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Kultur

Weihnachten auf der Straße

Plätzchen backen, Geschenke kaufen, Weihnachtsstress - alles Luxusprobleme. Menschen ohne Obdach plagen andere Sorgen: Kälte, Hunger und Einsamkeit füllen ihren Alltag. In karikativen Einrichtungen finden sie Zuflucht.

Scheinwerfer hüllen die Bühne in sanftes Licht. Die Musikstudenten Hendrika und Ivan spielen auf Trompete und Kontrabass "Rudolf, the Red-Nosed Reindeer". Es ist nur auf den ersten Blick eine ganz normale Weihnachtsfeier, denn die Menschen, die hierher kommen, haben kein Zuhause.

Die Obdachlosen Andreas und Bogomila (Foto: DW/Anahita Mehdipor)

Andreas und Bogomila

Während es draußen klirrend kalt ist, suchen sie Zuflucht im "Gulliver", einer "Überlebensstation" für Obdachlose. In regelmäßigen Abständen vibrieren die Wände des Raumes mit dem Tonnengewölbe. Immer dann, wenn ein Zug über das Gulliver hinwegdonnert. Denn die Überlebensstation befindet sich in einem Brückenpfeiler des Viadukts, über den täglich Tausende Züge in den Kölner Hauptbahnhof ein- und ausfahren.

Ein Weihnachtskonzert für Obdachlose

"Ich höre lieber andere Musik, wie Rock oder Metal. Trotzdem finde ich es schön, dass ein Weihnachtskonzert für uns veranstaltet wird", erzählt Andreas. Er ist seit knapp einem Jahr ohne feste Bleibe. Seine Freundin, Bogomila aus Bulgarien, hat er im "Gulliver" kenenngelernt. Sie sind schon eine Weile ein Paar, doch ein normales, ein bürgerliches Leben bleibt ihnen verwehrt: Keine Arbeit, keine Wohnung, kein Zuhause. Wie es dazu kam, dass sie auf der Straße landeten, darüber wollen Andreas und Bogomila nicht viel sprechen. Andreas deutet an: "Ich habe ein bisschen die Nerven verloren und mich mit einigen Leuten gestritten. Dadurch verlor ich meinen Job." Bogomila, die schon in der Schule Deutsch gelernt hat, kam vor drei Jahren zum Arbeiten nach Deutschland.

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Die Musiker spielen gerne im "Gulliver"

Das "Gulliver" wird geleitet vom Kölner Arbeitslosenzentrum. Die Einrichtung war 2001 die erste ihrer Art in Deutschland, die täglich von 6 Uhr in der Frühe bis um 22 Uhr am Abend Menschen ohne ein Zuhause die Möglichkeit gibt, sich von dem anstrengenden Leben auf der Straße auszuruhen, zu duschen, Wäsche zu waschen und sich mit Anziehsachen aus der Kleiderkammer zu versorgen. "Wir haben einen Weihnachtsbaum, aber wir halten uns mit dem Schmücken zurück. Erfahrungsgemäß macht das die Leute noch trauriger", berichtet der Geschäftsführer des Obdachlosenzentrums Bernd Mombauer und ergänzt: "Übernachtungsmöglichkeiten gibt es noch nicht. Das ist aber in Planung."

Als evangelischer Seelsorger des Arbeitslosenzentrums kümmert sich Karl-Heinz Iffland um das seelische Wohl der Obdachlosen. Sein Credo: "Nur weil diese Menschen auf der Straße leben, verstummen ihre Sinne nicht", sagt Iffland. Er findet es wichtig, die Obdachlosen mit kulturellen Veranstaltungen anzusprechen, um kompletter sozialer Ausgrenzung vorzubeugen.

Kunst und Musik als Balsam für die Seele

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Babara Gallhöfer initiiert die Konzerte im "Gulliver"

Die Weihnachtskonzerte veranstaltet das Gulliver gemeinsam mit dem Verein "Live Music Now" in Köln, der seit etlichen Jahren Events in sozialen Einrichtungen organisiert. Babara Gallhöfer von "Live Music Now" meint, dass das nicht nur eine schöne Gelegenheit für die Zuhörer sei. "Für die jungen Musiker ist das eine gute Erfahrung, vor Publikum spielen zu dürfen." Auch die Musiker selbst profitieren davon, denn sie spüren, wie dankbar das Publikum ihre Kunst aufnimmt, und dass ihre Musik heilen und trösten kann, schildert Barbara Gallhöfer.

Andreas und Bogomila spenden begeisterten Applaus, als das Musikstück endet. Doch kehren die Sorgen sichtbar zurück. Andreas erzählt seufzend, dass diese Weihnachtszeit für sie beide die traurigste ihres Lebens sei. "Das ist das erste Weihnachten, an dem ich meine Kinder in Bulgarien nicht besuchen kann", sagt Bogomila tieftraurig.

Wieder auf der Straße

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Pfarrer Karl-Heinz Iffland betreut die Obdachlosen

Das Konzert ist beendet. Andreas und Bogomila geben ihre leeren Kaffeetassen ab und packen ihre Siebensachen zusammen. Sie und die anderen Obdachlosen machen sich auf den Weg nach draußen. Ihnen steht die Suche nach einem geeigneten Platz für die Nacht bevor. "Es liegen fast fünfzehn Zentimeter Schnee. Für die meisten Leute ist das romantisch. Aber ich mache mir große Sorgen", sagt Bernd Mombauer. Er hofft, dass niemand erfriert.

Andreas verbringt die Nächte in einer Notunterkunft für Männer. Bogomila kann er dorthin nicht mitnehmen. Sie hat keinen festen Schlafplatz, kommt manchmal bei Bekannten oder in Notunterkünften unter. Mitunter bleibt die Suche erfolglos und sie muss die Nacht auf der Straße verbringen. Wo sie in dieser Nacht Zuflucht findet, weiß sie noch nicht.

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