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Wirtschaft

Wechselbad der Gefühle

Börsenalltag: Verzweifelte Blicke auf die Kurstafel und die bange Frage, wann es wieder aufwärts gehe. Grund zu Optimismus besteht nicht. Im Gespräch mit DW-WORLD warnen Aktienstrategen vor einem weiteren Kursrutsch.

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Unruhige Börsenzeiten

Freitag, 21. Juni 2002: Die Aktie des deutschen Börsenschwergewichts Telekom fällt auf ein neues Rekordtief. Die Nerven vieler Anleger liegen blank. Zum Wochenanfang erholt sich der Kurs: "Das ist eine kleine Gegenreaktion auf die Verluste vom Freitag", sagt ein Frankfurter Händler. "Ich würde dem aber keine große Bedeutung beimessen".

Immer wenn es scheint, dass sich die Börsen nach einem Absturz wieder fangen, treiben neue Hiobsbotschaften die Kurse erneut in den Keller. Ob Chiphersteller wie Intel und AMD, der Handy-Bauer Nokia oder Telekom- und Medienwerte wie die Deutsche Telekom und Vivendi Universal: Gesenkte Geschäftsprognosen, hohe Schulden sowie eine generelle Skepsis vieler Anleger in Bezug auf die Strukturen und Bilanzen zahlreicher Konzerne belasten die internationalen Börsen.

Auslöser Enron

"Der Markt ist in einer tiefen Vertrauenskrise, die durch die Enron-Geschichte in den Vereinigten Staaten ausgelöst wurde", begründet Werner Braun, Chef-Analyst beim Bankhaus Reuschel im Gespräch mit DW-WORLD den Abwärtstrend an den Aktienmärkten. Auch die Bilanzierungspraktiken einiger europäischer Unternehmen seien durch den Enron-Bilanzskandal ins Blickfeld der Investoren geraten. "Die Anleger sind extrem verunsichert."

Die Aktienmärkte seien nun bereits im dritten Jahr in Folge rückläufig, betont Braun. So fiel das wichtigste deutsche Aktienbarometer DAX im Jahresvergleich um mehr als 20 Prozent. Eine derart negative Entwicklung sei nicht absehbar gewesen, weshalb auch ein Ende des Abwärtstrend nicht vorhersehbar sei. Zwar ist der Markt Braun zufolge kurzfristig reif für Erholung, langfristig sei jedoch derzeit keine Prognose möglich. "Es kann auch nochmals fünf bis zehn Prozent nach unten gehen."

Institutionelle Anleger halten sich zurück

Eine Trendwende an den Aktienmärkten ist nach Einschätzung von Hartmuth Höhn, Leiter Research bei der Berenberg Bank, frühestens Ende September möglich. Bis dahin müsse an der Börse weiterhin mit heftigen Kursschwankungen gerechnet werden. "Das Anlagevolumen der instutionellen Investoren ist sehr zurückhaltend", betont Höhn.

Viele große Pensionskassen-Verwalter in den USA und Großbritannien schichten dem Experten zufolge derzeit ihre Portfolios von Aktien in Anleihen um. Der Grund: Erstmals seit langer Zeit lässt sich mit festverzinslichen Anleihen mehr verdienen als mit Aktieninvestments, erläutert Höhn.

Aufschwung durch Konjunkturbelebung

"Die Trendwende an den Börsen kann nur durch die Konjunktur ausgelöst werden", lautet das Zukunftsszenario des Berenberg Bank-Analysten. Während die Wirtschaft in den USA bereits wieder angesprungen sei, aber noch auf unsicheren Füßen stehe, bleibe der Wirtschaftsaufschwung in Europa noch aus. Für eine dauerhafte Aufwärtsbewegung an den Börsen sei es jedoch notwendig, dass das Wirtschaftswachstum sowohl in den USA als auch in Europa deutlich anziehe.

Leerverkäufe drücken die Kurse

Bis dahin werden an den internationalen Aktienmärkten nach Einschätzung der Experten weiterhin die sogenannten Hedge Fonds den Ton angeben. Sie spekulieren und profitieren von fallenden Kursen. Dazu verkaufen sie Aktien, die sie gar nicht besitzen, in der Hoffnung, sie später zu einem niedrigeren Kurs zu erwerben.

Diese sogenannten Leerverkäufe können insbesondere in einem volatilen Marktumfeld einzelne Aktien stark unter Druck setzen. So ist der jüngste Kursrutsch der Telekom-Aktie unter die psychologisch wichtige Marke von zehn Euro nach Auffassung der Experten maßgeblich auf Leerverkäufe von Hedge Fonds zurückzuführen.