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Kultur

Weg frei für Wagner-Festspiele

Streik am Grünen Hügel - das wäre die überraschendste Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen seit Jahren gewesen. Doch kurz vor der Eröffnung ist nun Frieden in Sicht.

Das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth (Foto: AP)

Das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth

Die Türen zum Festspielhaus geschlossen, blockiert von Gewerkschaftern mit Schildern: "Dieser Betrieb wird bestreikt" - das gab es noch nie in der 133-jährigen Geschichte der Richard-Wagner-Festspiele. Doch eine solche Szene wird man auch in diesem Jahr nicht erleben: Kurz vor der Eröffnung am 25. Juli ist der Arbeitskampf abgewendet worden. "Es sieht alles danach aus, dass der Streik vom Tisch ist", sagte Hans Kraft, Sekretär der Gewerkschaft ver.di am Mittwoch (15.07.2009). Noch einen Tag zuvor hatte die Gewerkschaft mit Streik gedroht, nachdem die Tarifverhandlungen am Dienstag unterbrochen worden waren. Weitere Gespräche und schriftliche Angebote haben nun aber zu einer Annäherung geführt. Am 22. Juli soll wieder verhandelt werden, und Kraft ist optimistisch: "Ich habe das Gefühl, dass wir uns einigen können."

60-Stunden-Woche und mehr

Katharina Wagner (li.) und Eva Wagner-Pasquier, die neuen Festspielleiterinnen (Archivfoto: dpa)

Führungs-Duo unter Erfolgsdruck: Katharina Wagner (li.) und Eva Wagner-Pasquier

Bei der Auseinandersetzung geht es um "nichtkünstlerische Beschäftigte", also Mitarbeiter, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass das Räderwerk im Festspielhaus läuft: Bühnenarbeiter, Handwerker, Beleuchter. Sie arbeiten während der Festspielzeit pro Woche oft 60 Stunden und mehr bei geringer Bezahlung, manche kampieren auf umliegenden Wiesen. Die Gewerkschaft ver.di will für die 50 fest angestellten und etwa 120 Saisonmitarbeiter erstmals einen Tarifvertrag aushandeln. Laut ver.di geht es um bis zu 30 Prozent mehr Lohn für die drei Monate der Festspiele. Der Sprecher der Festspiele, Peter Emmerich, sagte, Arbeitgeber- und Gewerkschafts-Vertreter seien nun gleichermaßen aufeinander zugegangen und hätten das Gespräch gesucht: "Kein Mensch will ja, dass sich die Fronten verhärten".

Image-Schaden abgewendet

Für die neuen Festspielleiterinnen Katharina Wagner (31) und Eva Wagner-Pasquier (64) ist die Aussicht auf eine Einigung ein wichtiger Erfolg. Der Imageschaden wäre beträchtlich gewesen, wenn es bei ihrer ersten Spielzeit gleich einen Streik gegeben hätte. Da kommen Besucher aus aller Welt, viele haben jahrelang auf eine Karte gewartet - sie wären vermutlich fassungslos, wenn dann die Aufführung ausfiele.

Durch die Büste Richard Wagners ist das Festspielhaus in Bayreuth zu sehen (Foto: dpa)

Der lange Schatten Richard Wagners? Streit war lange Normalprogramm am Grünen Hügel

Während Streit in Bayreuth jahrelang zum Normalprogramm gehörte und der erbitterte Familienzwist um die Nachfolge Wolfgang Wagners legendäre Ausmaße annahm, hätte ein Streik eine mittlere Revolution bedeutet. Auch wenn die nun ausbleibt, zeigt der Konflikt, dass in Bayreuth mit Wolfgang Wagners Rückzug eine neue Zeit angebrochen ist. Mehr und mehr nähern sich die Festspiele einem "normalen" Opernbetrieb an. Dafür spricht schon, dass es überhaupt Tarifverhandlungen gibt - es sind die ersten, die jemals auf dem Grünen Hügel geführt wurden. Wolfgang Wagner, der 57 Jahre lang - bis 2008 - dort herrschte, konnte dagegen noch patriarchalisch "durchregieren". Er setzte kompromisslos sein Prinzip durch, es sei "eine Ehre, hier mitwirken zu dürfen".

Ende der Alleinherrschaft

Da gab es kein Aufmucken der Bühnenarbeiter. Sänger und Musiker akzeptierten in Bayreuth Gagen, die deutlich unter dem Niveau vergleichbarer Opernhäuser lagen. Wagner kannte kein Pardon: So scheute er im Jahr 2000 nach Differenzen um Probentermine nicht einmal den Bruch mit der weltberühmten Sopranistin Waltraud Meier. Sie wurde seitdem nicht mehr nach Bayreuth eingeladen.

Katharina Wagner (li.) spricht mit ihrem Vater Wolfgang Wagner (Foto: dpa)

Generationenwechel: Ex-Festivalchef Wolfgang Wagner mit Tochter Katharina

Das Alleinherrscher-Gebaren brachte ihm viel Kritik ein; jedoch gelang es ihm, die Ticketpreise einigermaßen erschwinglich zu halten. Für die teuerste Karte im Festspielhaus zahlt man in diesem Jahr 225 Euro, deutlich weniger als etwa bei den Salzburger Festspielen oder den Münchner Opernfestspielen. Nun aber ist die öffentliche Hand Träger der Festspiele. Das dürfte nach den Bühnenarbeitern auch andere Mitwirkende auf die Idee bringen, mehr Geld zu fordern - Chorsänger, Orchestermusiker, von den Solisten gar nicht zu reden. Im aktuellen Konflikt sieht zumindest alles nach einer Einigung am 22. oder 23. Juli aus: "Der gute Wille dazu war und ist auf beiden Seiten vorhanden", sagt Festspiel-Sprecher Emmerich. Es sei nie in Frage gestellt worden, dass die Arbeiter bessergestellt werden müssten. Doch er setzt gleich nach: Der künftige Tarifabschluss bedeute erheblich höhere Personalaufwendungen, deshalb müssten möglicherweise auch die Preise für die begehrten Festspielkarten erhöht werden. Das Publikum, das zur feierlichen Eröffnung anreist, dürfte das wenig stören: Zu "Tristan und Isolde" am 25. Juli gibt sich wie seit Jahren Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Ehre, an der Spitze Bundeskanzlerin Angela Merkel. (Ba/se/dpa/ap)

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