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Nahost

Welchen Weg nimmt Ägypten?

Ägyptens Gegenwart ist wenig erfreulich: Zwei starre Fronten, Tote und Gefangene. Schlechte Aussichten also für die Zukunft? Zwei Experten sagen im DW-Gespräch, wie es wohl weitergeht am Nil.

Bewegte Jahre für Ägypten: Anfang 2011 erfasst der Arabische Frühling das Land, kurz darauf tritt nach 30 Amtsjahren Diktator Mubarak zurück. Es folgen ein Wahlsieg der islamistischen Muslimbrüder, ein von großen Teilen der Bevölkerung unterstützter Militärputsch gegen Präsident Mursi und immer wieder Demonstrationen und Ausschreitungen. Zuletzt räumte die Übergangsregierung die Protestcamps der Islamisten, die Folge waren hunderte Tote und verfestigte Fronten: Hier Militär, da Muslimbrüder.

Nun hatten die Islamisten zu einem "Freitag der Entschlossenheit" (30.08.2013) aufgerufen - und auffallend wenige Unterstützer sind gekommen. Gewalttätige Ausschreitungen gab es trotzdem. Wie also geht es weiter mit Ägypten?

Wie wird das mächtige Militär sich verhalten?

Brennende Reifen, schwarzer Rauch und Ägypter auf einem Motorrad am Freitag der Entschlossenheit (Foto: MOHAMED EL-SHAHED/AFP/Getty Images)

Zum "Freitag der Entschlossenheit" kamen weniger Unterstützer als erwartet

"Es spricht alles für eine Stabilisierung der Lage mit Hilfe der Streitkräfte und der Sicherheitskräfte." So sieht es der Berliner Politologe Hamadi El-Aouni. Eine Stabilität, so ergänzt es in einem separat geführten Gespräch Cilja Harders, nach der sich nach brutalen Monaten viele Ägypter sehnen. Die Professorin ist Leiterin der Arbeitsstelle "Politik des Vorderen Orients" an der Freien Universität Berlin.

So hart, wie es gegen die Islamisten vorgehe, könne das Militär nicht ewig weitermachen, sagt Harders. "Wenn die anderen politischen Kräfte den Eindruck gewinnen, dass sich die Repression im Zweifel auch gegen sie selbst wenden kann, werden sie eine harte Linie des Militärs nicht endlos weitertragen." Die Armee habe vielleicht drei Monate Zeit, um ihre Versprechen einzulösen, sagt Harders: Sicherheit und Stabilität.

Was wird aus den Islamisten?

"Die Muslimbrüder sind nicht mehr in der Lage, so viele Menschen zu mobilisieren", sagt Hamadi El-Aouni im DW-Gespräch. Das habe die schwache Teilnahme am "Freitag der Entschlossenheit" gezeigt: "Ihre Führung ist teilweise in Haft und ihre Basis verliert allmählich an Bedeutung." In den Moscheen, so erläutert es der Politikwissenschaftler, geben die Muslimbrüder bereits nicht mehr überall den Ton an.

Hamadi El-Aouni, Politikwissenschaftler an der FU in Berlin (Foto: privat)

"Lage wird sich allmählich stabilisieren": Hamadi El-Aouni

Cilja Harders glaubt, das harte Vorgehen des Militärs und die öffentliche Kampagne gegen die Muslimbrüder verunsicherten viele Anhänger, die noch vor einem Jahr dachten, eine rechtmäßige und rechtschaffene Partei gewählt zu haben.

Für die Muslimbrüder selbst sieht Harders mehrere Möglichkeiten. Dass sie wieder in Deckung gehen, wie sie es aus den Jahren der Diktatur gewohnt sind. "Man kann sich auch vorstellen, dass die Muslimbrüder nach einer kleinen Ruhephase nochmal versuchen, intensiv zu mobilisieren", sagt die Professorin, "und dabei sowohl Gewalt ausüben als auch Gewalt in Kauf nehmen, weil das Militär darauf sicherlich mit aller Härte reagieren wird."

Eine dritte Möglichkeit hält Harders für die schlimmste: Einzelne Teile der Muslimbrüderschaft spalten sich ab und radikalisieren sich. Das sei für Ägyptens Zukunft deutlich gefährlicher als eine Muslimbrüder-Regierung.

Was sagt die Bevölkerung?

Cilja Harders hat selbst in Ägypten gelebt. Sie sieht in der Bevölkerung eine große Sehnsucht nach Ruhe. Derzeit herrsche eine "Abwartehaltung" vor. Viele trauten dem Militär zu, eine brauchbare Verfassung zu schreiben und als nötiges Gegengewicht zu den Islamisten zu agieren. "Es gibt nicht wenige Menschen, die denken, dass wenn die Muslimbrüder eine eingehegte politische Kraft sind - also vielleicht nicht alle im Gefängnis, aber eben doch eine deutlich in ihren Möglichkeiten beschnittene Bewegung - dass dann der politische Prozess in Ägypten auch weitergehen kann."

Was also wird aus Ägypten?

Für den Politologen Hamadi El-Aouni deutet vieles auf eine friedliche Zukunft des Landes: "Die Lage wird sich allmählich stabilisieren. Mittelfristig wird es Ägypten schaffen, den Demokratisierungsprozess tatsächlich in Gang zu setzen."

Bisher halte die fragile Sicherheitslage den ägyptischen Staat von seinen eigentlichen Aufgaben ab, sagt El-Aouni: Wirtschaft und Soziales brauchten dringend die Aufmerksamkeit einer Regierung. Und dann, so hofft es El-Aouni, könne Ägyptens Wiedergeburt beginnen als vorbildlich demokratisches Land, "Modell einer neuen arabischen Realität".

Ein Mitarbeiter wischt auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) am Stand des Landes Ägypten den Staub der Aufbauarbeiten von der Goldmaske des ägyptischen Pharaos Tutanchamun (Foto: Soeren Stache/dpa)

Hat auch Pharao Tutanchamun schon beschäftigt: die Rolle der Religion im öffentlichen Leben

Für Harders gilt es allerdings, noch ein anderes wichtiges Problem zu lösen: "Welche Rolle soll und darf die Religion spielen in der Politik und im öffentlichen Leben?" Dieser Streit müsse von allen politischen Kräften friedlich beigelegt werden. "Und solange das nicht geschieht, wird das eine instabile Situation sein."

Zwei optimistische Wissenschaftler, ein Land mit großen Aufgaben. Die größte, so sieht es Harders, ist die Aussöhnung. "Im wesentlichen ist die Frage immer, was man dem Militär zutraut. Ob man denkt, dass sie ab einem bestimmten Punkt die Muslimbrüder auch wieder einbeziehen. Und das ist meiner Ansicht nach ein Muss - man kann sie nicht einfach alle hinter Gitter stecken, das wird auf die Dauer nicht halten."

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