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Tag der Kriminalitätsopfer

Weißer Ring: Psychologische Erste Hilfe reicht nicht

Opfer von Kriminalität kämpfen mit den Folgen - oft ein Leben lang. Psychologe Karl Theobald von der Opferschutzorganisation Weißer Ring fordert deswegen im DW-Interview eine schnelle Betreuung von Gewaltopfern.

Deutsche Welle: Der internationale Tag der Kriminalitätsopfer, den die Opferschutzorganisation Weißer Ring e.V. 1991 ins Leben gerufen hat, erinnert daran, dass Opfer von Gewalttaten ein Leben lang davon gezeichnet sind. Warum kann vielen Gewaltopfern nicht effektiv geholfen werden?

Karl Theobald: Wir haben zu wenige Psychotherapeuten in Deutschland, die kassenärztlich zugelassen sind. Menschen, die eine psychotherapeutische Versorgung brauchen, müssen mit einer üblichen Wartezeit von bis zu sechs Monaten rechnen. Das ist auf dem Land viel schlimmer als in der Stadt. Kriminalitätsopfer brauchen sehr schnell Hilfe. Das Ereignis passiert sehr plötzlich und es hat trotz allem den Vorteil, dass man schnell helfen kann, wenn es denn Plätze gebe.

Im Bereich Trauma-Folgestörungen haben wir mit der Traumatherapie eine effiziente Methode, die sehr schnell wirkt. Wir haben aber nicht genug Therapeuten, die dies gelernt haben. Oder es gibt Probleme, sich diese Ausbildung von der Krankenkasse anerkennen zu lassen. Die Psychotherapie ist bislang so geregelt, dass nur drei große Verfahren zugelassen sind: die Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. Die Traumatherapie kommt da nicht vor.

Was macht eine psychologische Erste Hilfe aus?

Unsere Ehrenamtler des Weißen Rings sind Lotsen in das Hilfesystem. Wir haben einen sogenannten Hilfescheck für eine psychotraumatologische Erstberatung. Betroffene Menschen können damit relativ schnell zu einem Therapeuten gehen und wir garantieren bis zu einem bestimmten Betrag die Erstberatung. Dort wird erst einmal festgestellt, welche Form der Therapie benötigt wird und es gibt schon erste kurze Interventionen.

Psychologe Karl Theobald (Foto: Weißer Ring e.V. )

Für mehr Psychotherapueten und Trauma-Ambulanzen: Karl Theobald vom Weißen Ring e.V.

Dazu  unterstützen wir das System der Trauma-Ambulanzen, die meistens in Krankenhäusern untergebracht sind. Im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes sind in vielen Bundesländern Trauma-Ambulanzen installiert. Besonders wenn es relativ früh nach der Tat ist, haben wir noch kein ausgeprägtes Krankheitsbild, aber man kann schon eine Krisenintervention gemacht werden. Es gibt einen Standardsatz wie: Du bist nicht verrückt, sondern du reagierst ganz normal auf eine verrückte Situation, in die du geraten bist.

In dieser Trauma-Ambulanz kann sehr schnell geholfen werden. Diese Hilfe ist aber beschränkt und wird nicht flächendeckend angeboten. Wenn diese Hilfe nicht ausreicht, müsste direkt dafür gesorgt werden, dass eine Weiterbehandlung stattfinden kann. Bei Straftaten geht man grundsätzlich davon aus, dass 25 Prozent behandlungsbedürftig sind - abhängig davon, um welche Straftat es sich handelt. Je gewalttätiger die Straftat war, desto höher ist auch die Anzahl derer, die eine psychotherapeutische Behandlung brauchen. Doch auf dem freien Markt gibt es nicht viele Psychotherapeuten, die Termine schnell anbieten können.

Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, der Terroranschlag in Berlin, die Attentate in München und Würzburg. Warum liegt nach einer Straftat der Fokus auf den Tätern?

Täter sind spannender. Es ist auch viel interessanter zu beobachten, warum jemand eine Straftat begeht, statt zu erfahren, wie jemand damit lebt, dem das angetan wurde. Und: Das einzelne Opfer muss vor zu viel Öffentlichkeit beschützt werden, weil es eine zusätzliche Belastung ist. Die Selbstwertbelastungen, die das Opfer aufgrund der Straftat hat, werden durch den Fokus auf den Täter verstärkt. Umso wichtiger wäre dann eine Traumatherapie.

Sie betreuen auch Opfer von sexuellem Missbrauch, Mobbing oder Internetkriminalität. Werden die psychischen Folgen solcher Straftaten unterschätzt?

Es gibt das gesunde Bedürfnis nach einer Gewalterfahrung Normalität herzustellen. Also muss das Opfer seine Erfahrungen in sein Leben integrieren oder es kann sie verdrängen. Das funktioniert auch irgendwie. Bis zu einem gewissen Punkt. Ein Beispiel: Wenn eine Frau als Kind sexuell missbraucht wurde, dann kann sie es möglicherweise gut geschafft, das Erlebte zu verdrängen und damit eine Zeit lang zu leben. Eine kritische Phase würde dann kommen, wenn ihre Tochter in das Alter kommt, in dem die Mutter den Missbrauch erleben musste. Es kann dann sein, dass das Trauma wieder aufbricht. Es ist dann eine akute psychische Belastung aufgrund von Tatgeschehen, aber unsere Trauma-Ambulanzen stehen nicht zur Verfügung, weil sie nur in akuten - im Sinn von gerade geschehenen - Ereignissen gedacht sind.

Im sozialen Umfeld kann man in der ersten Phase mit Unterstützung rechnen. Man wird in den Arm genommen und erntet Verständnis. Doch mit der Zeit wird das schwieriger. 'Ist doch jetzt mal gut' oder 'Wir wissen es doch alle' sind dann Sätze, die das Opfer zu hören bekommt. Da unterschätzt dann das soziale Umfeld die Situation, weil es vielleicht selber überfordert ist.

Karl Theobald ist als Psychologe und Psychotherapeut in der Bundesgeschäftsstelle des Weißen Rings e.V. tätig. 

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