt sieht. Das ist alles sehr klar erzählt, gut strukturiert und – wenngleich durchaus engagiert vorgetragen – in einem wohltuenden Maße unaufgeregt. Ein solides Handbuch.

Ähnlich Lobendes lässt sich über den Band des britischen Historikers David Arnold sagen, der sich seit langem mit der Geschichte Indiens beschäftigt. Er betreibt auf über 600 Seiten zugleich die Rehabilitierung einer Weltregion, die zu lange unter europäischer Geringschätzung gelitten hat. Die Globalisierung habe es dort schon lange gegeben, seit der Ausbreitung des Buddhismus, in den Netzwerken des indischen Überseehandels bis hin zu Nehrus Politik der Blockfreiheit. "Dieser Subkontinent", so David Arnold, "hat seinen eigenen Beitrag zu allen Bereichen unserer Moderne geleistet." Wie sicher der Historiker für seinen Band einen Zeitraum von über 4000 Jahren überblickt, ist beeindruckend. Von der frühen Zivilisation am Indus über die Geburt des Buddhismus, die Anfänge der Großreiche, den Aufstieg der Moguln über die Kolonialzeit bis in unsere Zeit. Er tut dies souverän, kenntnisreich und absolut gekonnt in der Erzählung.

Landschaft mit Bergen in Kasachstan

Phantastische Natur: Kasachstans Berge

Fokus Zentralasien

Auch der dritte Band, Jürgen Pauls Darstellung "Zentralasien", ist ein gelungenes Stück Weltgeschichtsschreibung: Er führt den Leser durch eine kulturelle Großregion, die wie viele andere keine natürlichen Grenzen kennt. Und es gelingt ihm, eine weitgehend zusammenhängende Geschichte eines allzu oft unübersichtlich wirkenden Raumes zu geben – auch das ist keine geringe Leistung. So beeindruckend diese Einzelbände, so beeindruckend ist das gesamte Vorhaben von Herausgebern und Autoren. Das Ergebnis ist in der Summe eine solide, an aktuellen theoretischen und methodischen Vorgaben orientierte und überzeugend erzählte Geschichtsschreibung. Ob der Neuentwurf der "Fischer Weltgeschichte" gelungen ist? Er ist es – und zwar überzeugend.

Informationen zu den Büchern:

"Neue Fischer Weltgeschichte", herausgegeben von Jörg Fisch, Wilfried Nippel und Wolfgang Schwentker, S. Fischer Verlag.

Bd. 5: Robert von Friedeburg: Europa in der frühen Neuzeit, 469 Seiten,

Bd. 10: Jürgen Paul: Zentralasien, 576 Seiten,

Bd. 11: David Arnold: Südasien, 606 Seiten. Jeder Band kostet 29,99 Euro.