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Amerika

Washington, Moskau und die Femme Fatale

Für die einen ist es ein Vorfall, der das Verhältnis zwischen den USA und Russland belastet. Für die anderen ist es wie ein neuer James Bond-Film. Mit dabei: Codesätze, ein Spion auf der Flucht und eine schöne Frau.

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Perfektes Timing für die US-amerikanischen Medien: Pünktlich vor der politischen Sommerpause hat das FBI zehn Spione im Dienste Russlands festgenommen. Nach Einschätzung der US-Behörden lebten sie jahrelang in den USA und versuchten Kontakt zu Politikern und Forschern herzustellen.

Russische Spione in den USA? Das passt nicht in die Zeit nach dem Kalten Krieg. Und so versucht das Weiße Haus den Vorfall eher hinter den Kulissen zu regeln. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Medien gemacht. Und ohne "Anna Chapman". Anna Chapman? Nun, im Internet kursiert auch der Name "Anya Kushchenko", so richtig klar ist das bei einer Spionin ja nicht. Nennen wir sie also einfach Anna.

Die hübsche Frau

Benjamin Hammer (Foto: DW)

Benjamin Hammer

Anna hat einen Account bei Facebook und sie hat ihre Informationen nicht wirklich gesichert. Offensichtlich hat sie auch das neueste Agentenhandbuch nicht gelesen. Und so stürmten die US-Medien nach ihrer Festnahme ihre Facebook-Seite. Die Fotos mit ihrem lasziven Schmollmund gingen um die Welt. Seitdem sprechen selbst seriöse Moderatoren bei den US-Sendern wie MSNBC oder CNN häufiger von Anna als vom politischen Ausmaß des Spionage-Skandals. "Femme Fatale" titelte die New York Post, "Schickt uns mehr davon", schrieb ein amerikanischer Youtube-Nutzer in Richtung Russland. Es ist aber auch schwer, bei diesem Fall nicht in James-Bond-Fantasien abzurutschen.

Kommen wir zum Mann, der nicht mehr aufzufinden ist. Zehn Verdächtige wurden in den USA festgenommen, ein Kanadier auf der fernen Insel Zypern. Nach der Festnahme machten die zypriotischen Beamten dem Mann ein Angebot: Wenn Du uns eine Kaution zahlst, lassen wir Dich erst einmal auf freien Fuß. Aber: Melde Dich bei uns! Nun, was würde James Bond machen in so einem Fall? Der Kanadier ist seit über einer Woche nicht mehr aufzufinden.

Die entschlüsselte Geheimsprache

Die USA sind ein Land mit großer Informationsfreiheit. Und so steht die Anklageschrift der US-Behörden in allen Details seit Tagen zum Download bereit. Prompt beschwerte sich Moskau: Wenn man einen US-Spion in Russland fände, dann würde man die Sache diskret regeln.

Diskret ist bei der Spionage-Posse jedoch kaum noch etwas. Das FBI hatte die mutmaßlichen Spione seit Jahren beobachtet. Die Anklageschrift offenbart die Taktik der Agenten. Manche Kommentatoren fragen sich nun: Können Spione so dämlich sein? Eine Kostprobe: Im Januar 2010 schickten sich die Agenten eine Anleitung, wie man sich in Rom bei einem Kollegen zu erkennen geben solle. "Entschuldigung, könnte es sein, dass wir uns 1999 in Malta getroffen haben?", sollte der Eine sagen. "Ja, genau. Das war in La Valetta, aber im Jahr 2000", war die abgesprochene Antwort. Diese etwas unkreative Geheimsprache hatte das FBI im Vorfeld abgefangen. Das wäre James Bond nicht passiert.

Das Ende der Geschichte

Die Regierung in Moskau wollte den Fall am liebsten dorthin packen, wo er kein Aufsehen mehr macht: In die Vergangenheit. Spionage-Enthüllungen gehören für die Russen wohl nicht auf Facebook oder Youtube. Man orientiert sich noch immer an den Gepflogenheiten von damals. Die Einigung zwischen Moskau und Washington passt dazu: Gefangenenaustausch! Es ist der größte Deal dieser Art seit Ende des Kalten Krieges. Denn in Russland sitzen noch immer mutmaßliche Agenten, die den USA nahestehen. Medienberichten zufolge werden vier von ihnen gegen ihre russischen Gegenspieler ausgetauscht.

Es ist das Grande Finale der Geschichte. Anna wird nach Russland fliegen und die amerikanischen Medien haben ihre Sommer-Sensation verloren.

Autor: Benjamin Hammer

Redaktion: Christina Bergmann

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