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Kultur

„Welche Farbe hat Gott?“

Wenn Kinder Theologie treiben - von Dr. Katharina Klöcker, Münster

Dr. Katharina Klöcker, Münster

Dr. Katharina Klöcker

Neulich im Kinderzimmer. Mein dreijähriger Sohn baut aus Legosteinen ein Haus, hält plötzlich inne und fragt mich: „Mama, wie lang ist Gott?“ Erwartungsvoll schaut er mich an. Und mir, zweifacher Mutter, studierter und promovierter Theologin, bleibt erst mal die Spucke weg. Wie lang Gott ist? Ich überlege, druckse herum. Er schaut mich noch ein bisschen erwartungsvoller an. – Was meinst Du denn? frage ich schließlich, weil mir nichts Besseres einfällt. „So lang wie unser Haus“, sagt er. „Vielleicht sogar noch etwas länger“, überlege ich laut. Mein Sohn legt nach: „Und welche Farbe hat Gott?“ Ich starre ihn an. „Ich glaube rot“, sagt er und wendet sich wieder seinen Legosteinen zu.

Seit einigen Monaten geht das nun schon so. Dieser kleine Junge überrumpelt mich regelmäßig mit Fragen wie diesen. Ich verhalte mich meistens ziemlich ungelenk und wortkarg. Dabei gehört der Umgang mit theologischen Fragen zu meinem beruflichen Tagesgeschäft. Seit Jahren gebe ich theologische Seminare an der Universität. Aber seit mein Sohn herausbekommen will, was es mit dem haushohen, roten Gott auf sich hat, hat für mich ein theologisches Abenteuer sondergleichen begonnen. Ausgang offen.

Natürlich kann man über die Fragen kleiner Kinder bezüglich Gott lächeln. Die meisten Eltern und Erzieherinnen können enorm lustige Sprüche aus Kindermund zu religiösen Themen zum Besten geben. Sammelsurien solcher Anekdoten sind mittlerweile sogar im Buchhandel erhältlich. „Gott hat uns alle gratis erschaffen“, heißt zum Beispiel ein sehr unterhaltsames und erfolgreiches Buch.

Mittlerweile werden diese kindlichen Sprüche jedoch nicht mehr nur belächelt. Seit ein paar Jahren ist das theologische Abenteuer, das ich gerade mit meinem Sohn durchlebe, Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung. Die so genannte Kindertheologie nimmt Kinder als Theologen wahr und ernst. Dahinter verbirgt sich ein ganz bestimmtes Verständnis von Theologie. Sie ist gerade kein Privileg studierter Expertenkreise, sondern jeder – das vertrat auch der große Theologe Karl Rahner – der über Gott nachdenkt, ihn sucht und nach ihm fragt, ist Theologe. Dahinter verbirgt sich aber auch ein ganz besonderes Verständnis von Kindern. Ihnen werden tatsächlich Kompetenzen zugestanden, auch theologische.

Was folgt daraus, wenn sich Erwachsene mit Kindertheologie beschäftigen? Drei Denkanstöße:

Wenn Kinder nach Gott fragen, stellen sie völlig neue Fragen. Bei mir hat sich zumindest noch niemals jemand zuvor nach der Farbe Gottes erkundigt. Solche Fragen entlarven charmant die eigenen eingefahrenen Denkmuster. Warum haben wir uns eigentlich noch nie über die Farbe Gottes unterhalten?

Wenn Kinder nach Gott fragen, stellen sie elementarste Fragen. Wer ist Gott? Das ist eine solche Frage, an die ich mich lebhaft erinnere. Müsste einem Erwachsenen, der sich als gläubiger Mensch versteht, auf diese Frage nicht sofort etwas Kluges und Eloquentes einfallen? Was würden Sie einem Dreijährigen antworten?

Wenn Kinder nach Gott fragen, stellen sie heikle Fragen. „Hat Gott eine Frau?“ Das trieb meinen Sohn vor kurzem um, und in diesem Zusammenhang wollte er auch wissen, warum ein mit uns befreundeter Priester keine Frau habe. Wie erklären wir mal eben einem wissbegierigen Knirps, wie es um das Geschlecht Gottes bestellt ist, und was es mit dem Zölibat auf sich hat?

Eines ist mir klar: In unserem theologischen Abenteuer spiele ich alles andere als den Part der Heldin. Im Gegenteil: Ich sage oft, dass ich etwas nicht so genau weiß oder dass ich darüber noch einmal nachdenken muss. Aber, so beruhigte mich der Pastor, der regelmäßig in den Kindergarten kommt und von dem mein Sohn ziemlich beeindruckt ist: Das sei genau das, was in Gesprächen mit Kindern zähle. „Authentisch bleiben.“ Daran halte ich mich jetzt erst mal fest. Mein Sohn fragt sich derweil weiter durch zu Gott.

Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte

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