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Geschichte

Weltgeschichte in 100 Objekten

Was als Radioprojekt britischen Hörern ins Ohr gelangte ist seit einigen Monaten für deutsche Augen verfügbar: Ein Rundgang durch die Weltgeschichte anhand von hundert Objekten - Lesevergnügen auf 800 Seiten.

100 historische Objekte in einer Radioserie vorzustellen, ist ein mutiges Unterfangen. Selbst wenn es sich bei dem Radiosender um die berühmte und ehrwürdige British Broadcasting Corporation (BBC) handelt – die Hörer können den jeweiligen Gegenstand im Radio eben nicht sehen. Die Gefahr niedriger Einschaltquoten ist enorm. Gleichwohl war die im Jahr 2010 ausgestrahlte hundertteilige Serie "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" ein voller Erfolg. Das lag nicht zuletzt am Ursprungsort der Objekte: Alle Gegenstände entstammten der Sammlung des Britischen Museums in London, das sich seit 1753 der Sammlung und Erforschung der Kulturgeschichte der Menschheit verschrieben hat. Der Direktor des Britischen Museums, Neil MacGregor, präsentierte die Geschichte des jeweiligen Gegenstandes persönlich.

Wuchtiger Schmöker

Nun haben auch die deutschen Leser die Gelegenheit, die "Geschichte der Welt in 100 Objekten" zu erforschen. Und zwar in einem überaus schwergewichtigen – reich bebilderten – Buch. Von den ersten steinernen Schneidewerkzeugen früher Menschen, die vor etwa 2 Millionen Jahren benutzt wurden, bis hin zur Solarlampe, die in unserer Gegenwart saubere und überall verfügbare Energie nutzt, spannt MacGregor – mit der Unterstützung zahlreicher Kollegen – seinen Erzählstrang. Dabei geht es ihm um die Geschichten, die die jeweiligen Gegenstände erzählen – und was sie für die Geschichte der Menschheit, denn um diese geht es in diesem Buch, bedeuten.

Teetrinker und Opiumsüchtige

Ein Beispiel: MacGregor zieht ein zwar recht hübsches, wenn auch simples, viktorianisches Teeservice von etwa 1845 heran, um die Geschichte des britischen Reiches im 19. Jahrhundert zu erklären. Das Teeservice, das für den Geldbeutel eines mittelständischen Haushaltes produziert worden war, symbolisiert eine bemerkenswerte Entwicklung. Der Genuss von Tee war lange Zeit noch längst nicht für jeden Briten erschwinglich. Das Heißgetränk war im 18. Jahrhundert ein – wenn es nicht geschmuggelt wurde – sündhaft teurer Artikel, den sich nur Begüterte leisten konnten. Erst als die Regierung Zölle und Steuern auf Tee senkte, explodierte die Zahl der Teegenießer um 1800. Und schließlich hatte irgendein Pfiffikus auch noch die gute Idee, das bittere Getränk durch Milch und Zucker zu "veredeln". Auf diese Weise avancierte der Tee zum britischen Nationalgetränk. 1809 notierte ein schwedischer Beobachter:"Neben dem Wasser ist der Tee das eigentliche Element des Engländers. Alle Gesellschaftsschichten trinken ihn."

Doch den Preis für die allgemeine Verfügbarkeit von Tee in England zahlten andere. Britische Händler überfluteten China, von wo der Tee importiert wurde, mit indischem Opium. Das Rauschmittel tauschten sie dort gegen Silber ein, mit dem man wiederum den Tee bezahlte. Die Folge waren Millionen Süchtige in China und zwei Kriege die die beiden Länder gegeneinander führten.

Bitterer Süßstoff

Und auch der Zucker, mit dem in London Arme und Reiche ihren Tee gleichermaßen süßten, war moralisch alles andere als einwandfrei. Plantagen, die die Arbeitskraft von Sklaven ausbeuteten, konnten ihren Zucker wesentlich billiger anbieten, als Pflanzer, die ihre "freien" Arbeiter bezahlten. "Sklavenzucker" war damit gerade bei den ärmeren britischen Teetrinkern wesentlich beliebter. Unser heutiges Problem ethisch einwandfreier Nahrungsmittel ist demnach wesentlich älter als man denkt.

99 weitere Objekte nehmen den Leser mit in andere Zeiten und Kontinente. Jeder Gegenstand erzählt eine (oder gar mehrere) spannende und unterhaltsame Geschichte(n), die unaufdringlich Wissen und Erkenntnisse vermitteln. Dabei fasst der Autor jeweils fünf Gegenstände zusammen, um eine Epoche und ihre wesentlichen Ergebnisse zusammenzufassen. Im Kapitel "Toleranz und Intoleranz" erfährt der Leser zum Beispiel anhand einer schiitischen Prozessionsstandarte, dass Persien im 17. Jahrhundert ein bemerkenswerter Ort religiöser Toleranz gewesen ist – und dass auch die heutige iranische Verfassung Juden, Parsen und Christen die freie Ausübung ihrer Religion garantiert.

Der Ansatz, die Welt anhand von Gegenständen zu erklären, ist nicht neu: Museen in aller Welt tun dies tagtäglich. Doch selten ist Geschichte so unterhaltsam erzählt worden, wie es Neil MacGregor und sein Team zu Stande bringen.

Informationen zum Buch: Neil MacGregor: Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. Aus dem Englischen von Waltraud Götting, Andreas Wirthensohn und Annabel Zettel. Verlag C. H. Beck, München 2011, 816 Seiten mit 159 Abbildungen und vier Karten, 39,95 Euro

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