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Politik

Weiser mit politischer Mission

Er ist Mensch, Gott, Staatsoberhaupt und auch im Westen ein Idol. Fast überall wird der Dalai Lama auch von Regierungschefs hofiert - in Deutschland nicht.

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Hoffnung in finsterer Zeit:
der Dalai Lama

Als ein bekanntes deutsches Meinungsforschungsinstitut kürzlich wissen wollte, wen die Deutschen für den weisesten lebenden Menschen auf Erden halten, votierte ein Drittel für den Dalai Lama, das Oberhaupt der Tibeter. Er lag damit weit vor Papst Johannes Paul II, Nelson Mandela oder Kofi Annan. Und wenn er dann hin und wieder selbst zu Besuch kommt und eine öffentliche Rede hält, strömen Tausende, bisweilen sogar Zehntausende zusammen. Das wird auch bei seinem kommenden Deutschland-Besuch (28.5. bis 2.6.) nicht anders sein. Und obwohl der Dalai Lama die Verehrung und Sympathie, die ihm entgegengebracht werden, sicherlich genießt, gibt es außer Lebensfreude und Toleranz auch eine andere Botschaft, die er gerne vermitteln würde.

Mit 15 auf dem Löwenthron

Die Verehrung für den Dalai Lama übersieht häufig, dass er nicht nur ein spiritueller Lehrer ist, sondern auch das weltliche Oberhaupt eines Volkes, dem das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird. Diese Rolle hat er schon früh übernommen. Im November 1950, mit nur 15 Jahren, bestieg er vorzeitig den Löwenthron, denn der chinesische Einmarsch in Tibet stand unmittelbar bevor.

Das Ende seiner Jugend betrachtet er selbst mit gemischten Gefühlen: "In jener Zeit, als ich die Verantwortung auf mich genommen hatte, oder besser gesagt, als die Verantwortung unter schwierigen Bedingungen auf meine Schultern gelegt wurde, war ich noch jung, sehr jung und allein mit der Bürde der Macht. Ich hatte keine Erfahrung mit der traditionellen Art des Regierens. Ich war wirklich nur ein sehr fauler, dummer, jünger Mönchs-Student".

Unter der chinesischen Bedrohung wurde der junge Mönchs-Student die letzte Hoffnung für viele. Intensiv bemühte er sich um eine von gegenseitigem Respekt geprägte Zusammenarbeit mit den kommunistischen Invasoren. Die jedoch waren entschlossen, das alte Tibet mit seinen Repräsentanten zu zerstören. Im März 1959 blieb dem Dalai Lama nur noch die Flucht. Er lebt seitdem im nordindischen Dharamsala, einem kleinen, hoffnungslos überfüllten Flecken in den Südausläufern des Himalaya.

Lernen von den Feinden

Ungeachtet der traumatischen Erfahrungen hegt er keinen Hass gegenüber den Chinesen. Immer wieder betont er, dass gerade die Feinde die größten Lehrmeister im Leben sein können. Sogar seinem erzwungenen Aufenthalt im Exil kann er Positives abgewinnen: "Wenn ich auf die letzten 40 Jahre zurückschauen, so sehe ich, wie das öffentliche Bewusstsein für das Thema Tibet gewachsen ist. Dazu hat auch meine Anwesenheit außerhalb des Landes einen kleinen Beitrag geleistet."

Auch wenn er in jeder Situation eine Chance sieht, bleibt er keinesfalls gleichgültig gegenüber den Menschen, die in Unterdrückung und Elend leben. Viele seiner Reisen dienen dem Zweck, Unterstützung für den gewaltfreien Kampf des tibetischen Volkes zu mobilisieren. Sein Bekenntnis zum gewaltfreien Kampf entspringt dabei nicht taktischem Kalkül, sondern der tiefen Überzeugung, dass eine langfristig gerechte Lösung nicht mit unlauteren Mitteln erreicht werden kann. Das Engagement lohne sich sogar unabhängig vom Erfolg.

"Unser Ziel ist wahrhaftig, ehrlich, eine wirklich gerechte und moralische Angelegenheit. Von dem Standpunkt aus betrachtet, ist es auf jeden Fall wertvoll, sich dafür einzusetzen, egal ob das Ziel bald oder gar nicht erreicht werden kann, denn es geht um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit."

Charisma gegen Wirtschaftinteressen

Zweifellos ist seine tief empfundene Überzeugung ein Schlüssel für die Faszination, die der Dalai Lama auf andere ausübt. Aber seine Spiritualität macht ihn keinesfalls blind für politische Zusammenhänge. Er sieht klar, dass wirtschaftliche Geschäfte mit China für Politiker wichtiger sind als die Unterstützung für Tibet; daran kann auch sein Charisma nichts ändern. So nimmt er es in Kauf, immer nur als religiöses Oberhaupt empfangen zu werden.

In Deutschland, das besonders gute Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik China unterhält, ist selbst das schwierig. Deutschland ist die einzige große westliche Industrienation, in der noch nie ein amtierender Regierungschef den Dalai Lama empfangen hat. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Zwar sind Treffen mit hochrangigen Politiker vorgesehen, aber Bundeskanzler Gerhard Schröder befindet sich nicht darunter.

Kreativität und Spiritualität als oberste Ziele

Wenn die Enttäuschung über die mangelnde politische Perspektive überhand nimmt, sucht der Dalai Lama einmal mehr Zuflucht in den Werten seiner Religion: Jeder Tibeter habe das ausgeprägte Bedürfnis, wieder in seine Heimat zurückzukehren. "Als buddhistischer Mönch hat man aber nicht viele Bedürfnisse. Entscheidend ist, Sinn im eigenen Leben zu finden. Das Leben ist eine Möglichkeit, um seine Kreativität und Spiritualität sinnvoll einzusetzen. Darin sehe ich das oberste Ziel."

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