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Fokus Osteuropa

Wegbereiter der Transformation: Bulgariens Altpräsident Schelju Schelew

Als Staatspräsident führte Schelju Schelew zwischen 1990 und 1996 Bulgarien durch den schwierigen Transformationsprozess und damit auch näher an die EU heran. Am 3. März 2005 wurde Schelew 70 Jahre alt.

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Schelju Schelew war das erste nicht-kommunistische Staatsoberhaupt Bulgariens nach dem Zweiten Weltkrieg

Wie würde Bulgarien heute aussehen, falls 1996 Schelju Schelew ein neues Präsidentenmandat bekommen hätte? Die Antwort ist unspektakulär: Höchstwahrscheinlich wäre Bulgariens Zustand genau derselbe, wie er es heute ist. Es ist aber dem Altpräsidenten zu verdanken, dass in den vergangenen neun Jahre diese politische Normalität und Kontinuität Wurzeln geschlagen haben.

Friedlicher Übergang

Es war Schelew, der in der gefährlichsten Phase des Übergangs zwischen 1989 und 1992 sich gegen die innere Konfrontation und den drohenden Gewaltausbruch entscheidend widersetzt hat. Man denke nur an das durchaus möglich gewesene Blutvergießen während der Demonstration am 4. Dezember 1989, das er verhindert hat. Oder an die gewaltbereiten Menschenmassen, die Ende 1989/Anfang 1990 mit nationalistischen Parolen gegen die Wiederherstellung der Bürgerrechte der türkischstämmigen Bulgaren auf die Straße gingen und unter Schelews Mitwirkung zur Ruhe gebracht wurden. Oder an die schmerzvollen Kompromisse, die Schelju Schelew mit den geschwächten, aber immer noch regierenden Kommunisten eingegangen ist. Kompromisse, die den Weg zum Runden Tisch und zu den ersten freien Wahlen im Lande freigemacht haben.

Schmerzvolle Kompromisse

Schelew hat als Oppositionsführer viele Kröten schlucken müssen, um den friedlichen Übergang, aber auch sein erstes Präsidentenmandat sichern zu können. Aus der Weltgeschichte wissen wir allerdings, dass nur diejenigen Politiker, die bereit sind, Blut zu vergießen, keine Kompromisse eingehen müssen.

Schelews Kritiker aus den eigenen Reihen haben jahrelang behauptet, als Oppositionsführer und später als Staatspräsident sei er zu vorsichtig und geduldig mit den Kommunisten umgegangen. Um den Übergang zu beschleunigen, hätte er mehr riskieren und entschiedener vorgehen müssen, so der Tenor. Nachdem aber der friedliche Übergang vollendet ist, kann man zweifelsfrei feststellen: der Abbau des totalitären Systems hätte nicht schneller verlaufen können. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: der schnellere Übergang wäre auch ein blutiger Übergang gewesen, der das Land gewiss nicht in die EU geführt hätte.

Ein Politiker des Ausgleichs

Der Altpräsident ist wahrlich kein politischer Gaukler. Schelju Schelew ist ein Liberaler, ein Politiker der Mitte, jemand mit gesundem Menschenverstand, der auf Dialog setzt. Ja, ihm fehlt die Fähigkeit, die Massen zu begeistern. Ja, ihm fehlt auch der für die Fernsehdemokratie notwendige Sexappeal. "Teile und herrsche" ist nicht sein Motto. Aber gerade weil er so einer ist, war er der richtige für die Übergangszeit in Bulgarien.

Ein Dorflehrer, der zu früh in Rente ging

Und was eine der skurrilsten Verbalattacken gegen ihn anbetrifft: ja, im gewissen Sinne ist Schelew in der Tat ein "Landei", aber die meisten Bulgaren brauchen doch nur drei oder vier Generationen zurückgehen, um ihre eigenen ländlichen Wurzeln zu finden. Davon gar nicht zu reden, dass man auf dem Lande alle Menschentypen vorfinden kann: vom Dorftrottel, über den Hühnerdieb, den Saufsack und den Schürzenjäger bis hin zum Popen und dem Dorfarzt. Menschentypen, die in den letzten 15 Jahren alle in der bulgarischen Politik vertreten waren. Vor diesem Hintergrund kann man Schelju Schelew durchaus als den Dorflehrer sehen, der leider zu früh in die Rente gegangen ist.

Alexander Andreev
DW-RADIO/Bulgarisch, 3.3.2005, Fokus Ost-Südost