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Wissen & Umwelt

Weiter Pflanzengift Glyphosat im Urin?

Nach einer Untersuchung hat die Mehrheit der Deutschen das Pestizid Glyphosat im Urin. Ob diese Menge die Gesundheit schädigt ist noch nicht erforscht. In der EU mehren sich die Stimmen für ein Verbot.

Über Lebensmittel, Trinkwasser und die Arbeit in der Landwirtschaft kommen Menschen mit Glyphosat in Kontakt. Das Pflanzengift zählt zu den weltweit am häufigsten eingesetzten Unkrautvernichter. Das Pestizid steht im Verdacht, für Krebs, Missbildungen, Fehlgeburten und Darmerkrankungen verantwortlich zu sein und ist deshalb äußerst umstritten.

Eine große Untersuchung zu Glyphosat im Urin fand jetzt eine deutliche Belastung in Deutschland. Mit über 2000 Analysen ist dies die bisher weltweit umfangreichste Untersuchung dieser Art. Ermöglicht wurde die privat finanzierte Feldstudie durch Bürger, die ihre Urinproben abgaben und für den persönlichen Test 54 Euro zahlten.

Nach Angaben von Professor Monika Krüger, die die Untersuchung durchführte, liegt bei 75 Prozent der untersuchten Bürger die Belastung mit Glyphosat-Rückständen im Urin bei mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter. Damit ist sie fünfmal so hoch wie der Grenzwert für Trinkwasser in Deutschland, der bei 0,1 Mikrogramm liegt. Bei einem Drittel der Probanden fanden die Analytiker Konzentrationen zwischen einen und 4,2 Mikrogramm pro Liter.

Mehr Glyphosat bei Landwirten und konventioneller Kost

In der großen Feldstudie stellten die Wissenschaftler erhebliche Unterschiede der Belastung zwischen den eingesendeten Proben fest. So enthielt der Urin von Landwirten einen vergleichsweisen höheren Rückstand von Glyphosat. Menschen, die sich vegetarisch, vegan oder biologisch ernährten hatten dagegen weniger Rückstände im Urin.

Auch im Urin von Kindern und Jugendlichen stellte das Untersuchungslabor eine hohe Konzentration von Glyphosat fest. "Warum es bei Kindern eine höhere Konzentration gibt, wissen wir nicht. Eine Erklärung könnte der andere Stoffwechsel bei Kindern sein", so Krüger gegenüber der Deutschen Welle. Krüger fordert von den Aufsichtsbehörden "weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen, um Zusammenhänge zwischen der Belastung mit Glyphosat und dem Gesundheitsstatus sowie bestimmten Erkrankungen in der Bevölkerung zu erkennen."

Wie gefährlich ist Glyphosat?

Medardo Avila Vazquez (Foto: DW).

Kinderarzt Medardo Avila warnt: "In Argentinien sterben mehr Menschen an Krebs"

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Glyphosat als erbgutschädigend und wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Es steht zudem in Verdacht, in das Hormonsystem einzugreifen, die Fruchtbarkeit zu schädigen und den Mikroorganismus im Magen-Darm-Trakt zu beeinflussen, was zu Störungen des Verdauungssystems führt.

Wissenschaftler, Ärzte und Umweltschützer fordern deshalb schon seit langem ein weltweites Verbot des Pflanzenmittels in der Landwirtschaft. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt diese Einschätzung nicht, bewertet das Pflanzengift als "wahrscheinlich nicht krebserregend" und hält auch die jetzt gefundenen Mengen von Glyphosat im Urin für "gesundheitlich unbedenklich".

Gegen die Bewertungskriterien des BfR, das auch bei der europäischen Zulassung eine führende Rolle hat, erheben internationale Forscher jedoch schwere Vorwürfe. Im November schrieben 96 Wissenschaftler einen offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Sie forderten einen Stopp von Glyphosat in der EU, da die diesbezügliche Analyse des BfR schwerwiegende Mängel enthalte.

Demo zu Glyphosat (Foto: Imago / Steinach).

Protest gegen Glyphosat in Berlin. Laut Emnid-Umfrage sind drei Viertel der Deutschen für ein Verbot.

Zulassung bis 2031 oder noch Forschungsbedarf?

Vertreter der EU-Mitgliedstaaten beraten derzeit in Brüssel über die weitere Zulassung von Glyphosat, die aktuelle Genehmigung läuft noch bis Juni 2016. Die EU-Kommission plädiert für eine Verlängerung der Zulassung bis 2031, einige EU-Staaten sind dagegen, die Neuzulassung steht auf der Kippe.

Die Bundesregierung hat sich bisher nicht festgelegt. Die Abstimmung laufe noch, sagte eine Sprecherin de Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin. In den Niederlanden hatte das Parlament sich für ein Glyposat-Verbot ausgesprochen. Der zuständige Staatssekretär Martijn van Dam sicherte daraufhin zu, die Regierung wolle auf eine Vertagung der Entscheidung in der EU drängen. Es seien weitere Untersuchungen nötig um zu klären, ob das Mittel krebserregend sei.

Ähnlich äußerte sich auch die schwedische Umweltministerin Asa Romson in der englischen Zeitung "The Guardian": "Wir wollen kein Risiko eingehen. Aber wir glauben, dass die bisherigen Untersuchungen nicht ausreichend sind. Wir schlagen vor, dass keine Entscheidungen getroffen werden, bis weitere Analysen vorliegen und es mehr Transparenz in den wissenschaftlichen Bewertungen bei der europäischen Zulassungsbehörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gibt." Romson will mit ihrer Forderung die Bedenken der Bürger ernst nehmen "damit sie sich sicher mit Lebensmittel fühlen."

Die Französische Umweltministerin Ségolène Royal spricht sich ebenfalls gegen eine weitere Zulassung von Glyphosat aus. "Wir sagen nein. Wir brauchen eine Kommission die sich am höchstmöglichen Gesundheitsschutz orientiert und das ist die Position der WHO", so Royal.

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