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Afrika

Welterbe-Zerstörung als Kriegsverbrechen

Vor dem Straftribunal in Den Haag geht es erstmals nicht um Massaker und Vertreibung, sondern um die Vernichtung kultureller Stätten. Ein Malier muss sich für die Zerstörung von Mausoleen in seiner Heimat verantworten.

Das von Islamisten zerstörte Mausoleum des Alfa Moya in Timbuktu (Foto: Getty Images)

Das von Islamisten zerstörte Mausoleum des Alfa Moya in Timbuktu

Die Anklageschrift des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag liest sich in Teilen wie eine Top-Ten-Liste von Sehenswürdigkeiten in der malischen Wüstenstadt Timbuktu. Zehn historische Mausoleen und Moscheen werden dort genannt. Allerdings sind die Stätten, die von der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) als Welterbe eingestuft wurden, im Sommer 2012 mit Meißeln und Spitzhacken zertrümmert worden.

Ahmad Al Faqi Al Mahdi (l.) vor dem Internationalen Strafgerichtshof (Foto: Reuters)

Ahmad Al Faqi Al Mahdi (l.) vor dem Internationalen Strafgerichtshof

Hinter der Zerstörungswut steckte laut Anklage Ahmad Al Faqi Al Mahdi, einstiger Chef islamistischer Tugendwächter in Timbuktu. An diesem Dienstag beginnt das Hauptverfahren gegen den etwa 40-jährigen Malier. Der Prozess ist eine Premiere. Erstmals befasst sich ein Internationales Tribunal direkt mit Angriffen auf Kulturgüter als Kriegsverbrechen.

Die Vergehen liegen mehr als dreieinhalb Jahre zurück. 2012 hatte ein Bündnis aus Islamistengruppen und nach Unabhängigkeit strebenden Tuareg den ganzen Norden Malis überrannt. Auch das sagenumwobene Timbuktu mit seinen Moscheen, Grabstätten und Heiligtümern aus dem 15. und 16. Jahrhundert geriet unter ihre Kontrolle. Die Stadt war einst ein Zentrum der Gelehrsamkeit und des Handels. Vertreter mystischer Strömungen im Islam - Sufis genannt - und Religionsgelehrte genossen in der Bevölkerung große Verehrung. Viele Malier besuchen bis heute deren Grabstätten.

Sufi-Gräber als Abweichung vom Glauben

Für radikale Islamisten sind diese Mausoleen jedoch eine Abweichung vom Islam. Deshalb wollten sie die Lehmbauten dem Erdboden gleichmachen. Auch viele alte Handschriften in den Archiven von Timbuktu wurden zerfetzt, weil die Extremisten nur den Koran anerkannten und alles andere verteufelten. Erst eine Militärintervention Frankreichs drängte die bewaffneten Gruppen zurück.

Die Mausoleen spielen nach Ansicht des früheren deutschen Botschafters in Mali, Karl Flittner, eine große Rolle für die Stadt. "Das Wissen, in einer Stadt zu leben, die eine große Vergangenheit hat, ist für das Selbstbewusstsein der Einwohner von Timbuktu ungeheuer wichtig", sagt Flittner der Deutschen Welle. Deshalb sei die Zerstörung ein Akt gegen die Bevölkerung gewesen.

Christoph Brumann, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale, erinnert sich noch an die weltweite Empörung über die Zerstörung. Damals tagte gerade das UNESCO-Welterbekomitee. Auf Antrag der bedrängten malischen Regierung wurden die Stätten in Timbuktu als bedroht eingestuft, erzählt der Ethnologie-Professor. Das habe die radikalen Gruppen wie Ansar Dine erst recht zum Abriss angestachelt. Dazu hätte sie provozierend gefragt, wer sei denn schon die UNESCO. "Nach ihrer fundamentalistischen Auslegung des Islam sind Gräber für Sufi-Heilige etwas, dass zu Götzenverehrung führt", erläutert Brumann.

Traditionelles Bauwerk aus Lehm in Timbuktu (Foto: Reuters)

Traditionelles Bauwerk aus Lehm in Timbuktu

Schlagzeilen und Demoralisierung als Ziel

Je mehr die Bedeutung von Kulturerbe zunimmt, umso stärker wird es dem Ethnologen zufolge zum Ziel bei Konflikten. Dahinter stehe eine doppelte Logik. "Man kann einerseits Gegner demoralisieren, indem man Sachen zerstört, die ihnen wichtig sind, und andererseits bekommt man dann Schlagzeilen", erläutert der Max-Planck-Forscher. Das hätten die radikalislamischen Taliban in Afghanistan schon 2001 vorgemacht, als sie ungeachtet internationaler Proteste die riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan sprengten. Auch der sogenannte Islamische Staat (IS) habe in den vergangenen Jahren Welterbestätten wie Palmyra in Syrien und Hatra im Irak vernichtet, um Zeichen zu setzen.

Dabei waren Islamisten nicht die Ersten. Während der Kriege im zerfallenden Jugoslawien gerieten in den 1990er Jahren die malerische Hafenstadt von Dubrovnik und die berühmte Brücke von Mostar ins Visier der Konfliktparteien. Das kroatische Dubrovnik, das von serbischen Artilleriegranaten beschädigte wurde, war ebenfalls Welterbe ohne großen strategischen Wert. Für den Beschuss der knapp alten 450 Jahre alten Steinbrücke in Mostar wurden 2013 sechs bosnische Kroaten vom UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien verurteilt. In diesem Verfahren ging es jedoch vor allem um Vergewaltigungen und Vertreibungen. Die Zerstörung der Brücke war damals eher ein Randaspekt.

Nun könnte das Verfahren gegen Al Mahdi Zeichen setzen. Das mutmaßliche Mitglied der Terrorgruppe Ansar Dine war in Niger festgenommen und im September 2015 nach Den Haag überstellt worden. "Es geht um einen eiskalten Anschlag auf die Würde und Identität ganzer Bevölkerungsgruppen und ihrer religiösen und historischen Wurzeln", hatte die Chefanklägerin Fatou Bensouda im Zusammenhang mit der Vorab-Anhörung betont. Al Mahdi hatte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Luftaufnahme von Timbuktu (Foto: DW)

Timbuktu war im 15. und 16. Jahrhundert ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit und des Handels

Mausoleen wieder eröffnet

Mittlerweile wurden die verwüsteten Gebäude mit Hilfe der UNESCO und internationaler Geldgeber wiederhergestellt. Vor einigen Wochen wurden sie mit einer feierlichen Zeremonie und Koran-Rezitation wieder eröffnet.

Flittner, der die Bundesrepublik bis zum Juni 2012 in Mali vertrat, ist sich nicht sicher, ob sich die Mehrheit der Malier besonders für den Strafgerichtsprozess interessiert. "Das ist für Juristen hochinteressant", meint der Diplomat. "Ich glaube aber, für die Bevölkerung ist jetzt der Wiederaufbau das Wichtigere."

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