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Kultur

Wasser für Indien

Indien will trotz Umweltbedenken seine Flüsse vernetzen. Da in den nächsten Monaten sowohl Wahlen auf Landes- wie auch auf Bundesebene anstehen, fragt sich so mancher nach der eigentlichen Motivation für das Projekt.

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Kampf gegen Unwetter und Dürre

Unwetter und Dürreperioden verursachen in Indien jedes Jahr Probleme, die die Regierung jetzt im Rahmen eines Großprojekts lösen will. Keine neue Idee, doch im Vorfeld der Wahlen in vier Bundesstaaten Ende 2003 und der Parlamentswahlen im kommenden Jahr wurde das Projekt jetzt wieder an die Öffentlichkeit gebracht. Trotz schwerwiegender Bedenken von Umweltschützern.

Alter Plan neu poliert

Die indische Regierung kramte in ihren Schubladen und zog einen 30 Jahre lang verstaubten Entwicklungsplan hervor, der Indien von vielen lästigen Übeln befreien soll. In den kommenden zehn Jahren will Neu Delhi die Summe von 560 Milliarden Rupien, umgerechnet etwa zwölf Milliarden Euro, aufwenden, um mit Hilfe von Großstaudämmen, riesigen Pumpwerken und gigantischen Kanälen die großen Flüsse des Subkontinents miteinander zu vernetzen. Auf diese Weise soll die Dürre bekämpft und die Gefahr von Überschwemmungen gebannt werden. Außerdem würden Millionen von Arbeitsplätzen entstehen und die Landflucht in die Städte gebremst werden, so die Regierungsplaner.

Projekt gegen Dürre und Überschwemmungen

Monsunregen in Indien Mann mit Regenschirm

Monsunregen in Indien

In vielen Regionen Indiens regnet es weit mehr als beispielsweise in Europa. Allerdings fällt das lebensspendende Nass nur während der drei Monsunmonate vom Himmel. Der Rest des Jahres ist weitgehend niederschlagsfrei. Vor Tausenden von Jahren entwickelten die Menschen daher verschiedene Möglichkeiten, Wasser für die Trockenzeit zu speichern. Dorfteiche mit angeschlossenen Bewässerungssystemen etwa bildeten die Grundlage für die frühen Hochkulturen in Südasien. Heute sind diese Anlagen verfallen. Die fortschreitende Entwaldung und die ungebremste Ausbeutung der Grundwasservorräte bescheren dem Land immer häufiger Dürren. Im vergangenen Jahr mussten Millionen Inder mit Trinkwasser aus Tanklastwagen versorgt werden.

Damit soll nach dem Willen der Regierung bald Schluss sein. Die Vernetzung der großen Ströme ermögliche die Umleitung von überschüssigem Wasser in die Trockenregionen. Damit könnten Millionen von Hektar Ackerland bewässert und die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden, so die Verfechter des Projekts.

Ökologische Folgen nicht bedacht?

Dies sei ein frommer Wunsch - halten Umweltschützer und Bürgeranwälte dagegen. Abgesehen von der ungelösten Frage, wer das Projekt bezahlen soll, könne man die sozialen und ökologischen Folgekosten eines so massiven Eingriffs in die Natur kaum abschätzen. Die Kritiker verweisen auf Erfahrungen mit der Umleitung von Flüssen in der damaligen Sowjetunion, die zum Austrocknen des Aral-Sees geführt haben.

Proteste aus der Bevölkerung

An allen Ecken und Enden des Riesenlandes regt sich Protest. Ende Juni organisierte der Studentenverband von Assam - einem Unionsstaat im Nordosten Indiens, der alljährlich von den Wassermassen des Brahmaputra-Flusses überschwemmt wird - eine Menschenkette gegen die Flussvernetzung. "Eher geben wir unser Blut her, als unser Wasser", lautete der Slogan der protestierenden Studenten. Mehrere Landesregierungen ließen bereits verlauten, sie würden ihr Flusswasser nicht mit anderen teilen. Pensionierte Regierungsplaner weisen darauf hin, dass einige 100 große Staudammprojekte seit Jahrzehnten unvollendet geblieben seien. Dennoch: Die Planungen für das neue Superprojekt laufen auf Hochtouren.

Wissenschafsprojekt oder politische Strategie?

Dies zeigt: Der Traum, mit moderner Technologie sei jedes Problem zu lösen, ist noch längst nicht ausgeträumt. Die Verantwortlichen in Neu Delhi wischen derzeit jedenfalls alle Bedenken vom Tisch, die im Laufe der nunmehr 20-jährigen Debatte um das gigantische Staudammprojekt am Narmada-Fluss aufgeworfen wurden. Für Indiens Umweltschützer bleibt da wohl nur noch eine Hoffnung: Dass das Projekt nach den Wahlen ebenso schnell wieder in den Schubladen verschwindet, wie es jetzt überraschend wieder aufgetaucht ist.