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Wirtschaft

Weltbevölkerung zwischen Hunger und Überfluss

Die weltweite Nahrungsmittelproduktion muss bis 2050 um rund 70 Prozent gesteigert werden, damit die Ernährung gesichert werden kann. Denn dann werden nach Schätzungen rund neun Milliarden Menschen auf der Erde leben.

Hände umfassen eine Schüssel mit Hülsenfrüchten (Foto: dpa)

Die Preise für Lebensmittel sind in den vergangenen Monaten weltweit drastisch gestiegen. Grund dafür sind zum einen Ernteausfälle aufgrund von Dürren oder Überschwemmungen - aber auch die zunehmende Spekulation mit Agrarrohstoffen. Dass diese Entwicklung so nicht weitergehen kann, darüber ist man sich auch auf der internationalen politischen Bühne inzwischen einig. Doch Lösungen sind aber gar nicht so einfach zu finden.

Prognosen sind in der Regel mit gewissen Unsicherheiten verbunden. Wenn es allerdings um die Entwicklung und Ernährung der Weltbevölkerung geht, dann sind die Voraussagen erschreckend konkret. Experten wie Professor Joachim von Braun vom Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn blicken alles andere als zuversichtlich in die Zukunft: "Wir werden eine Vermehrung der Weltbevölkerung von heute sieben auf neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 haben, aber diese neun Milliarden werden so essen wie zwölf Milliarden Menschen", sagt von Braun. Während der Konsum tierischer Produkte weiter wachsen werde, gehe der Konsum von Grundnahrungsmitteln eher zurück. Denn, so von Braun: "Die Anbauflächen und das Wasser werden knapp, der Klimawandel verstärkt die Produktivitätsprobleme und die Agrarmärkte sind gestört."

Maisfeld (Foto: AP

Die Preise für Weizen und Mais werden bis 2050 drastisch ansteigen

Eine Milliarde Menschen hungern

Schon jetzt hungern knapp eine Milliarde Menschen auf der Welt.

Zwei Milliarden Menschen sind unzureichend mit Vitaminen, Mineralien und Mikronährstoffen versorgt und rund 150 Millionen Kinder unterernährt. Die stark gestiegenen Preise für Getreide haben die Lage noch einmal verschärft. Doch selbst wenn in eine Steigerung der Produktivität investiert wird und Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, so prognostiziert von Braun, werde der Preis für Mais bis zum Jahr 2050 um weitere 90 Prozent steigen und der für Weizen um 40 bis 50 Prozent. Ist eine Verschärfung der Ernährungskrise überhaupt noch abwendbar? Die Politik werde eine entscheidende Antwort geben müssen, sagt von Braun. Die Agrarpolitik von heute werde national gemacht, aber sie müsse international geregelt werden. Und das bedeute: "Landwirtschaftliches Wachstum fördern, Märkte mit freiem Handel, international koordinierter Lagerhaltung und Verhinderung von exzessiver Spekulation, Ernährungs- und Sozialprogramme gezielter und effizienter ausbauen."

Um 70 Prozent, so rechnet die Welternährungsorganisation (FAO) vor, muss die Agrarproduktion weltweit steigen, um die Menschheit auch im Jahr 2050 noch ernähren zu können. Wie aber soll das möglich sein? Dieser Frage ist auch der im vergangenen Jahr veröffentlichte und von der Weltbank initiierte Weltagrarbericht nachgegangen.

Eine ökologische Grundlage für die Landwirtschaft

Gemüse Bioprodukte (Foto: AP)

Mehr Bioprodukte - weniger industrieller Dünger

"Können wir auf eine Landwirtschaft umstellen, die weniger fossile Energien verbraucht, weniger industriellen Dünger und weniger chemische Produkte?" Das fragt Hans Herren, Direktor des Millennium Instituts und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Weltagrarrats. Der Bericht der Weltbank kommt zu dem Schluss, dass die Landwirtschaft auf eine ökologische Grundlage gestellt werden muss. "Wir brauchen", so Hans Herren, "viel mehr wissenschaftliche Forschung. Da muss sehr viel investiert werden." Der Weltagrarbericht erteilt der großflächigen Industrialisierung der Landwirtschaft eine klare Absage und setzt auf die Unterstützung kleinbäuerlicher Produktion. Frische Lebensmittel, den Verzehrsgewohnheiten vor Ort angepasst, von lokalen Erzeugern für lokale Verbraucher – so lautet der Ansatz.

Ein Ansatz, den auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner grundsätzlich unterstützt: "Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in den Entwicklungsländern wurden in den vergangenen Jahrzehnten in der Entwicklungspolitik nicht genug beachtet", sagt die Ministerin, "beides soll künftig wieder stärker in den Fokus unseres Engagements rücken."

Auf der anderen Seite ist Deutschland Teil der Europäischen Union und hat damit auch die Interessen der europäischen Landwirtschafts- und Ernährungsindustrie im Auge. Für die sind die Entwicklungs- und Schwellenländer in erster Linie ein großer Markt, auf dem sich angesichts der wachsenden Bevölkerung gute Geschäfte machen lassen.

Die EU setzt auf bilaterale Abkommen

Traktor auf dem Feld (Foto: DW)

Subventionen schaden dem Wettbewerb

Da die Verhandlungen in der DOHA-Runde der Welthandelsorganisation (WTO) stagnieren, setzt die EU zunehmend auf bilaterale Abkommen. Die, so kritisiert Armin Paasch, Referent für Welthandel und Ernährung beim Bischöflichen Hilfswerk Misereor, seien aber in den meisten Fällen nur für die Industrieländer von Vorteil, weil die von der WTO vorgesehenen Schutzklauseln für Entwicklungs- und Schwellenländer bei bilateralen Abkommen nicht gelten: "Um fairen Handel zu haben, müsste man zumindest ähnliche Ausgangssituationen haben", so Paasch. Doch die seien leider nicht gegeben. "Wir haben industrialisierte Länder mit einer hochindustrialisierten Produktion, es gibt in einigen dieser Länder hohe Subventionen für die Landwirtschaft." Auf der anderen Seite jedoch gebe es in den Entwicklungsländern viele Kleinbauern, die, so Paasch, nicht über die notwendigen Technologien verfügten und die der Staat kaum unterstütze: "In dieser Situation auf Freihandel, auf Zugang zu den Märkten der Entwicklungsländer zu pochen, ist ein Rezept für den Hunger."

Faire Handelsbeziehungen sind Voraussetzung

Bei der WTO sieht man das natürlich anders. Handel sei nicht das Problem, sondern Teil einer Lösung für die Sicherung der Welternährung. Es müsse dort produziert werden, wo dies am effizientesten möglich sei. Doch ohne faire Handelsbeziehungen kann das nicht funktionieren. Und noch ein Problem setzt das System unter Druck. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise haben Anleger Agrarrohstoffe als Anlage entdeckt. Nicht mehr nur Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, sondern Spekulationen auf steigende oder fallende Kurse. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will hier einen Riegel vorschieben. Es müsse mehr Transparenz auf den Warenterminmärkten geben: "Ein zentrales Transaktionsregister, wie es die EU vorgeschlagen hat, kann dabei zeigen, ob sich Bauern legitim absichern, oder ob Finanzanleger spekulieren." Die Nahrungsmittelmärkte dürften, so die Ministerin, "nicht zum Objekt von Zockern" werden.

Allerdings ist auch Aigner klar, dass Regelungen nur auf internationaler Ebene Erfolg haben können. Frankreich hat das Thema für die G20-Staaten auf die Tagesordnung gesetzt. Darüber ist Aigner sehr froh.

Autorin: Sabine Kinkartz

Redaktion: Monika Lohmüller