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Deutschland

Weiterarbeiten trotz Rente

Einige Rentner müssen im Alter etwas hinzuverdienen, da das Geld sonst nicht reicht. Andere machen weiter, um ihrem Alltag Struktur zu geben. Arbeit schadet auch im Alter nicht. Doch die Politik ist noch nicht so weit.

65 Jahre alt, braun gebrannt, sportliche Erscheinung. Dass Mike Schale 50 Jahre lang berufstätig war, sieht man ihm nicht an. Mit 15 machte er eine Lehre zum Werkzeugmacher, danach war er bei der Ordnungsbehörde seiner Stadt beschäftigt. Vergangenes Jahr ist er altersbedingt ausgeschieden. Doch die Arbeit fehlt ihm. Deshalb hat er eine Stellenanzeige aufgegeben: Rentner, vielseitig, sucht kleinere Nebentätigkeit. "Ich möchte meinen Tag strukturieren, möchte nicht in Versuchung geraten, am Nachmittag mit einer Flasche vor dem Fernseher zu sitzen", gibt Schale zu.

Mike Schale (Foto:DW/Karin Jäger)

Als Rentner nicht ausgelastet: Mike Schale

Geld hat er genug, dazu ein eigenes Haus, zwei ehrenamtliche Tätigkeiten im sozialen Bereich könnten sein Leben ausfüllen. Er ist künstlerisch begabt, braut sein eigenes Bier, organisiert Reisen, hat eine Frau an seiner Seite. Und trotzdem würde er gerne Rasenmähen oder Büroarbeiten erledigen, um an allen Tagen der Woche ausgelastet zu sein: "Mir geht es sehr gut, aber ich muss von der Straße, was Sinnvolles tun."

Nebenverdienst mit Spaß an der Freude

Walter Stegner (Name von der Redaktion geändert) hat seinen Beruf 40 Jahre lang bei der Deutschen Telekom ausgeübt. Bis er merkte, dass man "mich im Konzern nicht mehr braucht".

Symbolbild Altersarmut in Deutschland (Foto: Getty Images)

Reicht das Geld im Alter?

Von heute auf morgen bekam er neue Vorgesetzte, andere Aufgaben zugeteilt. Drei Monate dauerte sein Abnabelungsprozess. Da hatte er realisiert: "Wenn die mich nicht mehr wollen, gehe ich." An seinem 55. Geburtstag wurde er in den Vorruhestand geschickt. Seither bekommt er

70 Prozent seines letzten Gehaltes

und kann davon gut leben.

Weil er sich allerdings nicht ausgelastet fühlte, legte Stegner eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer ab. Bis zu 450 Euro pro Monat darf er nun als Selbstständiger hinzuverdienen. Während andere Unruheständler ihre Dienste auf Internet-Portalen anbieten, kommt Stegner durch Mund-zu-Mund-Propaganda an Jobs. Für seine Kunden übernimmt er Buchführungen oder wickelt den Schriftverkehr mit Behörden und Versicherungen ab: "Ich tue alles, was mich interessiert. Dadurch lerne ich dazu. Das ist sehr befriedigend. Außerdem kann ich auch mal 'Nein' sagen", sagt Stegner.

Axel Börsch-Supan, Sozialwissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut, plädiert dafür, länger zu arbeiten, "weil die engen Sozialkontakte, der geplante Tagesablauf, körperliche und geistige Herausforderungen zur langfristigen Gesundheit beitragen".

Vorruhestandsregelung nicht mehr zeitgemäß

Auch die Deutsche Telekom hat ihre Strategie geändert: Jahrelang tauschte der frühere Staatskonzern die teuren älteren Beamten gegen junge, flexible und kostengünstigere Mitarbeiter aus. Oder er rationalisierte die Stellen weg. Doch da Fachkräfte knapp werden, setzt die Führung inzwischen auf Weiterbildung statt auf Frühverrentung. Die Vorruhestandsregelung gilt daher nur noch bis Ende 2014.

Axel Börsch-Supanb (Foto: privat)

Sozialwissenschaftler Axel Börsch-Supan: für flexiblen Renteneintritt

Andere Unternehmen betreiben längst eine "altersorientierte Personalpolitik". Sie holen Ruheständler sogar zurück an ihren alten Arbeitsplatz, weil sie dort noch gebraucht werden. Zwar seien die teurer als jüngere Kollegen, so Rentenfoscher Börsch-Supan, aber sie kompensieren ihren Mangel an physischer Kraft durch langjährige Erfahrung. Der Bosch-Konzern, der unter anderem Hausgeräte und Auto-Ersatzteile produziert, beschäftigt ehemalige Mitarbeiter nach dem altersbedingten Ausscheiden sogar weiter - auf Honorarbasis oder zeitlich befristet. Die Bosch-Senior-Experten schulen neue Kollegen oder sorgen für die Qualitätssicherung.

Kleine Rente durch Selbstständigkeit

Auch der 66-jährige Lothar Groß gehört zu den Unruheständlern. Nach 51 Arbeitsjahren. Als Unternehmer musste er nicht wie Angestellte per Gesetz Beiträge in die Rentenversicherung zahlen. Deshalb bekommt er auch nur 343 Euro Altersruhegeld vom Staat. Davon könnte er nicht einmal seine Miete zahlen.

Als 14-Jähriger begann Groß eine Lehre als Kraftfahrzeug-Schlosser. 38 Jahre war er selbstständig, betrieb Tankstellen und eine Auto-Werkstatt. Viel Geld übrig hatte er nicht, um seine Familie zu ernähren und zusätzlich fürs Alter vorzusorgen. Mit Krediten finanzierte er eine Autowaschanlage. "Meine Altersversorgung", sagt Groß lachend: "Als Selbstständiger braucht man auch im Alter ein Einkommen, um über die Runden zu kommen."

Als er vor zwei Jahren alles verkauft hatte, wurde er krank. Der Arzt verschrieb ihm blutdrucksenkende Mittel und Bewegung. Doch recht schnell seien Keller und Garage aufgeräumt gewesen. Nach Jahrzehnten habe er auch wieder eine Tageszeitung abonniert, weil er glaubte, Zeit zum Lesen zu haben: "Aber ich habe sehr schnell festgestellt, dass das nicht alles sein kann, morgens die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen und dann mal mit dem Hund eine Runde zu gehen." Immmerhin: In der Zeitung las Lothar Groß das Inserat eines Energiekonzerns. Seither fährt er in dessen Auftrag über Land und liest die Werte von Strom- und Gaszählern ab. Und Medikamente braucht er nicht mehr.

Lothar Groß (Foto: DW/Karin Jäger)

Lothar Groß im Unruhestand

"Die meisten jungen Leute, die als Selbstständige arbeiten, sind doch gar nicht mehr in der Lage für das Alter vorzusorgen", glaubt Groß. Zur Diskussion über das Renteneintrittsalter hat er eine klare Meinung: "Es müsste vom Beruf abhängig sein, wann man in Rente geht." Ein Dachdecker, der einen körperlich anstrengenden Job gemacht hat, müsste früher in den Ruhestand versetzt werden als ein Bundeswehroffizier, der abzugsfrei mit 55 Jahren schon seinen Abschied aus dem Berufsleben nimmt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes scheidet der Durchschnitts-Deutsche mit 63,2 Jahren aus dem Berufsleben aus.

Flexible Rentenlösungen

Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik plädiert für die Abschaffung aller bisher per Gesetz verpflichtenden Altersgrenzen. Er verweist auf die Arbeitnehmer, die freiwillig länger arbeiten wollen und den zunehmenden Fachkräftemangel, "so dass es unsinnig ist, diese Menschen aufgrund starrer Altergrenzen von der Arbeit abzuhalten".

Dieses Modell hätte auch positive Auswirkungen auf das umlagebasierte Rentensystem. Denn durch die aktuelle Gesetzgebung muss die abnehmende Zahl junger Erwerbstätigen die Leistungen für die Renter mit zunehmend höherer Lebenserwartung erarbeiten. Durch eine variable Lösung könnten die Senioren sich ihre Rente selbst längere Zeit finanzieren.

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