1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Weiblich, unabhängig, erfolgreich

Rawya Abd El Kader kann weder lesen noch schreiben, ist aber eine erfolgreiche Unternehmerin: Sie produziert Kunsthandwerk und ernährt ihre Familie. In Ägypten ist das für eine Frau alles andere als selbstverständlich.

Rawya bemalt eine Tonschale (Foto: Anne Allmeling)

Rawya ist ihren Weg gegangen - mit Erfolg

Rawya Abd El Kader weiß genau, was sie will. Und sie arbeitet hart dafür, dass ihr Wunsch in Erfüllung geht. Die Haare mit einem Kopftuch bedeckt, den Körper in ein buntes Gewand gehüllt, steht die 34-Jährige vor einer Töpferscheibe. Aus den weiten Ärmeln ihres Gewands schauen zwei schlanke Hände hervor. Mit geübten Handgriffen formt Rawya aus einem Klumpen Ton eine große, runde Kugel.

Ein ungewöhnlicher Lebensweg

Zwei Hände bearbeiten eine kleine Tonschale (Foto: Anne Allmeling)

Mit Kunsthandwerk ernährt sie ihre Familie

Ihr Blick gleitet über die Vasen, Krüge und Becher, die zum Trocknen auf dem Boden stehen. Wenn die Gefäße bemalt und gebrannt sind, will Rawya sie verkaufen. So ernährt die junge Frau ihre Familie. "Ich will, dass meine beiden Töchter etwas lernen, gutes Essen und eine gute Ausbildung bekommen", sagt Rawya. Ihren Mann und ihre Brüder hat sie in die Produktion mit eingespannt.

Dass Rawya es jemals so weit bringen würde, hat niemand geahnt. Von ihr wurde erwartet, was von allen ägyptischen Frauen auf dem Land erwartet wird: möglichst viele Kinder groß zu ziehen und für den Haushalt zu sorgen. In Fayoum, etwa einhundert Kilometer südlich von Kairo, kämen Frauen und Mädchen erst an zweiter Stelle, sagt Rawya. "Ich bin nicht zur Schule gegangen", sagt sie. "Hier war es üblich, dass nur die Jungen zur Schule gehen." Als ältestes von zwölf Kindern musste Rawya zum Familienunterhalt beitragen. Das Durchschnittseinkommen beträgt weniger als zwei Euro pro Tag. Nicht in die Schule dürfen, täglich die Armut spüren - darunter hat Rawya gelitten. "Ich will auf keinen Fall, dass meine Töchter das gleiche erleben wie ich."

Heirat mit Bedingungen

Bunt bemalte Schalen (Foto: Anne Allmeling)

Rawya verkauft ihre Produkte an Nachbarn und Touristen

Dass Rawya überhaupt Töpfern lernte, war ein Zufall. Als Kind spielte sie mit ein paar Mädchen auf der Straße und formte aus Matsch kleine Gefäße. Eine Schweizerin, die in der Nachbarschaft lebte, beobachtete die Kinder dabei. "Sie hat uns auf der Straße spielen sehen und gesagt: Was ihr da spielt, ist interessant. Kommt mit, ich bringe euch etwas Nützliches bei. Damit könnt ihr vielleicht etwas Geld verdienen." Eine ganze Reihe von Kindern aus Rawyas Umgebung lernte das Kunsthandwerk bei Madame Evelyn, wie sie von ihren Schülern genannt wird. Aber längst nicht alle blieben dabei. Denn die Mädchen auf dem Land heiraten schon früh.

Das war auch für Rawya geplant. Doch sie ging ihren eigenen Weg - und kämpfte dafür, weiter töpfern zu können. "Als ich 14 war, sollte ich heiraten", erzählt Rawya. "Viele Männer haben sich für mich interessiert. Aber ich habe jeden einzelnen gefragt: Willst du, dass ich weiter arbeite? Da haben alle gesagt: Nein, dass lasse ich nicht zu - eine Frau darf nicht arbeiten." Rawya entschied sich gegen sie. Nur ihr jetziger Ehemann war damit einverstanden, dass sie auch nach der Hochzeit ihrem Handwerk nachgeht. "Deshalb habe ich ihn geheiratet", sagt Rawya. "Und ich habe noch vorher mit ihm vereinbart, dass wir nur zwei Kinder bekommen - egal, ob es zwei Jungen, zwei Mädchen oder ein Junge und ein Mädchen werden."

Faire Preise für ein stabiles Einkommen

Regale mit fair gehandelten Produkten (Foto: Anne Allmeling)

Alles fair gehandelt!

Noch als Mädchen war Rawya mit Hilfe von Madame Evelyn zweimal nach Europa gereist, um sich dort fortzubilden. In Fayoum baute sie ihr eigenes kleines Unternehmen auf - und dann wurde Fair Trade Egypt auf Rawya aufmerksam. Die gemeinnützige Organisation in Kairo hat sich den Prinzipien des fairen Handels verschrieben. Ein Teil von Rawyas Ton-Arbeiten wird mittlerweile in einem Fair Trade Geschäft in Kairo verkauft - für einen angemessenen Preis. Rawya profitiert davon. "Jedes Jahr gibt es ein Treffen für die Produzenten. Da wird dann genau gefragt, wie lange wir an unseren Produkten arbeiten, und ein Preis ermittelt. Außerdem hilft uns Fair Trade Egypt, wenn wir Probleme mit der Familie haben - sie sind in vielen Dingen unsere Ansprechpartner und jederzeit für uns da."

Mehr als 2700 Kunsthandwerker aus ganz Ägypten verkaufen mittlerweile einen Teil ihrer Waren an Fair Trade Egypt. Die Organisation hilft bei der Vermarktung in Ägypten und exportiert einen Teil der Produkte nach Europa. Das sichert den Produzenten ein stabiles Einkommen und trägt zum Erhalt des ägyptischen Kunsthandwerks bei, das mit billigen Importen zum Beispiel aus China einer starken Konkurrenz ausgesetzt ist. "Wir sind keine Händler, sondern faire Händler", sagt Geschäftsführerin Mona El-Sayed. "Und Fairer Handel heißt, dass wir uns an zehn Prinzipien halten. Dazu gehört, dass wir die Fähigkeiten unserer Produzenten erweitern und dabei helfen, ihre Kapazitäten zu erhöhen. Wir sind ständig mit den Produzenten in Kontakt." Fair Trade Egypt lädt unter anderem regelmäßig zu Workshops ein und gibt den Produzenten eine Rückmeldung, welche Waren sich besonders gut verkaufen.

Für ein besseres Leben

Rawya steht in ihrer Werkstatt (Foto: Anne Allmeling)

Rawya engagiert sich auch für ihr Dorf

Stolz zeigt Rawya drei kleine, in bunten Farben sorgfältig bemalte Schalen. Rawyas älteste Tochter hat die Schalen bemalt. Sie darf bei der Produktion helfen - aber erst am Nachmittag, wenn die Schule vorbei ist. Die Zukunft ihrer beiden Mädchen liegt Rawya sehr am Herzen. Vor wenigen Wochen hat Rawya den Auftrag bekommen, Obstschalen für ein großes Hotel herzustellen. Mittlerweile verfügt sie neben ihrem eigenen Werkraum auch über einen kleinen Verkaufsraum direkt neben ihrem Haus.

Mit jeder Vase und jedem Krug, den sie verkauft, trägt Rawya zur Ausbildung ihrer Töchter bei. Sie, die Analphabetin, ist unabhängig und will, dass das auch andere schaffen. "Ich will in Fayoum bleiben", sagt Rawya. "Hier habe ich meinen Ofen, genug Platz, und kann alles herstellen, was ich will. Und ich bringe jetzt auch anderen das Töpfern bei."

Autorinnen: Anne Allmeling und Rasha Farrag
Redaktion: Julia Kuckelkorn

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links