Weltfrauentag: ″In 155 Ländern existiert eine frauendiskriminierende Gesetzgebung″ | Kultur | DW | 07.03.2018
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Kultur

Weltfrauentag: "In 155 Ländern existiert eine frauendiskriminierende Gesetzgebung"

Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt, patriarchale Strukturen - weltweit kämpfen Frauen gegen Unterdrückung. Für Gleichberechtigung brauchen wir bessere Gesetze, sagt Christa Stolle von Terre des Femmes.

Eine schwarze Frau hält ein Messer in der Hand (picture alliance/dpa/EPA/UNICEF/HOLT)

Schätzungen zu Folge werden jährlich etwa drei Millionen Mädchen Opfer einer Genitalverstümmelung

DW: Frau Stolle, Wie ist die Lage der Frauenrechte zurzeit weltweit?

Christa Stolle: Nicht sehr gut. Wir haben noch einen langen Weg zu gehen, vor allem, wenn man sich die Lage der Frauen und Mädchen in anderen Ländern anschaut. Gerade beim Thema Gewalt haben wir sehr viel zu tun. Weltweit werden jeden Tag fast 50.000 minderjährige Mädchen zwangsverheiratet. In 155 Ländern existiert eine frauendiskriminierende Gesetzgebung. Davon haben 32 Länder ein Gesetz, was das Einverständnis des Ehemannes voraussetzt, wenn Frauen einen Pass beantragen. Das sind große Ungerechtigkeiten bzw. Zustände, die uns empören und gegen die wir weiter angehen müssen. Aber auch in Deutschland ist jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. Wir brauchen noch bessere Gesetze, um das Ziel der Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu erreichen.

In welchen Ländern ist die Lage besonders kritisch?

In Saudi-Arabien natürlich. Da ist immer noch der Vater oder der Bruder oder der Ehemann der Vormund der Frau. Das zeigt, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind, dass sie nicht wirklich auf Augenhöhe mit Männern sind. Dann haben wir natürlich die Krisenländer, in denen Frauen massiver sexualisierter Gewalt ausgeliefert sind, zum Beispiel in Syrien oder im Irak. In vielen afrikanischen Ländern existiert noch die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung, die eine massive gesundheitliche und sexuelle Einschränkung für Frauen nach sich zieht. Die sexuelle Selbstbestimmung wird missachtet.

Christa Stolle von Terre des Femmes Deutschland (Uwe Steinert, Berlin)

Christa Stolle setzt sich seit vielen Jahren für Frauenrechte ein

Wofür kämpfen Frauen zurzeit auf der ganzen Welt?

Für Gleichberechtigung, für Demokratisierung in ihren Ländern. Für Aktivistinnen in anderen Ländern ist der Kampf für Demokratie genauso wichtig wie der Kampf für Frauenrechte. Es geht ihnen um die Beteiligung an demokratischen Regierungen, an Friedensverhandlungen, an Unternehmensentscheidungen, um ein Leben in der Öffentlichkeit. Das ist vielen Frauen verwehrt. Sie sollen zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern.

Gibt es Parallelen, die in jedem Land zu finden sind?

Der Kampf gegen Gewalt und gegen patriarchale Strukturen ist allen Frauenbewegungen gemein. Auch in Deutschland gibt es zum Teil extrem patriachale Strukturen in sogenannten Parallelgesellschaften. Mädchen wird die Teilnahme an Klassenausflügen verweigert, sie werden zwangsverschleiert und schon sehr früh auf ein Leben zu Hause mit Ehemann und Kindern vorbereitet. Das ist nicht unser feministisches Verständnis. Wir kämpfen zusammen mit den Frauenbewegungen in anderen Ländern für ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes und freies Leben für alle Mädchen und Frauen.

Frau mit zugeklebtem Mund.

Zum internationalen Frauentag protestieren jedes Jahr Frauen auf der ganzen Welt

Gewalt seitens der Männer schränkt Frauen ganz massiv ein, schüchtert sie ein; also wenn man sich mal die Karriere oder den Lebenslauf einer Frau anschaut, die ins Frauenhaus geht, welche Demütigungen sie jahrelang erlitten hat, bis sie sich endlich gewehrt hat. Ich glaube, da unterscheiden sich Frauen weltweit nicht groß; also auch in Afrika müssen Frauen sehr viel aushalten in Bezug auf Männergewalt und wehren sich erst sehr spät. Wobei man sagen muss, wir haben die bessere Infrastruktur, wir haben Frauenhäuser, wir haben Beratungsstellen. Das haben Frauen in Afrika oder auch in Südamerika in der Zahl oder in der Struktur nicht.

Was gibt es für diese Frauen für Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden?

Es gibt sehr engagierte Frauen, die die Probleme in ihren Ländern erkennen und die in kleinen Projekten für Veränderungen arbeiten. Die Frauen brauchen die Unterstützung aus sogenannten reichen Ländern, damit sie ihre Arbeit finanzieren können und auch ein Gehalt bekommen. In das Empowerment von Mädchen und Frauen, aber auch in die Bildung muss noch viel mehr Entwicklungshilfe reinfließen, damit sie sich gegen ungerechte Strukturen wehren und Hilfsstrukturen aufbauen können. Terre des Femmes selbst unterstützt zum Beispiel ein Mädchenschutzhaus in Sierra Leone, an das sich Mädchen wenden können bzw. wohin sie fliehen können, wenn die Gewalt in der Familie extrem zunimmt oder sie vor einer drohenden Genitalverstümmelung flüchten müssen.

Wie ist der rechtliche Schutz für Frauen, die sich engagieren?

Wichtig ist natürlich, dass die Arbeit in den Ländern zumindest vom Gesetz her unterstützt wird. Zum Beispiel gibt es in Burkina Faso ein Gesetz gegen Genitalverstümmelung, das heißt, die Regierung unterstützt das zumindest verbal. Sie geben zwar kein Geld, aber die AktivistInnen können geschützt arbeiten.

Iranerinnen legen aus Protest Kopftuch ab (picture alliance /abaca)

Frauen im Iran legen aus Protest öffentlich ihr Kopftuch ab

Andererseits haben sie natürlich mit sehr traditionellen Einstellungen innerhalb der Bevölkerung zu kämpfen. Und da gibt es, wie bei uns auch, verbale Angriffe beispielsweise über soziale Medien - aber auch von den eigenen Familien und durch sehr patriarchal eingestellten Vertreter und Vertreterinnen in den Dörfern wird das Engagement der Frauen erschwert. Leider sind sich die Frauen auch nicht immer einig. Aber sie kommen nicht ins Gefängnis, wenn sie gegen frauenfeindliche Strukturen arbeiten. In einigen Ländern ist das anders. Im Iran, wo mutige Frauen jetzt öffentlich ihr Kopftuch abnehmen, werden sie verhaftet. Da ist der Kampf für Frauenrechte mit hohen persönlichen Einschränkungen und Risiken verbunden - bis hin zu langjährigen Gefängnisstrafen.

Warum sollten Frauen trotz dieser Bedrohungen für ihre Rechte einstehen?

Frauen müssen ihre Chancen ergreifen. Gerade wenn die Regierung etwas liberaler wird und sich etwas westlicher gibt, dann müssen sie diese Chance ergreifen. In Saudi-Arabien haben immer wieder mutige Frauen illegale Autofahrten veranstaltet. Und jetzt dürfen Frauen in ein paar Monaten offiziell Auto fahren.

Das Gespräch führte Melina Grundmann.

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