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Politik

Weihnachtsgans im Frühjahr

Alle Jahre wieder tritt sie in unser Leben: die Weihnachtsgans. Doch viele müssen bis zum Frühjahr auf den Weihnachtsbraten warten.

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Für die Kinder ist die Gans diejenige mit dem glücklichen Schicksal: in Friedrich Wolfs Märchen entkommt Weihnachtsgans Auguste der Pfanne und wird Liebling der Familie. In unserer Erwachsenwelt wird sie gemeuchelt, goldbraun gebraten und genussvoll verspeist.

Gänsebraten allüberall

Auch bei Kanzlerin Angela Merkel hat der Gänsebraten Tradition. In diesem Jahr bekam sie wieder eine Weihnachtsgans aus ihrem Wahlkreis Vorpommern geschenkt, eigenhändig gemästet und geschlachtet von Parteifreund und Landwirt Wolfhard Molkentin, wie die "Bild"-Zeitung berichtete.

Doch nicht nur Konservativen, auch die Linken kennen kein Erbarmen mit dem Federvieh. Gregor Gysi ließ wissen, bei ihm gebe es den Gänsebraten nicht wie in den meisten Familien am ersten Feiertag, sondern schon am Heiligen Abend.

Noch früher, nämlich zwei Tage vor Heiligabend, lud der Musiker Frank Zander im Berliner Konferenzhotel "Estrel" über zweitausend Obdachlose zum traditionellen Gänsebratenessen. Der Urberliner organisiert die Mammutfeier seit 1995 organisiert und sieht sie als "Gegenveranstaltung zu der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich".

Politisches Federvieh

Womit die Weihnachtsgans sozusagen politische Dimension gewinnt. Dafür ist Berlin nicht der schlechteste Platz, immerhin gibt es hier nicht nur ein Regierungsviertel sondern mindestens 10.000 Obdachlose. Daneben leben in der Dreieinhalbmillionenstadt auch fast 600.000 Hartz-IV-Empfänger.

Nachdem Finanzsenator Thilo Sarrazin ihnen vor Monaten unter allgemeiner Empörung einen Speiseplan vorrechnete, wie man sich für 3,76 Euro pro Tag "völlig gesund, wertstoffreich und vollständig" ernähren könnte, wartete man mit Spannung, ob Sarrazin auch ein Hartz-IV-Weihnachtsmenü entwerfen würde. Vergeblich.

Für viele Arme wird es die Weihnachtsgans vielleicht im Frühjahr geben. Dann läuft in den großen Supermärkten die Haltbarkeit von übriggebliebenen tiefgefrorenen Gänsen ab und die werden kostenlos an die so genannten "Tafeln" für Arme geliefert.