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Projekt Zukunft

Welche Chancen bietet die personalisierte Medizin?

Diese Frage erörtern wir mit unserem Gast Prof. Burkhardt Wittig vom Institut für Molekularbiologie und Bio-Informatik, FU Berlin.

Video ansehen 03:43

DW:
Warum sind personalisierte Medikamente im Kampf gegen Krebs im Kommen?

Burghard Wittig:
Sie sind vor allem deshalb im Kommen, weil es der erste wirklich rationale Weg ist, Medikamente gegen Tumore zu entwickeln. Früher hat man einfach ausprobiert, was im Schrank war, und gehofft, dass etwas davon passt. Jetzt haben wir ein richtiges wissenschaftliches Konzept, das zu solchen Medikamenten führt.

Weil man genauer weiß, welche Gen-Veränderung vorliegt, kann man auch genauer entsprechende Wirkstoffe testen?

Wir haben in den letzten Jahren alle Stoffwechselwege kennengelernt, die Zellen typischerweise gehen, wenn sie zu Tumorzellen werden. Wenn wir das Genom dieser Tumorzellen vollständig analysieren, können wir sagen: Diesen Stoffwechselweg könnten wir jetzt mit einem Medikament beeinflussen, um dem Patienten zu helfen.

Und das war früher so noch nicht möglich?

Nein, das war eine ganz andere Vorgehensweise: Man hat mit Hilfe riesiger Substanzbibliotheken einfach ausprobiert, welcher Stoff eine Anti-Tumor-Wirkung besitzt.

Was ist denn der Vorteil einer personalisiertenTherapie?

Zunächst ist sie zielgerichtet. Das bedeutet für den Patienten, dass die Nebenwirkungen fast immer nicht so drastisch sind, wie das bei herkömmlichen Tumortherapien der Fall ist: der Chemotherapie oder der Bestrahlung. Diesem Vorteil der fehlenden Nebenwirkungen können aber auch Nachteile gegenüberstehen: man bekämpft nämlich nur ein einziges Ziel im Tumor. Um Erfolg zu haben, müsste man aber möglicherweise mehrere Ziele bekämpfen. Denn Tumorzellen sind in ihrer genetischen Ausstattung nicht konstant. Sie können sich so verändern, dass sie durch die Wirkung des Medikaments nicht mehr sterben. Das Medikament wirkt dann nicht mehr, der Patient ist dagegen resistent geworden.

Sie forschen auch an anderen Methoden, um Tumore zielgenau zu bekämpfen.

Wenn man davon ausgeht, dass jeder Tumor ein ganz individueller Tumor ist, dann versuchen wir im Körper des Patienten das Immunsystem gegen genau diesen Tumor zu aktivieren und nicht gegen irgendeinen Tumor. Wir versuchen, die Individualisierung der Behandlung tatsächlich auf die Spitze zu treiben.

Eine Darmkrebsstudie, die Sie durchgeführt haben, steht kurz vor dem Abschluss. Was ist das wichtigste Ergebnis?

Ich darf da in Details nicht vorgreifen, aber wir sehen tatsächlich zum ersten Mal, dass wir mit der Immunmodulation - also das Immunsystem auf die Tumorfragmente im Körper des Patienten aufmerksam zu machen - die Zeit bis zum Wiederauftauchen des Tumors deutlich verlängern können.

Wann können wir mit personalisierten Medikamenten gegen Krebs rechnen?

Es gibt schon eine Reihe dieser personalisierten Medikamente auf dem Markt. Die werden sicherlich die Zukunft sein. Denn in der Grundlagenforschung entdecken wir immer wieder neue Zielstrukturen, durch Genomanalysen. Ziel ist es, Medikamente zu entwickeln, die möglichst viele tumorspezifische Stoffwechselwege beeinflussen und das Tumorwachstum tatsächlich hemmen können.

Interview: Maria Grunwald