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Weinberg: "Weitere Mega-Fusionen möglich"

Nicolas Martin9. April 2015

Die Energiebranche steckt in einer Krise. Warum es gerade jetzt zu Großübernahmen wie die von BG durch Shell kommt, erklärt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, im DW-Interview.

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Symbolbild Shell in Gespräche für Übernahme von BG Group
Bild: Reuters/T. Melville

Deutsche Welle: Die Unternehmen aus der Ölbranche melden Gewinneinbrüche, Stellenstreichungen und einen Rückgang von Investitionen. Jetzt zeichnet sich eine Riesenübernahme von rund 64 Milliarden Euro in Europa ab. Wie passt das zusammen?

Eugen Weinberg: Auf den ersten Blick passt das natürlich überhaupt nicht zusammen. Auf den zweiten Blick passt es aber gerade wegen der schlechten Ausgangsbedingungen sehr gut zusammen. Für mich sind solche Übernahmen auf der einen Seite ein Hinweis darauf, dass es bei vielen Unternehmen ans Eingemachte geht. Und auf der anderen Seite, dass einige Konzerne die gegenwärtig günstigen Preise nutzen wollen und langfristig mit einem deutlichen Anstieg der Ölpreise rechnen. Die Unternehmen legen nun ihre hohen Geldreserven der vergangenen Jahre an. So wollen sie gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Ist durch den Verfall der Ölpreise der Konkurrenzkampf in der Branche deutlich härter geworden?

Auf jeden Fall. Vor allem bewahrheitet sich in so einer Krise eine alte Wirtschafts-Weisheit: Je größer, desto besser. Die Unternehmen, die in den vergangenen Jahren sehr viel Geld angehäuft haben, können diese Krise sehr viel besser überstehen und vielleicht auch noch deutlich stärker aus der Krise hervorgehen, wenn sie sich die günstigen Preise zunutze machen.

Die Übernahme von BG durch Shell ist die erste einer solchen Größenordnung seit vielen Jahren. Inwiefern hat das mit den Turbulenzen des Energiemarktes zu tun?

Ich kann mich noch sehr gut an das Ende der 90er Jahre erinnern. Damals hatten wir auch eine Phase von großen Übernahmen im Energiesektor. BP kaufte den US-Konzern Amoco. Danach folgte dann noch die Übernahme von Elf Aquitaine durch Total. Auch damals gab es eine massive Überproduktion von Öl, und die Preise waren mit zehn Dollar pro Barrel sehr niedrig. Die Unsicherheiten in der Öl- und Gasbranche waren groß. Heute ist die Situation auf dem globalen Energiemarkt sehr ähnlich: Wir haben eine massive Überproduktion, und die Beilegung des Atomstreits mit dem Iran bietet sogar noch Spielraum für weitere Preisrückgänge. Aber langfristig gesehen ist bei aktuell 50 bis 60 Dollar pro Barrel noch viel Luft nach oben. Das bietet den liquiden Unternehmen eben auch sehr viele Chancen. Deshalb würde ich mich nicht wundern, wenn es in naher Zukunft zu weiteren Großübernahmen oder Fusionen in dem Sektor kommt.

Eugen Weinberg
Eugen Weinberg von der CommerzbankBild: Eugen Weinberg

Shell und BG steigen gemeinsam zum wohl größten Produzenten von Flüssiggas auf. Inwiefern ist das ein strategischer Schritt?

Die Öl- und Gaspreise waren in Europa sehr lange miteinander verbunden. Allmählich findet hier jedoch eine Emanzipation statt. Zwar gibt es immer noch keinen einheitlichen globalen Gasmarkt, ich glaube aber, dass es den langfristig geben wird. Deshalb sehe ich in der Flüssiggas-Branche sehr viele Perspektiven. Für Unternehmen ist das Gasgeschäft eine sehr gute Ergänzung zum Ölgeschäft und mit Blick auf die Zukunft beginnen dort schon heute die Verteilungskämpfe.

Mit der Übernahme könnte Shell nun auch zum Energie-Marktführer Exxon aufrücken. Wie wichtig ist es denn für ein Unternehmen, beim Umsatz ganz oben zu stehen?

Natürlich stehen die besonders großen Unternehmen auch besonders stark im Fokus, aber deswegen entscheiden sich die Konzerne nicht zu Übernahmen. Da stehen rein wirtschaftliche Gründe im Vordergrund und nicht die Größe. Aber einen Europäer wird es natürlich freuen, dass die größten Energieunternehmen nicht mehr nur in den USA oder in China ansässig sind, sondern auch bei uns in Europa.

Eugen Weinberg ist Wirtschaftsmathematiker. Nach Stationen bei der BW-Bank in Stuttgart und der DZ Bank in Frankfurt arbeitet Weinberg nun als Chef-Rohstoffanalyst bei der Commerzbank.

Das Interview führte Nicolas Martin.