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Europa

Wehrdienst in Russland bleibt Folter für die Rekruten - trotz Halbierung der Dienstzeit

Der Wehrdienst in Russland ist auf ein Jahr halbiert worden. Dennoch warnen Menschenrechtler: Auch 12 Monate können für die Rekruten reichen, um bleibende Schäden an Psyche und Gesundheit davonzutragen.

Junge russische Männer werden beim ersten Antreten in einer Rekruten-Sammelstelle in der Nähe von Moskau von einem Armee-Vertreter in Empfang genommen (dpa)

In Russland besteht für Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren eine allgemeine Wehrpflicht

"Berufssoldat, dein Ticket in die Zukunft", wirbt Russlands Armee in ihren Werbespots. Die Bilder gut gelaunter Fallschirmspringer suggerieren dazu Abenteuerlust und Teamgeist. "Ich habe das selbst gewählt", sagt ein junger Rekrut strahlend in die Kamera: "Und bereue es nicht."

Mit solchen Werbespots und Plakat-Aktionen arbeitet das russische Militär derzeit an seinem Image. Denn den meisten jungen Männern in Russland graut weiterhin vor der Armee. Immer wieder berichten Medien und Menschenrechtsorganisationen über Misshandlungen und auch über Folter von Rekruten, meist durch länger gediente Kameraden. Dedowschtschina, Großvätertum, heißt das in Russland. Obwohl der Wehrdienst gerade erst um die Hälfte auf ein Jahr verkürzt wurde, zerstört er Jahr für Jahr die Zukunftschancen zehntausender junger Männer in Russland, meint Ludmila Jarilina, Vize-Präsidentin des Komitees der Soldatenmütter: "Die meisten kommen heute krank aus der Armee zurück. Nicht, weil sie irgendwelche Infektionen haben, sondern psychische Probleme. Sie fangen an zu trinken, die Gesellschaft braucht sie nicht mehr, sie sind nervös. Sie haben in der Armee eben zu viel gesehen."

Hunderte Soldaten kommen jährlich im Dienst ums Leben

Russischer Soldat sitzt auf einem Panzer (AP Photo/Bela Szandelszky)

Nur jeder zehnte Russe geht tatsächlich zur Armee

Allein 2006 starben nach Angaben der russischen Justiz knapp 800 Soldaten im Dienst. Das Komitee der Soldatenmütter schätzt die Zahl der Toten dagegen höher. Ihren Berechnungen nach kommen jährlich 2000 Soldaten ums Leben, 50.000 werden Jahr für Jahr verletzt - mal durch Unfälle an oft veraltetem Gerät, meist aber durch Drangsalierung und Folter unter den Rekruten selbst. Hunderttausende würden Opfer der Willkür ihrer älteren Kameraden, berichtet die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Deshalb drückt sich in Russland vor dem Wehrdienst, wer kann. Studenten schreiben sich pro forma zum Doktorstudium ein, um nicht eingezogen zu werden. Viele andere besorgen sich ein ärztliches Attest oder kaufen sich frei. Für die Militärs wird die Angst vor der Armee so zum guten Geschäft. Etwa 3800 Euro kostet es derzeit in Moskau, die Wehrbescheinigung bei der zuständigen Kommission einfach unter der Hand zu kaufen. Trotzdem lohne sich die Investition, sagt Ludmila Jarilina: "Wenn du das Geld hast, kauf lieber die Bescheinigung, statt in eine solche Armee zu gehen. Doch wir vom Komitee der Soldatenmütter sind nicht gegen die Streitkräfte. Wir wollen, dass die Armee gesund ist. Dass der Soldat da gerne hingeht und mit erhobenem Haupt wieder zurückkommt."

Soldaten werden oft zur Verpflichtung gezwungen

vier russische Soldatenmütter demonstrieren mit den Bildern ihrer toten Söhne (dpa)

Das russische Komitee von Soldatenmüttern erhielt 1996 den Alternativen Nobelpreis

Bei den Soldatenmüttern gehen immer wieder Anrufe ein, wie beispielsweise von verzweifelten Eltern, die erzählen, dass ihr Sohn gezwungen werden soll, sich als Berufssoldat zu verpflichten. "Er muss so lange nackt auf dem Exerzierplatz stehen bleiben, bis er den Vertrag unterschreibt", berichten sie. "Er soll es auf gar keinen Fall tun", ist die Antwort von Ludmila Jarilena. "Die Eltern sollen ihn da herausholen und zu mir bringen". Die Soldatenmütter hören immer wieder davon, dass Vorgesetzte auch auf diese Art versuchen, ihren Personalplan zu erfüllen.

Bis heute hänge der Zustand der jeweiligen Kaserne vom Vorgesetzten ab. Dabei geht die Armeeführung mittlerweile selbst verstärkt gegen die berüchtigte Dedowschtschina, die Folter unter Rekruten, vor. So soll jede Kaserne per Video überwacht werden. Das Verteidigungsministerium hat zudem allen Rekruten den Besitz von Mobiltelefonen erlaubt, damit im Notfall Hilfe gerufen werden kann. Auch die Halbierung des Wehrdienstes auf ein Jahr sei ein Schritt in die richtige Richtung, so Jarilina. Doch die Probleme lägen viel tiefer: "Schon früher, als man noch zwei oder anderthalb Jahre dienen musste, haben alle in Wirklichkeit auf den Datschen ihrer Offiziere gearbeitet. Und nicht nur auf den Datschen, sondern auch in Fabriken."

Jagd auf potenzielle Wehrpflichtige

Zwei Russische Soldaten, die ihren Militärstützpunkt bewachen (AP Photo/Bela Szandelszky)

russische Kreiswehrkommandos wollen die Reihen der Wehrpflicht um jeden Preis füllen

Den Lohn für die Fabrikarbeit bekommen in der Regel die Offiziere. Auch deshalb geht niemand freiwillig in die Armee. "Es wird Jagd auf Kinder gemacht", titelte das russische Politmagazin "The New Times" zu Beginn der Einberufungszeit im April. Oft holt die Polizei junge Männer im Morgengrauen von zu Hause ab. Auch an den Metrostationen werden gezielt potenziell Wehrpflichtige kontrolliert und zum Teil direkt in die Armee geschickt.

Doch in diesem Sommer mussten die Wehrkommissionen erstmals sogar Leute abweisen. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass der Wehrdienst demnächst wieder auf zwei Jahre und acht Monate verlängert werden könnte. "Deshalb haben alle Panik bekommen und ihr Studium hingeworfen, um jetzt noch für nur ein Jahr zur Armee zu gehen", berichtet der 19-jährige Sergej. Er hat sich trotzdem entschieden, seine Ausbildung zum Automechaniker abzuschließen. Ein paar seiner Klassenkameraden sind dagegen jetzt schon zur Armee gegangen. Das war noch vor dem Krieg in Georgien. Doch Sergej fürchtet sich mehr vor dem, was ihm in einer russischen Kaserne passieren kann, als vor einem Kampfeinsatz: "In Konfliktgebiete können sie dich nicht schicken. Wenn es noch mal einen Konflikt wie mit Georgien und Abchasien gibt, gehen dort nur Berufssoldaten hin und keine Wehrpflichtigen."

Dabei gab es auch im Georgienkrieg Berichte, dass trotz Verbotes auch Wehrpflichtige eingesetzt worden seien. Das Komitee der Soldatenmütter prangert immer wieder Verstöße des Militärs gegen seine eigenen Statuten an. Auch viele Offiziere machten sich über den Zustand der russischen Armee keine Illusionen, meint Ludmila Jarilina: "Ich frage einen Offizier: Haben Sie keine Kinder? Klar, habe ich Kinder, sagt er. Und manchmal frage ich: Geben Sie ihre Kinder in die Armee? Niemals, sagt er. Das sagt doch alles."

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