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Kultur

Weißrusslands gemächliche Revolution

Die Kultur ist in Minsk die eigentliche Stimme der Opposition. Damit sie nicht verstummt, engagiert sich auch das Goethe-Institut und trägt damit zur Öffnung des Landes bei. Doch Veränderungen brauchen Zeit...

Die Band N.R.M. bei einem Auftritt (Foto: Maciek Krol)

Stimme der Opposition: N.R.M.

Rockige Riffs, markante Akkorde, schweißtreibender Rhythmus - so klingt politischer Protest auf Weißrussisch. Wenn die Gruppe N.R.M. auftritt, dann geht es musikalisch und gesellschaftlich zur Sache. Ihre Texte erzählen von dem "echten Leben in Weißrussland", sie haben die Regierung schon mehr geärgert als mancher oppositionelle Politiker. Eigentlich seien sie eine ganz normale Rockband, sagt Lawron Wolski, der Sänger und Chef der Gruppe, "aber weil es jahrelang keine politische Opposition gab, haben wir Musiker die Rolle der Oppositionellen übernommen."

Jahrelang konnte die Gruppe N.R.M nicht auftreten. Ein offizielles Verbot gab es nicht, es war nur immer so, dass der jeweilige Konzertveranstalter einen Anruf von ganz oben bekam – und damit war das Konzert gestorben. Nun haben ihnen die Behörden erstmals zwei Auftritte für den Herbst in Aussicht gestellt. "Liberalisierung" nennt das die Regierung. Neuerdings herrscht dort ein neuer Kulturminister - ob die Zeichen wirklich auf Öffnung stehen?

Unterstützung aus Deutschland

Der DeutschExpress-Bus vom Goethe-Institut in Minsk (Foto: DW)

Deutsch ist gefragt in Minsk

Weißrusslands Kunstszene ist ganz auf sich allein gestellt, sie bekommt keine staatliche Unterstützung. Nur ein paar auswärtige Kulturinstitute geben Geld für Kooperationen oder stellen ihre Räume zur Verfügung, darunter auch das Goethe-Institut in Minsk. Zum ersten Mal seit 17 Jahren habe man jetzt auch einen eigenen Raum, in dem man zusammen mit anderen Partnern diskursive Veranstaltungen organisieren könne, sagt die Leiterin Kathrin Oswald-Richter. "Jeder kann hier frei sagen, was er will, und wir sind wild entschlossen, das auszuprobieren."

Erst vor kurzem ist das Goethe-Institut umgezogen – von einem engen konstruktivistischen Bau der zwanziger Jahre, der fast unter seinem eigenen Beton zusammenbrach, in ein Geschäftshochhaus im Zentrum mit hellen Fensterfronten. Zur Einweihung des neuen Gebäudes ist die Hamburger Rockgruppe "Fotos" eingeflogen worden. Die Stimmung bei solchen Konzerten ist in der international eher isolierten Stadt ausgelassen, in Minsk dauert es keine fünf Minuten, bis die Anwesenden zu tanzen beginnen.

Erfolgreicher Kulturaustausch

Die Leiterin des Goethe-Instituts in Minsk: Kathrin Ostwald-Richter (Foto: DW)

Leitet das Goethe-Institut in Minsk: Kathrin Ostwald-Richter

Deutsche Sprache und Kultur sind in Minsk ausgesprochen beliebt, 30.000 Deutschlernende drängen in diverse Institute und Universitäten. Sogar ein FC Bayern-Fanclub feiert hier deutsche Erfolge. In Seminaren bildet das Goethe-Institut weißrussische Kulturmanager aus und exportiert so westliches Gedankengut und demokratische Techniken nach Weißrussland.

Austausch gibt es auch unter den Künstlern: Die Organisation "European Borderlands", getragen vom Literarischen Colloquium Berlin und der Allianz Kulturstiftung, bringt Autoren aus Deutschland und aus der Region nach Belarus – zu fantastischen, explosiven gemeinsamen Lesungen. Die weißrussische Poesie hat es in sich, sie macht ihre Zuhörer atemlos.

Und doch: Weißrundlands Kulturszene muss sich erst einmal selbst organisieren. Seit Jahren war das Land beispielsweise nicht mehr auf der Biennale von Venedig vertreten. Daraufhin beschlossen einige Künstler, ihren eigenen Biennale-Pavillon zu errichten - wenn schon nicht in Venedig, dann wenigstens in einer privaten Galerie in Minsk, mit provokanter, politisch brisanter Kunst.

Quo vadis, Belarus?

Der Palast der Republik in Minsk (Foto: DW)

Architektur aus alten Zeiten - Der Palast der Republik in Minsk

Weißrussland wird in der Region oft beneidet. Das Land erlebt eine Art Konsumrausch, es geht ihm sehr viel besser als seinen Nachbarn Litauen oder der Ukraine. Innerlich aber ist es gespalten. Belarus hat zwei offizielle Sprachen: Russisch und Weißrussisch. Präsident Lukaschenko spricht praktisch nur Russisch, die Opposition hingegen spricht Weißrussisch, die Sprache der Landbevölkerung und der Intellektuellen.

Wohin die Reise in Weißrussland geht, weiß niemand. "Wir leben nicht mehr unter Stalin, aber es ist auch noch nicht alles perfekt", sagt die Dichterin Volha Hapeyeva. Und was auch immer geschieht - es wird lange dauern. Die Weißrussen sehen sich selbst als eher langsam und bedächtig, ganz anders als die Ukrainer mit ihrer Orangen Revolution. Aber die ist ja längst zusammengebrochen, und vielleicht sind die Veränderungen in Belarus ja nachhaltiger als bei den ukrainischen Nachbarn.

Autor: Werner Bloch
Redaktion: Petra Lambeck

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