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Europa

Weg mit den unbequemen Akten

Seit mit Wladimir Putin ein ehemaliger KGB-Oberst Staatspräsident wurde, ist es schwierig, in den Archiven der russischen Geheimdienste zu arbeiten. Akten sind auf dubiosen Wegen abhanden gekommen oder plötzlich geheim.

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Der russische Geheimdienst lässt Dokumente verschwinden

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 hat der berüchtigte Geheimdienst KGB nur seinen Namen geändert - in FSB. Die Adresse der Organisation - Lubjanka-Platz - klingt dabei furchterregend: Mit "Lubjanka" (wie der Platz früher hieß und auch heute wieder heißt) verbinden die Russen all die Schrecken, die der KGB und seine Vorgänger - die Tscheka und der NKWD - verbreitet haben. Der KGB hatte angefangen, seine Archive zu beseitigen, lange bevor der damalige Präsident Boris Jelzin sie 1991 für öffentlich zugänglich erklärte.

Nicht jeder darf ins Archiv

Heute dürfen nur diejenigen einen Antrag auf Einsicht ins Archivmaterial stellen, die selbst unter Repressalien gelitten haben oder mit Opfern verwandt sind. Zugangsberechtigt sind außerdem Historiker, die allerdings eine notariell beglaubigte Vollmacht eines Betroffenen vorlegen müssen, erklärt Nikita Ochotin, Direktor des Programms "Zugang zur Information" der Menschenrechtsorganisation "Memorial".

Doch selbst wenn man es schafft, in die Archive zu gelangen, kann man nicht sicher sein, noch alle Informationen zu finden. Ochotin weiß: "Bei den Akten, in die man schon vor zehn Jahren Einsicht nehmen konnte, stellt man fest, dass wichtige Dokumente, die vor zehn Jahren noch da waren, nicht mehr da sind. Sie wurden aussortiert und vernichtet." Der Vorwand laute meistens: 'wenig bedeutsam' oder 'mangelndes Interesse'.

Geschichte verschwindet im Papierkorb

Der "Memorial"-Mitarbeiter Nikita Petrov konnte diese systematische Vernichtung von Beständen der sowjetischen Geheimdienste dokumentieren. In seinem Memorandum Anfang der 1990er Jahre schreibt Petrov über die beispiellose Vernichtung von Akten der bekanntesten sowjetischen Dissidenten und Nobelpreisträger - Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn. Mit ihnen beschäftigte sich in der KGB-Zentrale übrigens eine ganze Sonderabteilung: Allein die Akte Sacharow bestand aus 300 Bänden. Ein Paradox des 20. Jahrhunderts: Die NKWD-Geschichte der 1930er und -40er Jahre kann man nun besser dokumentieren als die späteren Jahrzehnte.

Öffentlich bekannt und trotzdem geheim

Das, was Jelzins Erlass in den 1990er Jahren freigab, wird unter dem Präsidenten Wladimir Putin wieder für geheim erklärt. "Im Jahre 1992, während des Prozesses um die Verfassungswidrigkeit der Kommunistischen Partei, gab es jede Menge freigegebene Dokumente mit wichtigen Details zur Geschichte der Repressalien", sagt Memorial-Mitarbeiter Ochotin. "Es gab außerdem wichtige und streng geheime Papiere, die präziseste Informationen darüber geben, wie die Partei und der KGB links-terroristische Szene im Westen unterstützten."

All diese Dokumente hätten sich - oft als Kopien - im russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte befunden und seien mehrere Jahre öffentlich zugänglich gewesen. "Im Jahr 2000 wurden diese Dokumente für geheim erklärt", berichtet Ochotin. "Dabei waren 30 Jahre, wie es das Gesetz vorschreibt, vergangen." Sämtliche Appelle hätten nichts genutzt. Dabei seien viele Seiten dieser nun streng geheimen Dokumente längst veröffentlicht worden. Aber die KGB-Archivare hätten ihre Zauberformel parat, wie Ochotin sagt: "Eine Publizierung ist kein Grund zur Freigabe."

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