Weltfrauentag 2018: Was bringt #MeToo? | Kultur | DW | 08.03.2018
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Kultur

Weltfrauentag 2018: Was bringt #MeToo?

Geht #MeToo in die Geschichte der Frauenbewegung ein? Oder ist die Debatte um sexuelle Belästigung bloß ein vorübergehender Hype? Die weltweite Perspektive zeigt: #MeToo vereint den Kampf der Frauen auf der ganzen Welt.

In einem Tweet forderte die Schauspielerin Alyssa Milano im Oktober 2017 ihre Followerinnen dazu auf, "#MeToo" zu schreiben, wenn sie schon einmal sexuell belästigt wurden. In rasantem Tempo ging die Aktion um die Welt, Millionen Frauen schlossen sich an. Da die Kampagne vor allem von Schauspielerinnen und Menschen aus der Filmbranche unterstützt wird, werfen Kritiker ihr Oberflächlichkeit vor. Die Begründung: #MeToo sei eine Debatte der westlichen Oberschicht und treffe den Kern von sexueller Gewalt gegen Frauen nicht.

Doch die Debatte erreichte auch Frauen fernab des Showbusiness und der Hashtag wurde ebenso in der islamischen Welt genutzt. Spätestens nachdem Kairo von der Reuters Foundation zur gefährlichsten Stadt für Frauen erklärt wurde, schlossen sich arabische Frauen der #MeToo-Kampagne an.

Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes (Uwe Steinert)

Christa Stolle

Christa Stolle, Geschäftsführerin von "Terre des Femmes", einer Organisation, die sich weltweit für ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben von Mädchen und Frauen einsetzt, hofft, dass die #MeToo-Debatte etwas angestoßen hat: "Ich bin sehr optimistisch, dass die Debatte anhält und dass Frauen ermutigt werden, die Täter anzuzeigen, sich zu äußern und auch ihr Unwohlsein zu thematisieren und zu benennen."

Auch die Frauenrechtlerin und erste Inhaberin eines Lehrstuhls für Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland, Ute Gerhard, widerspricht den Kritikern: "Ich finde es sehr wichtig, dass dieses ganze Ausmaß an sexueller Belästigung, Erniedrigung und Diskriminierung von Frauen im Erwerbsleben zutage kommt. Und Debatten finden insbesondere dann Aufmerksamkeit, wenn prominente Menschen sie unterstützen. Das war bei der Abtreibungsfrage genau dasselbe."

Frauen veröffentlichen 1971 in der Zeitschrift Stern, dass sie abgetrieben haben (Der Stern)

Frauen veröffentlichen 1971 in der Zeitschrift "Stern", dass sie abgetrieben haben

Als es Anfang der 70er Jahre in Deutschland darum ging, Frauen das Recht auf eine straffreie Abtreibung zu ermöglichen, machten mehrere prominente Frauen, unter anderem Romy Schneider und Senta Berger, in einem Manifest von Alice Schwarzer öffentlich, abgetrieben zu haben. Die Aktion gilt als Meilenstein in der deutschen Frauenbewegung. Gerhard sieht die aktuelle #MeToo-Debatte zwar nicht als weiteren Wendepunkt der Frauenbewegung, glaubt aber, dass sie zu einer Reform führen könnte, die das Gesetz zum Straftatbestand der sexuellen Belästigung noch einmal verschärft. Bislang ist sexuelle Belästigung in Deutschland nicht strafbar, wenn sie durch Worte oder Gesten erfolgt.

Gewalt gegen Frauen

Generell ist Gewalt gegen Frauen weltweit ein gravierendes Problem - auch in Deutschland, unterstreicht Stolle. "Im Punkt Gewalt unterscheiden wir uns nicht von anderen Ländern. In Deutschland ist jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. Klar, es gibt extremere Formen von Gewalt als in Deutschland, wie beispielsweise die weibliche Genitalverstümmelung. Aber Gewalt seitens der Männer schränkt Frauen immer ganz massiv ein und schüchtert sie ein. Wir haben immerhin Frauenhäuser und Beratungsstellen. Das haben Frauen in Afrika oder auch in Südamerika nicht in der Zahl oder in der Struktur", sagt Christa Stolle.

Soziologin Ute Gerhard (privat)

Ute Gerhard

Ein weiteres Problem in Deutschland, das im weitesten Sinne mit #MeToo und männerdominierten Arbeitsbeziehungen zusammenhängt, ist die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen. Der Gender Pay Gap zeigt den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied an. Danach verdienten Frauen in Deutschland unter Berücksichtigung von Unterschieden wie Teilzeitarbeit, Position oder Branche zuletzt sechs Prozent weniger als Männer. Um der Ungleichheit entgegenzuwirken, schlägt Gerhard vor, Maßnahmen zu etablieren, die es für Arbeitgeber reizvoller machen, gleiche Löhne zu zahlen - indem man zum Beispiel Förderungen oder staatliche Subventionen an die Lohngleichheit knüpft.

Fehlende Solidarität

Gerhard betont, dass es in Deutschland zu wenige Frauen gebe, die sich für ihre Rechte einsetzen. Kritisch sieht sie aktuell auch - trotz Hochkonjunktur für Initiativen wie #MeToo, "Time's Up" und Co - die ihrer Ansicht nach fehlende Solidarität unter Frauen. Oft herrsche Uneinigkeit unter den Frauen - beispielsweise zwischen Hausfrauen und erwerbstätigen Frauen in Bezug auf den Konflikt über die Kindererziehung. "Da müssten Frauen sich deutlicher zusammenschließen. Trotz unterschiedlicher Interessen sollten sie sich mit den anderen solidarisieren", so Gerhard.

Auch in einem Land wie Burkina Faso, in dem Aktivistinnen gegen Genitalverstümmelung kämpfen, seien es oft andere, an Traditionen orientierte Frauen, die sich ihnen in den Weg stellten, sagt Stolle. "Die Angriffe auf sie, die zum größten Teil persönlicher Art sind und durch die eigene Familie verübt werden, müssen die Aktivistinnen dann aushalten. Das ist hart und kostet Kraft", so Stolle.

In diesem Sinne ist die #MeToo-Debatte, so sind sich Stolle und Gerhard einig, ein Zeichen der Solidarität, das einen wichtigen Prozess der Bewusstseinsbildung in Gang gesetzt hat und vielleicht schon im nächsten Jahr etwas in Deutschlands Gesetzgebung verändert haben könnte. Wichtig ist für sie jedoch vor allem, dass durch stete Aktionen auf Probleme aufmerksam gemacht wird, die innerhalb der Gesellschaft zu Ungleichheit führen. Und eine solche Aktion sei #MeToo in jedem Fall.

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