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Alltagsdeutsch – Podcast

Weinlese

Auch in einem so traditionsreichen Handwerk wie dem Weinbau nimmt die Automatisierung immer mehr zu. Dennoch bleibt man abhängig von den Launen der Natur, und oft muss die Weinlese weiterhin per Hand betrieben werden.

Sprecherin:

Auch wenn sich im Computerzeitalter sehr viele Dinge steuern und programmieren lassen, der Zeitpunkt der Weinlese ist nach wie vor nur von der Natur und den Wetterbedingungen abhängig. Jedes Jahr aufs Neue hoffen die Winzer auf günstige Wetterbedingungen für eine gute Ernte. Georg Schulz, Weinexperte aus Köln, kennt die Sorgen seiner Winzer genau.

Georg Schulz:

"Viele Winzer können auch ein Lied davon singen, dass die Natur ihnen kurzfristig plötzlich einen Strich durch die Rechnung macht. Dass es plötzlich Gewitter gibt, dass es Hagel gibt. Einer der größten Feinde im Weinberg ist sicherlich für jeden Winzer Hagel, das rote Tuch. Vor allen Dingen kurz vor der Lese, weil dann die Weintrauben aufplatzen können, und da muss man einfach sich drauf einstellen. Und da weiß auch jeder Winzer, dass ohne Schweiß kein Preis ist. Wenn die Situation eingetreten ist, dann muss man sofort handeln und ruck zuck ernten."

Sprecher:

Georg Schulz spricht von den Problemen, die die wechselhafte Natur den Winzern bereitet. Die Winzer können ein Lied davon singen. Die Redensart ich kann ein Lied davon singen bedeutet: Ich kann aus eigener, schlimmer Erfahrung berichten. Im Französischen zu vergleichen mit: "Je connais la musique" oder "la chanson". Der Reformator und Schüler Martin Luthers Johann Agricola erklärt 1529: "Ich wolt einem wol eyn liedlein daruon singen", und der bayrische Geschichtsschreiber Johannes Aventinus, ein Zeitgenosse von Agricola, sagt, als er von altdeutschen Geschichten spricht: "Von diesen Dingen und Sagen allen seind noch viel alte teutsche Reimen und Maistergesäng vorhanden in unseren Stiften und Klöstern, denn solche Lieder allein sind die alte teutsche Chronika, wie denn bei uns noch der Landsknecht brauch ist, die allweg von ihren Schlachten ein Lied machen." Weiterhin erklärt der Weinexperte, dass die Natur einen Strich durch die Rechnung machen kann. Damit meint er, dass die Natur der Weinernte entgegen wirken kann. Die Redensart, einem einen Strich durch die Rechnung machen, heißt, seine Absichten durchkreuzen, ihn an der Durchführung seiner Pläne hindern, seinen Erfolg zunichte machen. Eine Rechnung wurde früher entweder als falsch oder als beglichen gekennzeichnet, indem man sie mit einem Querstrich versah. Wenn also jemand dem Wirt einen Strich durch seine Rechnung machte, erklärte er damit die Bezahlung als hinfällig.

Sprecherin:

Gewitter und Hagel seien das rote Tuch für die Winzer, weiß Georg Schulz. Wie ein rotes Tuch wirken, heißt ursprünglich "aufreizend wirken". Es ist eine erst in neuerer Zeit belegte Redensart, die vom Stierkampf herrührt; denn der Stier stürzt sich auf das rote Tuch des Toreros. Reichskanzler Bismarck sagte einmal im Reichstag: "Ich wirke gewissermaßen wie das rote Tuch – ich will den Vergleich nicht fortsetzten." Für die Winzer gilt das Sprichwort: Ohne Fleiß kein Preis. Das bedeutet, dass man ohne Anstrengung auch keine Belohnung erwarten kann. Das weiß auch Andreas von Canal.

Andreas von Canal:

"Der Winzer entscheidet, er geht schon Wochen vor der Weinernte durch die Weinberge, kontrolliert, misst den Zuckergehalt mit einem Refraktormeter und kann schon sehr genau bestimmen, wann der optimale Reifegrad erreicht ist und dass die Ernte auch nicht in die Binsen geht. Der Winzer kann also die Weinernte nicht auf die Schnelle ad hoc entscheiden, sondern er muss sich doch über längere Zeit darauf vorbereiten und die Reifeentwicklung im Weinberg beobachten."

Sprecher:

Andreas von Canal spricht von einem Refraktormeter, einem Messgerät. Damit kann die Lichtbrechung der Traube und somit der Zuckergehalt in Prozent und Grad Öchsle auf einer Skala angezeigt werden. Er sagt, bei einer guten Kontrolle kann die Ernte nicht in die Binsen gehen, also nicht verloren gehen. Etwas geht in die Binsen bedeutet, es geht verloren, es verschwindet oder verdirbt. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Wendung geht wahrscheinlich auf die Jägersprache zurück. Die Wildenten versuchten sich vor den Jagdhunden zu retten und versteckten sich im Wasser in den Binsen. Der Winzer kann nicht ad hoc, also nicht sofort entscheiden, sagt Andreas von Canal. Aber nicht nur der Zeitpunkt der Ernte, sondern auch die Art der Weinernte ist sehr wichtig, weiß Georg Schulz.

Georg Schulz:

"Jeder Winzer wird versuchen, möglichst am optimalen Zeitpunkt die Weintrauben zu lesen, und hofft auch, zum Beispiel durch die arbeitsintensive Handlese die besten Trauben rauszupflücken. Bevor er aber mit dieser Taktik auf die falsche Karte setzt, gehen manche Winzer dazu über, maschinell möglichst schnell zu lesen und erst recht, wenn ganz schlechtes Wetter erwartet wird. Dann muss man einfach die Nacht zum Tage machen und fast rund um die Uhr arbeiten. Das ist im Weinberg heutzutage gang und gäbe."

Sprecherin:

Für die Winzer ist es wichtig, nicht auf die falsche Karte zu setzen. Auf die falsche Karte setzen heißt, ein Mittel wählen, das sich als nicht erfolgreich herausstellt, wie auch im Französischen "miser sur une fausse carte". Die Redensart ist vom Kartenspiel hergeleitet, wobei sie sich auf Betrügereien bezieht. So schreibt der mittelalterliche Volksprediger Geiler von Kaysersberg schon 1508: "In seinem Kartenspiel sind viel böser Stein". Die Winzer machen die Nacht zum Tage und sie arbeiten rund um die Uhr. Die Nacht zum Tage machen bedeutet: die ganze Nacht durcharbeiten oder feiern und sich erst gegen Morgen schlafen legen. Auch rund um die Uhr arbeiten heißt, 24 Stunden arbeiten, damit die Ernte rechtzeitig eingefahren werden kann; dies sei gang und gäbe, also ganz normal, üblich. Ursprünglich war das ein Begriff des Münzwesens und bezeichnete die augenblicklich im Umlauf befindliche, gültige Währung. Andreas von Canal hat seine Weinberge im Moselgebiet an so genannten Steilhängen, was bedeutet, dass er keine Maschinen zur Ernte einsetzten kann.

Andreas von Canal:

"Der Arbeitsaufwand ist sehr hoch, und von daher werden bei uns auch alle Trauben noch per Hand geerntet, denn eine andere Technik wäre auch nicht möglich. Aber alle Qualität hat seinen Preis; die Handarbeit, die wir einsetzen müssen, bringt natürlich auch hochqualitative Weine hervor."

Sprecher:

Der Winzer erklärt, dass bei den Terrassenlagen viel Handarbeit gefordert ist. Das heißt allerdings auch, dass die Pflücker jede einzelne Traube begutachten können und nur die reifen und qualitativ guten Trauben ernten. Somit hat die Qualität auch ihren Preis. In unserem Falle muss für qualitativ sehr guten Wein also der Preis der mühsamen Handarbeit gezahlt werden. Georg Schulz und Andreas von Canal sprechen jetzt von einem Wein, der ganz besondere Umstände benötigt, um geerntet zu werden: dem Eiswein.

Georg Schulz:

"Es gibt einige deutsche Winzer, die sich einen besonderen Namen gemacht haben, vor allen Dingen diese edelsüßen Weine zu produzieren, die oft auch nur in halben Flaschen wenige hundert Stück pro Jahrgang produziert werden."

Andreas von Canal:

"Ja, ein Eiswein ist natürlich eine besondere Rarität und, wie ich schon geschildert habe, kann auch eine solche Ernte in manchen Jahren gar nicht eingebracht werden, weil es einfach nicht kalt genug wird. Und von daher hat der Eiswein natürlich auch seinen Preis. Da es nicht immer so kalt wird, also minus 8 oder minus 10 Grad, kommt es nur alle Jubeljahre mal vor, dass so ein Eiswein geerntet werden kann."

Sprecherin:

Georg Schulz spricht von Winzern, die sich einen Namen gemacht haben. Sich einen Namen machen bedeutet, bekannt werden, ans Licht der Öffentlichkeit treten. Diese Redewendung ist schon bei dem mittelalterlichen Meistersinger und Dichter Hans Sachs literarisch belegt: Der Frosch überlegt sich, ruhmsüchtig, wie er ist, "wie bei einem thierlein allensamen bekumen möht einen groszen namen". Diese Redensart leitet sich ab von dem Sprichwort sein Name hat einen guten Klang: Friedrich von Schiller dichtete:

Zitat:

"Von des Lebens Gütern allen

Ist der Ruhm das höchste doch,

Wenn der Leib in Staub zerfallen,

Lebt der große Name noch."

Sprecher:

Andreas von Canal sagt, dass es den Eiswein nur alle Jubeljahre gibt. Alle Jubeljahre einmal bedeutet, nur in großen Zeitabständen, sehr selten. Das Jubeljahr oder das "Halljahr" kehrte bei den Israeliten alle fünfzig Jahre wieder und wurde durch Posaunenschall dem ganzen Lande angekündigt. Es sollte durch den Erlass aller Schulden eine annähernde Gleichheit im Grundbesitz sicherstellen.

Sprecherin:

Nun aber zurück zur Weinlese und zu unserem Winzer Andreas von Canal:

Andreas von Canal:

"Wenn man mit der Weinernte relativ lange wartet, dann muss man natürlich aufpassen, dass man nicht auf eine falsche Karte gesetzt hat. Denn es ist schon ein großes Risiko, so lange zu warten. Aber wenn es dann mal so weit ist, dann muss die Nacht zum Tage gemacht werden, und alle Kräfte werden gebündelt. Wenn wir mit diesem Termin natürlich Pech haben, dann kann es natürlich schon mal ins Auge gehen und wir haben die Lesemannschaft im Prinzip schon eine Woche zu früh anrücken lassen. Aber sie werden dann teilweise mit anderen Arbeiten betraut, oder man muss einfach warten, bis die Ernte beginnt."

Sprecherin:

Andreas von Canal kann es sich nicht leisten, auf die falsche Karte zu setzen und den richtigen Zeitpunkt der Ernte zu verpassen. Er sagt, alle Kräfte werden gebündelt, und meint damit, dass alle Zeitarbeiter, als Lesemannschaft zusammen, Hand in Hand arbeiten müssen. So kann die Ernte in kurzer Zeit abgewickelt werden. Das ist aber nicht immer einfach. Denn er muss für die meist ausländischen Zeitarbeiter beim Arbeitsamt schon Monate im Voraus ein Visum beantragen und die Arbeitszeit genau festlegen, obwohl der Winzer noch nicht weiß, wann genau geerntet werden soll. So kann es vorkommen, dass die Lesemannschaft im Prinzip schon eine Woche zu früh anrückt, erzählt Andreas von Canal etwas unglücklich. Sie rücken an heißt, dass sie alle zur gleichen Zeit zu seinem Weingut Freiherr von Heddersdorf anreisen. Dieses Jahr scheinen die Bedingungen allerdings günstig zu sein. Darüber sind sich Weinexperte Georg Schulz und Winzer Andreas von Canal einig.

Georg Schulz:

"Diese verschiedenen Bedingungen von Regen und Sonnenschein sind jedes Jahr anders, und man kann sagen, nur alle Jubeljahre sind die Bedingungen optimal."

Andreas von Canal:

"Je wärmer und je sonnenscheinreicher eine Gegend ist, je mehr Sonnescheinstunden die Rebe hat, umso günstiger sind die Anbaubedingungen. Und das ist übergreifend über alle Rebsorten. Also Sonne und natürlich der nötige Regen dabei - darauf kommt's an. Das ist das Nonplusultra."

Sprecher:

Nonplusultra heiß, etwas Unübertreffliches, nicht Verbesserbares sein. Das lateinische "non plus ultra" bedeutet "nicht noch weiter", "nicht darüber hinaus". Diese Wendung finden wir ähnlich auch im Alten Testament bei Hiob 38,11: "Bis hierher sollst du kommen, und nicht weiter."

Sprecher:

Andreas von Canal hofft auch in diesem Herbst auf sonnige Tage und erinnert sich an ein altes Weinsprichwort. Der Wein schmeckt sehr gut und wird getrunken bis zur bitteren Neige, erzählt er schmunzelnd und möchte dieses alte Sprichwort jetzt gerne selber erklären.

Andreas von Canal:

"Der Wein schmeckt so hervorragend gut, und einige trinken ihn bis zur bitteren Neige. Das stammt aus der früheren Zeit, wo der Wein noch nicht filtriert wurde; wo man einfach am Fass immer zapfte, und über die Zeit hat sich im Fass unten ein Depot abgesetzt von Eichenlohe, der etwas bitter war und auch Bitterstoffe vom Saft her noch, von den Trauben her. Und wenn das ins Glas gelangte, trank man eben so lange, bis diese bittere Neige an den Lippen zu spüren war, und von daher rührt dieser alte Ausspruch noch."

Fragen zum Text:

Woher ist die Redewendung, etwas sei ein rotes Tuch, abgeleitet?

1. von der Flagge der ehemaligen Sowjetunion

2. vom Stoff des Toreros beim Stierkampf

3. vom Teppich, über den hochgestellte Persönlichkeiten laufen

In welchen Abständen kehrte das Jubeljahr ursprünglich wieder?

1. alle 7 Jahre

2. alle 25 Jahre

3. alle 50 Jahre

Etwas, das üblich ist, ist …

1. gang und gäbe.

2. das Nonplusultra.

3. ad hoc.

Arbeitsauftrag:

Informieren Sie sich über den Weinbau in Deutschland und seine Geschichte und stellen Sie die Hauptanbaugebiete und die Weinsorten vor.

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