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Fokus Osteuropa

Welle von Fussball-Krawallen auf dem Balkan löst Debatte nach den Ursachen aus

In jüngster Zeit haben sich schwere Ausschreitungen bei Fußballspielen in Bosnien-Herzegowina und anderen Ländern der Region gehäuft. Beobachter sehen darin einen neuen Trend zu ethnisch motivierten Gewalttaten.

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Proteste in Siroki Brijeg nach dem Mord eines Fußball-Fans

„Die schönste Nebensache der Welt“ zeigt auf dem Balkan ihre hässliche Fratze. Kaum ein Fußball-Wochenende vergeht ohne Meldungen über Prügeleien zwischen Anhängern der gegnerischen Mannschaften und ohne Meldungen über verletzte Fans und Polizisten. Vor dem Fussballspiel zwischen Siroki Brijeg und Sarajevo in der Ersten bosnisch-herzegovinischen Liga kam es Anfang Oktober zu schweren Ausschreitungen. Ein Fan wurde erschossen, zwei Dutzend Personen wurden verletzt, darunter auch mehrere Polizisten. Das Ausmaß an Gewalt bei den Krawallen in Siroki Brijeg überrascht auch Professor Ugo Vlaisavljevic, Soziologe an der Universität in Sarajevo. Er zeigt sich schockiert - wie nahezu alle Bürger: „Es ist etwas ganz Neues. Es handelt sich offenbar um eine Zäsur. Plötzlich kommen Waffen und bewaffnete Gruppen ins Spiel. Durch diese Tatsache wird sich auch unsere Wahrnehmung und unsere Akzeptanz von Sportereignissen nachhaltig ändern“, so Vlaisavljevic. In der Region greift die Befürchtung Raum, dass Auseinandersetzungen der Fußball-Hooligans, wie schon zu Beginn der 90er Jahre, erneut nationale Konflikte entfachen könnten. Die Krawalle von Siroki Brijeg – beileibe keine Ausnahme

Fußballausschreitungen in Bosnien und Herzegowina

Trauer nach Ausschreitungen: ein Fan getötet, 22 Verletzte

Nach Krawallen beim Europa-League-Spiel zwischen Partizan Belgrad und dem französischen Fußball-Erstligisten FC Toulouse war Mitte September ein 28-jähriger Fan der Gastmannschaft seinen schweren Verletzungen in einem Krankenhaus der serbischen Hauptstadt erlegen. Die Ausschreitungen hatten sich vor dem Spiel in einer Bar der Belgrader Innenstadt ereignet. 30 serbische Hooligans hatten die Gaststätte gestürmt, in der sich rund halb so viele Franzosen auf die Begegnung eingestimmt hatten.

Flash-Galerie Fußball Hooligans Beograd Serbien

"Fans" in Belgrad

Gewalt ist nationalistisch motiviert

Im westrumänischen Timisoara (Temeswar) lieferten sich Anfang Oktober rumänische und kroatische Fußballfans eine regelrechte Schlacht auf dem Stadiongelände und in der Stadt. Im Stadion hatten etwa 300 kroatische Fans von Dinamo Zagreb die gegnerischen Fans und Polizisten mit Feuerwerkskörpern, Rauchbomben und anderen Wurfgeschossen angegriffen. Beim Spiel in Rumänien war auch Tomislav Zidak dabei. Der Sportjournalist aus Zagreb gilt seit Jahrzehnten als eine Institution des Balkan-Fußballs. Die zunehmende Gewalt unter den Fans aus Ex-Jugoslawien beobachtet er mit Sorge: „Die Gründe für diese Brutalität, für diese Gewalt sind eindeutig ‚nationale’ Gründe, sie haben nationalistischen Charakter. Nationalistische Ideologien sind schuld für diese schwersten Zwischenfälle überhaupt in unserem Fußball“, betont Zidak. Bosnien-Herzegowina und ethnische Konflikte

In Bosnien und Herzegowina sind es die angespannten Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen, die ihren Teil zur Gewalt in den Stadien beitragen. Ugo Vlaisavljevic von der Universität in Sarajevo meint, dass die Fussball-Krawalle sozusagen die Fortsetzung des Ausnahmezustands seien, die die Menschen im Krieg erlebt hätten. „Das beweist nur, dass die feindlichen Gefühle zwischen den Nationen seitdem nicht geringer geworden sind. Die Spannungen zwischen den kroatischen und bosnischen Fans kann und darf man nicht einfach als etwas ‚Sportliches’ betrachten. Das ist Politik, im wahrsten Sinne des Wortes“, warnt Vlaisavljevic.

Edin Dzeko

Edin Dzeko: erfolgreicher Nationalspieler aus Bosnien-Herzegowina

Das Paradoxe ist, dass das erfolgreiche Auftreten der bosnisch-herzegowinischen Nationalmannschaft in den vergangenen Monaten ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt hat: Bosniaken, Kroaten und Serben waren plötzlich Fans „ihres“ gemeinsamen Teams. Dementsprechend entsetzt zeigt sich Nationaltrainer Miroslav Blazevic durch den Mord in Siroki Brijeg. Er ist traurig und deprimiert. „Ja, es raubt mir die Kraft für meine integrative Arbeit im bosnischen Fußball. Ich liebe mein Volk, ich weiß, wie wichtig unsere Einheit ist. Und dann passiert plötzlich so eine Tragödie, die keinen kalt lassen kann. Ich bin sehr besorgt.“ Sozialer Frust ist Ursache für Gewaltausbruch

Der Soziologe Vlaisavljevic ist fest davon überzeugt, dass das, was in den Stadien in der letzten Zeit zu beobachten ist, ein Spiegelbild der großen Frustration in den Gesellschaften des Balkans sei. Er sieht dafür verschiedene Gründe: die Kriege der jüngsten Vergangenheit, Armut und die Benachteiligung der jungen Generationen: „Vor allem die Jungen reagieren heutzutage sehr gereizt auf jegliche Art von Provokation. Dazu kommt die Tatsache, dass durch den Krieg Waffen etwas Alltägliches geworden sind, etwas, das praktisch jederzeit griffbereit ist“, sagt Vlaisavljevic. Die Debatte über die probaten Mittel gegen Gewalt in den Stadien

Schockiert über die jüngsten Ereignisse auf dem Balkan zeigte sich auch UEFA-Präsident Michel Platini. Der Franzose kündigte an, man werde den Kampf gegen Individuen fortsetzen, die den Fußball für ihre Gewalttätigkeiten missbrauchten. Reagiert hat auch die Politik. Der serbische Präsident Boris Tadic sagte, die verdächtigen Fans hätten die härteste Reaktion, die der serbische Staat zu bieten habe, zu erwarten. Ob Repression wirklich das geeignete Mittel gegen Gewalt in Fußballstadien ist, fragten wir direkt an der Quelle nach: bei den Fans. Einer der Führer der berüchtigten Fans von Partizan Belgrad „Grobari“ (zu Deutsch: die Bestatter), will im Gespräch mit der Deutschen Welle anonym bleiben: „Die Länder in unserer Region haben bis vor zehn, zwanzig Jahren praktisch gebrannt. Es gab Krieg, Bomben, eine ganze Generation der jungen Menschen ist praktisch damit groß geworden. Jugoslawien brach auseinander, unser Wertesystem ist vollkommen degradiert worden. Was erwartet Ihr, was erwarten wir eigentlich jetzt von diesen Leuten? Sollen sie sich wie Akademiker benehmen? Nein, das wird nicht passieren, solange sich nicht etwas in unseren Ländern verändert.“ Die Repression gegenüber den Fans sei kein Mittel, Polizei könne diesen Fußball-Wahnsinn nicht stoppen. Gewalt müsse in den Schulen unterbunden werden, innerhalb der Familie, durch die staatlichen Programme. „Das wird aber hier in keinem Land der Region gemacht. Deswegen ist auch diese Gewalt so brutal.“

Ob Fanprojekte, Reiseverbot für Hooligans, Sicherheitskontrollen am Flughafen und die Reduktion von Stehplätzen in den Stadien ausreichen könnten, um die Fan-Randalen auf dem Balkan in den Griff zu bekommen, darf bezweifelt werden. Doch ein Anfang wäre es allemal: „Es gibt keine Zauberlösung. Ich fürchte, nicht einmal strengere Gesetze können hier helfen. Wenn solch ein Gewalt-Problem nicht einmal Länder wie Holland, Polen oder England lösen können, wie könnten dann verschärfte Gesetze bei uns oder die Polizei in unserer Region diese Gewalt in den Griff bekommen?", so der Sportjournalist Zidak. Die Fans, wie unser Gesprächspartner von „Grobari“ offen zugibt, seien sich ihrer Verantwortung bewusst, wollen sich aber weder von den Medien noch von Politikern die alleinige Schuld in die Schuhe schieben lassen. „Ich gebe zu: Wir haben keine Seminare oder Diskussionen zu diesem Thema veranstaltet. Im Gespräch mit unseren Mitgliedern versuchen wir Folgendes zu erklären: Menschenleben dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden, nur weil ein Fan von einem anderem Club ist“, meint der „Grobar". Teile der Medien in der Rolle der Brandstifter?

Besorgt zeigen sich einige Beobachter auch über die Rolle der professionellen Medien auf dem Balkan. Anstatt objektiv über die Exzesse zu berichten, gießen manche zusätzliches Öl ins Feuer und fachen nationalistische Ressentiments an. „Das Spiel in Siroki Brijeg wurde nie angepfiffen, aber dieses Spiel wird nun in den Medien, in der Politik und bei der Polizei ausgetragen“, beklagt Vlaisavljevic. Sportjournalist Zidak ist noch drastischer: „Unsere Medien sind auf ihre Art auch Hooligans. In Großbritannien z.B. haben sich die Medien verpflichtet, Fan-Exzesse einfach nicht zu beachten. Unsere Medien aber sind ‚hungrig’ nach Sensationen. Das ist einer der Gründe für ein solches Benehmen der Fans. So kommt es auch dazu, dass bei uns die Fans zu Medienstars werden – und nicht die Spieler“. sagt Zidak. Das "Spiel" nach dem Spiel

UEFA^Kongress in Kopenhagen Michel Platini

Michel Platini hat es verstanden: so geht es nicht weiter.

Die jüngsten Krawalle könnten für Partizan Belgrad und Dinamo Zagreb noch ein Nachspiel haben. Der serbische Klub war erst 2007 aus dem UEFA-Cup ausgeschlossen worden, nachdem seine Anhänger am Rande eines Duells beim bosnisch-herzegowinischen Rivalen Zrinjski Mostar für schwere Ausschreitungen gesorgt hatten. Nach dem jüngsten tragischen Vorfall in Siroki Brijeg reagierte die UEFA mit Schweigen. Auf eine DW-Anfrage über die möglichen Sanktionen für die Beteiligten, antwortete ein Sprecher der Europäischen Fussball-Föderation: „Kein Kommentar, solange der Abschlussbericht nicht vorliegt.“

Indes scheint es fraglich, ob harte UEFA-Strafen die Randalierer beeindrucken würden. Viele Experten in der Region sehen keine Lösung des Problems, trauen sich aber nicht, dies öffentlich zuzugeben. Tomislav Zidak sagt, er habe keine Hoffnung mehr auf gewaltfreien Fußball in der Region. Auf die Frage, ob er sich vorstellen kann, jemals von einem Fußballspiel zwischen einer kroatischen und einer serbischen Mannschaft zu berichten, bei der es zu keinen Randalen zwischen den Fans kommt, sagt der 57-jährige Fußballkenner resigniert: „Ich fürchte, dass ich das in meinem Leben wohl nicht mehr erleben werde.“

Autor: Srecko Matic

Redaktion: Birgit Görtz