Weg mit dem Flesh Tunnel - Ich will mein Ohrläppchen zurück | Wissen & Umwelt | DW | 08.02.2018
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Weg mit dem Flesh Tunnel - Ich will mein Ohrläppchen zurück

Wer einen Flesh Tunnel möchte, geht ins Piercing Studio. Wer einen Flesh Tunnel loswerden möchte, muss zum Chirurgen, damit der das Loch stopfen kann. Die erste Frage: Wie groß ist das Ohrloch?

Durch so manchen Flesh Tunnel kann der Betrachter mühelos hindurchschauen. Löcher von vier bis fünf Zentimetern sind gar nicht selten. Das entspricht in etwa der Größe eines Golfballs. Es geht aber natürlich auch kleiner. 

Es kämen jetzt immer häufiger Leute in seine Praxis, um die Ohrlöcher loszuwerden, sagt Maximilian Rossbach, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie: "Meistens sind es junge Leute zwischen Anfang und Ende zwanzig. Viele möchten ihren Flesh Tunnel - oder Fleischtunnel - loswerden, weil er nicht mehr in ihr Leben passt, weil sich etwas geändert hat.

Vielleicht fangen sie an zu studieren oder zu arbeiten" sagt Rossbach. Die Devise: 'Nur weg damit!' 'Es hat mir mal  gefallen, aber die Zeit ist vorbei.' Das sei das Argument der meisten, die zu ihm kommen, berichtet der Mediziner.

Schließen ist teurer als stechen

Als medizinische Indikation gilt die Entfernung eines Flesh Tunnels nicht. Krankenkassen übernehmen also keine Kosten. Die müssen die Leute selber tragen, denn einen Flesh Tunnel zu schließen, gilt als ästhetischer Eingriff, als Korrektur.

Zwischen 500 und 1200 Euro kostet der Spaß und ist damit wesentlich teurer als das eigentliche Ohrloch. Das ist für viele schwer nachzuvollziehen, aber einfach zu erklären. Schließlich ist es eine Operation mit allem, was dazu gehört: Steriles OP-Besteck, Lokalanästhesie OP-Schwester, und ein entsprechend ausgebildeter Chirurg muss dabei sein. 

Und das kostet natürlich mehr als wenn es in einem kleinen Tattoo-Studio gemacht würde. Aber das ist verboten. "Jemand hat dagegen geklagt", sagt Rossbach. "Es gibt ein Gerichtsurteil, dass Tätowierer oder Piercer einen solchen Eingriff nicht durchführen dürfen. Er gilt als Heilbehandlung, und ein Piercer ist kein Arzt."

Je größer desto schwieriger

Zwischen 30 und 45 Minuten dauert der ambulante Eingriff. Wie aufwändig die Operation ist, hängt vor allem davon ab, wie weit das Gewebe gedehnt ist und wie dick die verbleibenden Ränder sind. Wenn es ein ganz kleiner Tunnel ist, also eigentlich ein vergrößertes Ohrloch, kann der Arzt es meist mit ein, zwei Stichen zunähen.

Piercing Ohrloch weiten dehnen (picture-alliance/ dpa)

Ein Fleischtunnel wird Stück für Stück gedehnt

Aber je größer das Loch, desto dünner ist die Haut um den Tunnel herum. "Da muss ich dann schon das, was an Gewebe da ist, in irgendeiner Art und Weise zusammenfalten, damit auch wieder ein richtiges Ohrläppchen entsteht."

Und das ist für Rossbach auch der Anspruch: "Ich habe schon vor der OP ein Bild im Kopf: Wie und mit welcher Technik werde ich diesen Tunnel verschließen können, damit hinterher nicht einfach nur das Loch weg ist sondern der Patient auch wieder ein Ohrläppchen hat", beschreibt der Chirurg einen solchen Eingriff.

Bei nicht ganz so extremen Ohrlöchern kann der Flesh Tunnel meist sogar rückgängig gemacht werden. Die Haut zieht sich dann wieder zusammen, es bleibt nur ein winziges Loch. Es funktioniert also in umgekehrter Art und Weise. Die Ohrringe oder Stäbchen werden langsam aber sicher immer kleiner bis das Ohrloch so gut wie verschwunden ist und vielleicht noch ein kleiner, diskreter Brilli reinpasst.

Damit zusammenwächst, was zusammengehört

Wenn der Tunnel aufgedehnt wird, ist es das Ziel, dass die Hautzellen in diesem Tunnel in den Kanal einwachsen. Das verhindert, dass das Loch von selbst zuwächst. Das ist auch bei den kleinen Ohrlöchern der Fall, in die nur ein einfacher, kleiner Stecker oder ein Ring passen.

Flesh Tunnel sind eine ganz andere Kategorie. "Der Chirurg muss die Haut im Inneren des Tunnels entfernen und die frisch geschaffene Wunde zusammenklappen, so dass es wie ein Ohrläppchen aussieht. Das heilt dann wieder zusammen. Aber es gebe auch andere Techniken, so Rossbach. "Ich rolle aus der dünnen Haut eine Art Schnecke. Das sieht ein bisschen aus wie eine Lakritzschnecke." Die wird dann angenäht.

Aber er müsse immer die oberste Hautschicht entfernen. Die Wunde, die dadurch entsteht, kann abheilen, und irgendwann sieht die Rekonstruktion wieder wie ein natürliches Ohrläppchen aus. Nach etwa einer Woche ist die Wunde meist geschlossen, aber an neue Ohrlöcher ist dann noch nicht zu denken, auch nicht an ganz kleine. Das dauert etwa drei Monate.

Thailand Das Phänomen Flesh Tunnel (picture-alliance/blickwinkel/W. G. Allgoewer)

In vielen asiatischen Ländern haben diese Ohrringe Tradition - zum Beispiel in Thailand

Verraten Ohrläppchen etwas über unseren Charakter?

Es geht aber nicht nur darum, irgendein Ohrläppchen zu formen. Denn Ohrläppchen sind ein ganz individueller Teil von uns, wie ein Fingerabdruck. Jedes Ohrläppchen ist anders. "Es gibt Menschen, die ein hängendes Ohrläppchen haben. Bei anderen wiederum ist es angewachsen", erklärt Rossbach. 

Diese Physiognomie gilt landläufig als Außenspiegel der Seele. Darauf müssen natürlich auch Schönheitschirurgen Rücksicht nehmen. Menschen mit freihängenden Ohrläppchen gelten als offen und  großzügig und bemühen sich darum, dass es ihren Mitmenschen gut geht.

Diejenigen, deren Ohrläppchen angewachsen sind, schätzen Sicherheit, heißt es. Sie seien selbstkritisch und auch entscheidungsfreudig. Und Menschen, deren Ohrläppchen größer sind als die Ohrmuschel? Sie gelten unter anderem als kreativ und belastbar, als zielstrebig und lebensfroh.

Aber auch die Form der Ohren soll, so ein häufiger Glaube, etwas über den Charakter verraten. Da gibt es runde Ohren und quadratische, spitze und schmale und dann gibt es da auch noch abstehende Ohren. Viele finden sie komisch, aber in einigen fernöstlichen Ländern gelten Segelohren als Symbol für Reichtum und Intelligenz – egal ob mit oder ohne Flesh Tunnel. 

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