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Afrika

"Welcome to hell fire" - Folter in Nigerias Sicherheitssystemen

Das Herausreißen von Zähnen und Nägeln, Schläge mit Eisenstangen, Elektroschocks: Folter gehöre für nigerianische Polizisten und Soldaten zur Verhörroutine, berichtet Amnesty International in ihrem jüngsten Bericht.

Onyekachi ist wütend, seine Stimme überschlägt sich. "Meine Hände wurden mir auf den Rücken gebunden, zusammen mit meinen Beinen. Ich wurde geschlagen, mit Eisenstangen und Holzstöcken", beschreibt der 33-Jährige seine Erlebnisse auf einer Polizeistation im Bundesstaat Imo im Süden Nigerias im Interview mit der DW. "Aber das schmerzhafteste war das Aufhängen. Sie haben mich an den Füßen aufgehängt für über eine Stunde."

Onyekachi ist kein Einzelfall. Folter und grobe Misshandlungen gehören für nigerianische Polizisten und Soldaten zur Routine. Zu dem Schluss kommt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in ihrem gerade veröffentlichem Bericht über die Zustände in nigerianischen Gefängnissen und Polizeirevieren.

Netsanet D. Belay Amnesty International (Foto: Karen Hatch).

Netsanet D. Belay, Afrika-Direktor von Amnesty International

"Wir konnten beobachten, dass Folter eine fest verwurzelte ganz gewöhnliche Ermittlungsmethode der Polizei ist, um von einem Tatverdächtigen ein Geständnis zu erzwingen", sagt Netsanet Belay, Afrika-Direktor von Amnesty International der Deutschen Welle. "Das ist eine weit verbreitete Praxis unter Polizeibeamten." Abdul Jelili Adesiyan, Nigerias Minister für Polizei-Angelegenheiten, widersprach den Vorwürfen. "Ich sehe nichts Außergewöhnliches in den Praktiken der nigerianischen Polizei. Folter ist nicht Teil der Aufgaben der Polizisten. Unsere Beamten foltern niemanden."

Zwölf Methoden der Folter

In sieben Jahren Recherche hat die Organisation über 500 Zeugenaussagen von ehemaligen Häftlingen und von Familienangehörigen zusammengetragen. Sie hat Beweismaterial von Anwälten gesichtet und hat selbst Beobachter in die Gefängnisse geschickt - mit erschütternden Ergebnissen. Die Methoden der Folterer sind vielfältig: Häftlinge werden mit Peitschen, Gewehrkolben oder Gummiknüppeln geschlagen, werden gezwungen, über Glasscherben zu gehen oder auf Nagelbrettern zu sitzen. "Die grausamste Methode bestand im Herausreißen von Nägeln - eine sehr schmerzhafte Prozedur. Elektroschocks wurden angewendet oder Häftlinge auf sehr brutale Weise mit Macheten oder Metallgegenständen geschlagen", berichtet Belay. Hinzu kämen schlimme Ausprägungen sexueller Gewalt an Frauen und Prostituierten. "Wir haben von einer Frau erfahren, deren Vagina mit Tränengas verletzt wurde, um ihr ein Geständnis abzuringen. Wir haben in Nigeria wirklich die brutalsten Foltermethoden vorgefunden."

Ein Polizist schlägt einen Häftling mit einer Machete (Zeichnung: Chijioke Ugwu Clement).

Onyekachi: "Geschlagen mit Stöcken, Macheten und Eisenstangen"

Gefoltert werde als Bestrafung, um Geld zu erpressen oder um Fälle schneller zu "lösen", stellt Amnesty International fest. Den Häftlingen ist es untersagt, ihre Familien zu sehen. Nur wenige erhalten die Gelegenheit, einen Anwalt zu konsultieren, um Rechtsbeistand zu erhalten, bestätigt Mamman Lawal Yusufari. Der Anwalt und Leiter der juristischen Fakultät der Bayero Universität im nordnigerianischen Bundesstaat Kano bemüht sich seit Jahren, die Rechte von Tatverdächtigen juristisch durchzusetzen. Er geht gezielt von Polizeistation zu Untersuchungsgefängnis und versucht, für Inhaftierte eine Kaution zu erwirken.

Internierungslager mit Namen "Guantanamo Bay"

Verschlimmert habe sich die Situation, sagt Yusufari, seitdem die Regierung im Kampf gegen den Terror der Islamisten von Boko Haram für verschiedene Bundesstaaten den Ausnahmezustand ausgerufen hat. "In diesen Staaten ist die Situation eher kritischer als besser. Was hier in vielen Fällen passiert, ist, dass vermeintliche Boko-Haram-Anhänger einfach verhaftet und festgehalten werden. Dann bringen sie sie in ihre eigenen Gefangenenlager, die sie Guantanamo Bay nennen", sagt Yusufari im Gespräch mit der DW. Ohne Ermittlungen, ohne Gerichtsverfahren würden diese Menschen dort festgehalten. "Viele von ihnen sterben dort auch. Die Situation ist sehr beunruhigend."

Tausende Menschen – Schätzungen gehen von bis zu 10.000 aus – sind bei den Militäroperationen gegen Boko Haram festgenommen worden. Oft reiche ein Anfangsverdacht und die Menschen verschwänden über Jahre hinter Gittern, berichtet Amnesty International.

Ein Polizist betritt einen gefesselten Häftling mit Füßen (Zeichnung: Chijioke Ugwu Clement).

Der Künstler Chijioke Ugwu Clement hat Zeugenaussagen ins Bild gesetzt

Täter ohne Strafe

Die Täter blieben dabei oft von einer Strafe verschont, sagt Belay. An eine Entschädigung der Opfer sei gar nicht zu denken. "Die nigerianische Regierung lehnt es systematisch ab, den Anschuldigungen der Folter nachzugehen. Insbesondere im Militär haben wir keinen Hinweis auf ein Untersuchungsverfahren oder gar eine Anklage gesehen." Diese Kultur der Straflosigkeit müsse unbedingt aufhören, fordert Netsanet Belay von Amnesty. Ein Gesetz, das Folter unter Strafe stelle, sei im Parlament zwar debattiert worden, aber noch nicht unterzeichnet. Das sei dringend notwendig - "und zwar sofort" fordert Belay.

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