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Politik & Gesellschaft

Weg vom angestaubten Familienbild

Das Familienbild konservativer Politiker ist nicht mehr zeitgemäß. Das ergab eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die moderne Familie ist vielfältig - und sollte entsprechend wertgeschätzt werden, so die Experten.

"In 20 Jahren lebe ich in einem Haus und habe zwei Kinder", "dann bin ich dreißig, habe einen Mann oder einen Freund und Kinder....": Das haben Ende Juni 2014 zehnjährige Viertklässler zum Ende ihrer Grundschulzeit in ihre Steckbriefe geschrieben. Sie liegen damit im Trend: Die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen (85%) wünscht sich laut einer Umfrage eigene Kinder. Und Familie spielt für sie nach wie vor eine wichtige Rolle. Aber: Was ist eigentlich eine "normale" Familie?

Dieser und weiteren Fragen sind die Macher eine

Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)

nachgegangen. Heraus kam: Zwar verkörpert für die meisten jungen Menschen das verheiratete Ehepaar mit Kindern nach wie vor die klassische Familie. Aber fast 90 Prozent der Befragten verstehen unter Familie auch homosexuelle Paare, sogenannte Patchworkfamilien oder Alleinerziehende. Das entspricht auch der Erfahrung von Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin der Zeitschrift Eltern: "In dem Moment, wo ein vermeintliches Minderheitenthema ein Gesicht bekommt, ein Gesicht, das ich kenne, wird es auch nicht mehr abgelehnt", so die Journalistin in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. "Die Stigmatisierung hat längst aufgehört."

Deutsche Familienpolitik: zersplittert und unübersichtlich

In Deutschland werden seit Mitte der 1970er Jahre immer weniger Kinder geboren – mittlerweile im Durchschnitt nur noch 1,3 Kinder je Frau. Doch was kann eine Gesellschaft gegen eine stetig sinkende Geburtenrate unternehmen? Die Konrad-Adenauer Stiftung hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) beauftragt, dieser Frage nachzugehen. 5000 Menschen zwischen 20 und 39 Jahren wurden befragt.

Bisher haben sich Politik und Forschung zu sehr auf die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf konzentriert und versucht, die Kinderbetreuungseinrichtungen auszubauen, so ein Ergebnis der Studie. Außerdem sei die Familienpolitik mit mehr als 150 Maßnahmen unübersichtlich und zersplittert, eine strategische Ausrichtung sei nicht zu erkennen. Dadurch sei zu wenig Augenmerk auf die kulturellen Vorstellungen gerichtet worden. Dabei sei es dringend notwendig, dieses Thema auf die politische Agenda zu bringen, meint Chefredakteurin Lewicki. "Es muss endlich über eine Kultur einer familienfreundlichen Gesellschaft diskutiert werden", fordert die Familienexpertin.

Mutter spricht aus der Hocke mit drei kleinen Kindern, Foto: Jan-Philipp Strobel/picture-alliance/dpa

Vater, Mutter, Kinder - oder ist Familie doch vielfältiger?

Es fehlen positive Familienleitbilder

Jeder Einzelne gestaltet sein privates Leben nach den kulturellen Leitbildern eines "normalen", "richtigen" und "guten" Zusammenlebens als Paar bzw. Familie, so eine der Thesen der Adenauer-Stifung. Doch hier gingen persönliches Gefühl und öffentliche Meinung oftmals stark auseinander.

"Eine große Rolle spielt, was in den Köpfen passiert", sagte Norbert Schneider, Direktor des BiB und Autor der Studie, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". "Es gibt keine positiv besetzten Familienbilder in Deutschland. Jedes Bild beinhaltet sofort eine Negativfolie", so Schneider. Der klassischen Mutter und Ehefrau werde vorgehalten, dass sie es sich auf Kosten anderer gut gehen lasse, berufstätigen Mutter werde der Vorwurf gemacht, sich auf Kosten ihrer Kinder selbst zu verwirklichen. Hinzu kommt, dass sich Elterngruppen untereinander ebenfalls anfeinden. "Es haben sich die nicht berufstätigen Mütter von den berufstätigen Müttern nicht verstanden gefühlt und umgekehrt", meint Chefredakteurin Lewicki.

Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin der Zeitschrift Eltern, Foto: Zeitschrift Eltern

Familienexpertin Lewicki: "Stigmatisierung hat längst aufgehört"

Ruf nach aktiver Gleichstellungspolitik

"Das bisherig Leitbild, das vorschreibt, was eine Familie ist, ist vollkommenn überholt", stellt Lewicki fest. Und genau hier setzt die Studie an. Die Politik solle den Menschen keine Leitbilder vorgeben, sondern der fortschreitenden Vielfalt des Familienlebens gerecht werden. Es sollten Wege gefunden werden, die Wünsche von Vätern nach stärkerer familialer und die von Müttern nach stärkerer beruflicher Teilhabe besser zu fördern und aktiv Gleichstellungspolitik der Geschlechter zu betreiben, empfehlen die Autoren der Studie. Und das führe über kurz oder lang zu einem Wandel der kulturellen Leitbilder in Deutschland.

Trendforscher Matthias Horx beobachtet schon seit längerer Zeit, dass die Regeln zwischen den Geschlechtern ganz neu ausgehandelt werden. "Das ist manchmal sehr verletzend, ziemlich anstrengend. Aber es führt auf Dauer zu mehr Lebenszufriedenheit und Liebesglück", so Horx in einem Interview mit Focus-Online.

Die Autoren der Studie gehen übrigens davon aus, dass ein Wandel kultureller Leitbilder im Laufe weniger Jahrzehnte möglich ist. Dann stehen die Chancen gut, dass die heute Zehnjährigen, die sich in zwanzig Jahren als Familienvater oder Mutter sehen, ihre familiären Vorstellungen auch wirklich umsetzen können.

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