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Kultur

Weg vom schwarzen Loch

Der ehemalige Neonazi spricht mit DW-WORLD über die rechte Szene, seine Rolle als prominenter Aussteiger, die er nicht mehr spielen will und das Programm "Exit".

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Ex-Neonazi-Führer Ingo Hasselbach

Wie nimmst du heute die rechte Szene in Deutschland wahr?

Ich beobachte das nicht mehr so stark, aber ich sehe heute, dass einer der großen Wunschträume von Michael Kühnen oder Christian Worch -­ also von diesen großen Neonazi-Führern, die es in den 90er-Jahren gab -­ in Erfüllung gegangen ist. Es gibt eine große rechte Partei, die NPD, in der haben sich alle wiedergefunden. Das war Anfang 90er-Jahre nicht denkbar. Darin sehe ich auch eine viel größere Gefahr, dass es jetzt diese eine geballte Organisation gibt, die zusammen mit all diesen harten Jungs arbeitet, die in den 90er-Jahren in den einzelnen Organisationen aktiv waren.

Hattest du beim Schreiben des Drehbuchs für “Führer Ex“ die Motivation, eine Botschaft für die jungen Leute rüberzubringen?

Als wir uns entschlossen haben, dieses Projekt zu starten,­ da haben wir auch gesagt, dass es auch eine ganz klare Message an die Jugend dabei geben muss. In dem Fall ist es so, dass man ihnen aufzeigt, was in der Szene mit ihnen passieren kann und mich als Beispiel dafür zu zeigen, dass es ein Leben danach gibt. Ich bin dadurch prominent geworden, dass ich der einzige Aussteiger bin, der an die Öffentlichkeit gegangen ist, aber ich lebe in ganz anderen Zusammenhängen. Ich lebe in einem sehr normalen Rahmen, arbeite ganz normal und das ist das, was ich heute darstellen kann für diese Jugendlichen.


Du hast aber jahrelang mit Personenschutz leben müssen. Dein Ausstieg aus der Szene war von vielen negativen Konsequenzen begleitet. Wie lebst du
heute?

Ich bin immer noch unter Personenschutz. Nicht immer, aber da, wo ich wohne, fährt einmal pro Stunde ein Polizeiauto lang und wir haben eine geschützte Adresse. Aber in dem Moment, als ich mich entschlossen habe, an die Öffentlichkeit zu gehen, war mir auch klar, dass ich davon nicht so leicht weg komme. Ich würde es heute nicht anders machen. Aber das Leben hat es nicht einfacher gemacht.


Wie hilft das Aussteigerprogramm "Exit", das du mitbegründet hast?

Wichtig ist, den Jungs, die zu “Exit“ kommen, klarzumachen, dass sie erst mal aus ihrem sozialen Umfeld raus müssen. Die Bereitschaft dafür müssen sie mitbringen. Damit ist auch verbunden, dass sie unter Umständen an andere Orte ziehen müssen, dass man ihnen zum Teil einen neuen Freundeskreis schafft, indem man sie mit auf Veranstaltungen nimmt, auf denen sie neue Leute treffen, Kontakte zum Arbeitsamt, wenn es sein muss: Kontakte zur Polizei, zu Anwälten. Eigentlich alles, was wichtig ist, wenn man so eine Szene verlässt und eigentlich niemanden mehr hat. Man fällt in so eine Art schwarzes Loch, denn so eine Szene hat Sektencharakter. Man hat draußen kaum noch Leute. Man muss diesen Leuten wirklich eine neue Basis schaffen. Dafür ist “Exit“ da.


Was hat “Exit“ gebracht?

Wir haben immerhin 200 Aussteiger. Das ist eine ganz beachtliche Zahl, wenn man auch sieht, dass es eine private Organisation ist, die von privaten Geldern getragen wird. Das finde ich für eine Zeit von zwei Jahren schon ganz okay.

Warum engagierst du dich heute nicht mehr bei “Exit“?

Mir war irgendwann klar, dass ich nicht von Beruf Ex-Neonazi sein will. Ich muss auch mein eigenes Leben leben können. Ich habe zwei Kinder, die mir wichtig sind um die ich mich kümmern muss, und damit ist auch nach wie vor eine Gefährdung verbunden. Deswegen ziehe ich mich da ganz bewusst zurück. All die Sachen, die in den letzten 10 Jahren auf der Strecke geblieben sind ­- meine berufliche Weiterentwicklung -­ die sind jetzt dran.

Gibt es andere Maßnahmen außer “Exit“ in Deutschland, die du als positiv bewerten würdest?

Ich sehe leider keine. Das ist leider eine Tatsache. Nach all den Jahren sehe ich bis heute nicht, dass irgendwas konstruktives gemacht wird, dass irgendwas passiert. Das habe ich immer kritisiert: Was in diesem Land fehlt, ist eine Jugendpolitik. Es muss mehr Sozialarbeit geben und Möglichkeiten, Jugendlichen Perspektiven zu bieten. Das kann man nicht dieser rechten Szene überlassen. Da ist die Politik gefordert.


Was würdest du der Politik im Kampf gegen die rechte Gefahr empfehlen?

Es gibt eine ganze Menge: Das fängt an mit der Aufklärung an Schulen. Man muss gegen dieses Kulturprogramm steuern, das die Szene anbietet. Man muss etwas dagegen setzten - was auch immer das ist: Es kann nur besser sein, als das, was die Szene bietet.Ich habe in den letzten zehn Jahren bei meinen Lesungen an Schulen gemerkt, dass das ziemlich gut ankommt. Also: ruhig mit solchen Exemplaren wie mir arbeiten. Es gibt auch neue Aussteiger. Man soll nutzen, wenn es Leute gibt, die so ein Wissen anbieten.




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