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Politik & Gesellschaft

Weihnachten für alle

In ganz Deutschland feiern die Menschen Weihnachten. Und auch die Ärmsten der Gesellschaft können das Fest feiern – denn ihnen wird geholfen. Zum Beispiel bei der Gefährdetenhilfe in Bonn.

Menschen sitzen zusammen und feiern Weihnachten in der Gefährdetenhilfe (Foto: Friedel Taube/DW)

Weihnachten in einer deutschen Armenstation

Es ist voll im Gebäude der Bonner Gefährdetenhilfe in der Nähe des Hauptbahnhofs, rund hundert Menschen sind gekommen. Bis auf den Flur stehen die Gäste, jeder will herein. Es ist der 24. Dezember 2011, halb zehn vormittags. Und während sich die meisten Bonner in ihren Wohnungen und Häusern aufs Weihnachtsfest vorbereiten, wird hier bereits gefeiert. Wie jedes Jahr am 24. Dezember treffen sich ehrenamtliche Helfer und Bedürftige, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Denn nicht jeder hat das Glück und das Geld, das Fest mit der Familie und im eigenen Haus zu verbringen.

Ein echter Familienersatz

Nadine B. (Foto: Friedel Taube/DW)

Nadine B. findet die Weihnachtsfeier der Gefährdetenhilfe klasse

Nadine B. ist 36 Jahre alt und hat eine insgesamt vierjährige Haftstrafe wegen Drogendealens hinter sich. Sie kommt häufig hier in die Bonner Gefährdetenhilfe. "Gerade unter den vielen Drogensüchtigen gibt es viele, deren Familien nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Und hier gibt es einen Zusammenhalt, denn viele, denen es so geht, treffen aufeinander", sagt Nadine. "Man fühlt sich nicht alleine, und das ist sehr wichtig, gerade an solchen Tagen wie Heiligabend und Weihnachten."

Weil es ihr drinnen zu voll geworden ist, sitzt Nadine auf der Terrasse – 10 Grad plus, das ist in Deutschland eine Seltenheit zu Weihnachten. Sie genießt es, hier den Weihnachtstag mit ihren Freunden zu verbringen. Aus ihrer Familie hat sie nur noch mit ihrer Mutter Kontakt. "Heute Abend, wenn ich zuhause bin, werde ich mit ihr telefonieren und sicher viel an früher denken", sagt Nadine. "Die Weihnachtsfeste mit Mama, Papa, Oma, Opa, der Weihnachtsbaum - solche Gedanken gehen einem da durch den Kopf."

Im Inneren des Gebäudes gibt es ein großes Buffet mit Salaten und anderen Speisen, alle Tische sind weihnachtlich dekoriert, auf den Tellern häufen sich die Weihnachtsplätzchen. Finanziert wird die Bonner Gefährdetenhilfe vor allem durch die Stadt Bonn, das Jobcenter, diverse Krankenkassen und Spenden. Nelly Grunwald arbeitet in der Geschäftsführung des Vereins, der seit 1977 Obdachlose, Suchtkranke, Langzeitarbeitslose und deren Kinder betreut. "Wir helfen bei der Wohnungssuche, kümmern uns um die medizinische Versorgung, besorgen Therapieangebote und versuchen, die Leute zurück ins normale Leben zu bringen", sagt Grunwald.


12 Millionen Deutsche gelten als arm

Schild am Eingang der Bonner Gefährdetenhilfe. (Foto: Friedel Taube/DW)

Seit 1977 kümmert sich der Bonner Verein um Bedürftige

Als arm gilt in Deutschland, wer monatlich weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Der neueste Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtverbands, veröffentlicht kurz vor dem Weihnachtsfest, zeigt, dass das noch immer knapp 12 Millionen Menschen in Deutschland betrifft. Nelly Grunwald wundert sich über diese Zahlen nicht.

Sie beobachtet, dass ihr die Arbeit immer schwerer gemacht wird: "Politisch ist es hierzulande ja so organisiert, dass die Arbeitsmarktpolitik sich nur noch an die Vermittelbaren wendet, an die mit einer realistischen Chance auf Arbeit. Die Integrationsangebote für Menschen, die soziale Schwierigkeiten haben, für die, die süchtig sind oder psychische Krankheiten haben, sind drastisch abgebaut worden", kritisiert Grunwald.

Ihr Erste-Hilfe-Programm musste die Gefährdetenhilfe bereits in diesem Jahr schließen, und schon jetzt ist klar, dass der Verein ab 1. Juli 2012 weitere Programme für Arbeitssuchende mit sozialen Problemen einstellen muss. "Unter vorgehaltener Hand sagt man sich in der Politik: Es lohnt sich nicht, für diese Leute noch Geld zu investieren. Und das ist ein Skandal!", findet Grunwald.

Eine Weihnachtstüte für jeden

Ralf K. (Foto: Friedel Taube/DW)

Ralf K. ist kein großer Weihnachtsfan - in der Gefährdetenhilfe feiert er trotzdem gern mit

Die Weihnachtsfeier ist deshalb ein wichtiges Element, damit die Menschen sich ernst genommen fühlen. So wie Ralf K. Der Fünfzigjährige kommt seit zehn Jahren täglich hierher. Er war lange heroinabhängig, den Ersatzstoff Polamidon bekommt er hier in der Gefährdetenhilfe. "Das ist eine Anlaufstelle, wenn man Leute treffen will, die auf dem gleichen Level sind wie man selbst. Leute, die hier auch ihre Substitution kriegen, also ihren Ersatzstoff", sagt Ralf.

Auf die Weihnachtsfeiertage freut er sich vor allem wegen der Ruhe. Er verbringt das Fest allein. Sein Sohn lebt bei seiner Ex-Frau, seine Eltern hat er nie kennen gelernt. "Ich bin in einem katholischen Kinderheim aufgewachsen," erinnert sich Ralf. "Von den Nonnen dort bin ich geschlagen worden. Da fragt man sich schon, was das für ein widersprüchlicher Glaube ist. Auf kirchliche Sachen habe ich deshalb nie Wert gelegt, ob das nun Weihnachten ist oder Ostern."

Den Brauch des Schenkens mag er trotzdem. Gepflegt wird der auch in der Gefährdetenhilfe. Gemeinsam mit der Bonner Tafel haben ehrenamtliche Helfer hier Weihnachtstüten gepackt. Die Schlange an der Ausgabe der Tüten ist lang. Für die Erwachsenen gibt es dieses Jahr einen Kalender, Lebensmittel und Tabak. Die Kinder bekommen jeweils einen Rucksack, gefüllt mit Süßigkeiten und Geschenken. Nelly Grunwald freut sich, dass die Aktion so großen Anklang findet: "Später kommt hier noch ein Geistlicher und verliest das Evangelium und dann singen wir hier. Jeder, der sich hier wohlfühlt, kann sich einklinken."

Festessen in der Notunterkunft

Nikolaus reicht Weihnachstüte an Bedürftigen weiter. (Foto: Friedel Taube/DW)

Jeder bekommt eine Weihnachtstüte mit Lebensmitteln, Tabak und einem kleinen Geschenk

Nadine B. sagt, für sie sei die Aktion der Gefährdetenhilfe einfach klasse. "Hier kriegt jeder dann doch noch irgendwie ein Geschenk", sagt sie. "Das ist dann so richtig das Fest der Liebe." Bei ihr selbst gibt es einige Tage nach Weihnachten sogar noch eine richtige Bescherung. Dann nämlich kommt ihre Mutter zu Besuch. "Meine Mutter schenkt mir, seit ich Kind bin, immer selbstgemachte Sachen. Und ich selbst schenke ihr dieses Jahr ein selbst gemaltes Bild – einen großen Weihnachtsbaum mit Glitter dran! Ich freue mich schon darauf, wenn ich ihr das übergeben kann."

Am späten Nachmittag geht die Weihnachtsfeier in der Gefährdetenhilfe zu Ende. Doch auch dann muss niemand alleine weiterfeiern. Denn abends, wenn in den Fenstern aller Bonner Häuser das Licht angeht und sich die Menschen zum Festessen zusammensetzen, gibt es auch in den Notunterkünften der Stadt noch ein großes Abendessen für alle, die kein eigenes Dach über dem Kopf haben.

Autor: Friedel Taube
Redaktion: Sabine Faber

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