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Bücher

Weiche Schale, harter Kern

Die schwedische Autorin Sara Stridsberg schreibt aufrüttelnde Romane - meist über gebrochene Frauen. Nun ließ sie sich von Berliner Literaturstudenten "in den Kopf schauen".

Sara Stridsberg im Porträt (Foto: Laurent Denimal)

Der Seminarraum an der Freien Universität Berlin füllt sich gemächlich. Sara Stridsberg ist schon da, steht vorne an der Tafel, blättert in ihren Unterlagen, hilft ihrer Assistentin beim Aufbauen des Projektors. Die schwedische Autorin bereitet jede Sitzung genau vor.

Heute werden sie gemeinsam den Film "Misfits" mit Marilyn Monroe sehen, 1960 ihre letzte Filmrolle. "Nicht gesellschaftsfähig" heißt der Film in deutscher Übersetzung und bezieht sich damit die Hauptfiguren, die sich nicht integrieren wollen oder können. Auch Leitmotiv von Sara Stridsberg - für ihre Bücher und Theaterstücke und auch für ihr Seminar an der Freien Universität Berlin.

Fakultät der (Alb-)Träume

In ihrem Seminar "Destroy she says - Destruction, Alienation & Literature" geht die 38-Jährige gemeinsam mit ihren Berliner Studenten diesem Leitmotiv nach, gibt ihnen Texte zu lesen, die sie inspiriert haben, geht mit ihnen ins Theater oder schaut alte Hollywoodklassiker. "Für die Studenten ist es so, als ob sie meinen Kopf besuchen könnten", erklärt Stridsberg. "Das ist kein gewöhnliches Seminar, hier gibt es nichts auswendig zu lernen. Es ist eher so wie auch der Titel meines Buches 'Traumfabrik', also eine Fakultät der Träume."

Sara Stridsberg mit Seminarteilnehmern (Foto: Björn Arne Eisermann)

Seminar-Ausflug: Sara Stridsberg (rechts) mit ihren Berliner Studenten im Jüdischen Museum Berlin

Auch Passagen aus diesem Buch bespricht Sara Stridsberg mit ihren Studenten. "Traumfabrik" ist ihr bisher international erfolgreichstes Buch. Es erzählt die Lebensgeschichte der radikalen Feministin Valerie Solanas, die 1968 ein Attentat auf Andy Warhol verübte.

"Ich glaube, du bist das traurigste Mädchen, das ich je getroffen habe. In der Dunkelheit gibt es keine Wege. Es gibt nichts zu erzählen. Ich kann dir nicht erzählen, wie traurig ich bin. Ich kann nicht davon erzählen. Außerhalb der Gedanken kann man nicht denken."

Mix von Gewalt und Poesie

"Traumfabrik" ist keine Biografie im herkömmlichen Sinne. Genau gesagt, lässt sich das Buch keiner literarischen Form zuordnen. Collagenartig stellt Stridsberg hier einzelne Textstücke zusammen: Dialoge wie in einem Drehbuch, Gedichte oder Zitate. Einige Teile sind dokumentarisch, andere wiederum fiktiv. Stridsberg selbst beschreibt ihren Stil als "einen Mix von Gewalt und Poesie".

Wie in einem Fiebertraum reihen sich so die Textbausteine aneinander, ergeben gemeinsam ein Psychogramm von Valerie Solanas, einer gebrochenen Frau. "Um über Valerie Solana schreiben zu können, musste ich die übliche Struktur eines Romans zerstören", sagt die Schwedin. "Autoren missbrauchen ihre Charaktere oft, schließen sie in ihren Büchern wie in einem Sarg ein. So können die Charaktere gar nicht ihre Version der Geschichte erzählen." Stridsberg wollte ihre Hauptfigur Valerie Solanas "nicht auf diese Weise missbrauchen".

Die schwedische Schriftstellerin wurde für "Traumfabrik" mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet, dem wichtigsten Preis in Skandinavien. Ihr Roman über Valerie Solanas, die vereinsamt in einem heruntergekommenen Hotel an einer Lungenentzündung starb, ist nicht nur in der Form, sondern auch vom Inhalt her gewalttätig. Das Buch beschreibt ein Leben geprägt von Kindesmissbrauch, Prostitution, Verwahrlosung und Psychiatrieaufenthalten.

Brutale Lese-Lektüre

Sara Stridsberg (Foto: Laurent Denimal)

...mag an Berlin vor allem die verlassenen Orte

All dies ist auch Thema ihres Seminars. Sara Stridsberg will ihre Berliner Studenten anregen, über Verfremdungen nachzudenken und sie inspirieren, darüber auch eigene Texte zu schreiben. Einige Studenten hätten ihr gestanden, dass sie die zu lesenden Texte als zu brutal empfunden hätten, sagt Stridsberg.

Angesichts ihrer weichen Stimme und ihres zarten Gesichts fällt es schwer,sich vorzustellen, warum sie sich literarisch den so harten Seiten des Lebens stellt. Warum sie es dennoch tut? Darauf hat auch die Autorin keine zufriedenstellende Antwort parat. Allerdings findet sie, dass Berlin mit seiner Nachkriegs- und Teilungsgeschichte gut zu ihr und ihrem literarischen Thema passe. "Hier gibt es so viele verlassene Orte, die manchmal auch mit Zerstörung verbunden sind. Ich habe das Gefühl, dass all diese leeren Orte einen Freiraum in der Stadt kreieren." Manchmal fühle sie sich so, als ob es keine Erwachsenenin dieser Stadt gäbe. "Es ist eher wie ein großer Spielplatz, auf dem alles passieren kann."

Über ein halbes Jahr lang war sie mit ihrer Partnerin und ihren zwei Kindern in Berlin. Jetzt geht es zurück nach Stockholm, das Gegenteil von Berlin, wie sie sagt. Aber dennoch auch eine Stadt, die sie sehr mag. Für Lesungen will sie künftig trotzdem immer wieder einmal nach Berlin kommen - und sich dann an den leeren, zerstörten Orten satt sehen.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Conny Paul

Sara Stridsberg: Traumfabrik

Verlag: S.Fischer

ISBN: 9783100744357

Preis (EURO): 21.95