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Alltagsdeutsch – Podcast

Waschsalon

In einer Gesellschaft, in der die Ausstattung mit technischen Geräten immer umfangreicher wird, erscheinen Waschsalons hoffnungslos veraltet. Doch es gibt sie noch – vielleicht, weil sie auch Orte der Begegnung sind ...

Sprecher:

Wir sind in Berlin-Mitte, einem lebhaften Bezirk im Ostteil der Stadt. Hier wohnen viele Studenten und Künstler. Das Viertel ist bekannt für seine Kneipen, Galerien und Läden. Der Selbstbedienungswaschsalon in der Torstraße, vor vier Jahren eröffnet, ist gut besucht. Er hat von sechs Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet. In einem großen quadratischen Raum stehen an zwei Wänden stabile Industriewaschmaschinen, an der Stirnwand sind die Trockner aufgestellt und in der Mitte des Raumes rattern Extra-Schleudern. Für das leibliche Wohl sorgen zwei Automaten, die Snacks und Getränke anbieten. Der Raum ist hell und sauber, es gibt Bänke – wenn man warten möchte – und große Tische, auf denen man die trockene Wäsche zusammenlegen kann.

Sprecherin:

Ein Salon ist ein großer, repräsentativer Gesellschafts-, Empfangs- oder Aufenthaltsraum, aber auch ein Geschäftsraum. Es gibt Frisör- und Kosmetiksalons.

Sprecher:

Die ersten Waschsalons entstanden in Deutschland Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Damals hatte erst ungefähr ein Viertel aller Haushalte eine eigene Waschmaschine. Die erste vollautomatische Waschmaschine, bei der alle Waschgänge – Vorwäsche, Hauptwäsche, Spülgang und Schleudern – vollautomatisch abliefen, war 1951 gebaut worden. Sie war sehr teuer und nur wenige Familien konnten sich eine solche Waschmaschine leisten. Die meisten Hausfrauen mussten die Wäsche noch mit der Hand waschen oder gaben sie in eine Wäscherei. Ein Waschsalon erleichterte die Hausarbeit ganz enorm. Inzwischen ist eine Waschmaschine für die meisten Haushalte Standard, und die Gründe, warum heute noch Menschen im Waschsalon waschen, haben sich geändert.

O-Ton:

"Erstens hab' ich kein Geld, um mir 'ne Waschmaschine zu kaufen, und ich will mir auch nicht unbedingt 'n gebrauchtes Ding kaufen und ich hab' ehrlich gesagt auch gar keinen Platz. Ich wohn in 'ner superkleinen Neubau-Zwei-Zimmer-Wohnung und ich hab' echt nirgendwo Platz, die hinzustellen. Mein Bad ist so winzig, meine Küche ist so ... wenn da drei Leute drin stehen, dann ist es voll."

Sprecher:

Das Platzproblem ist auch für den jungen Mann, der gerade den Waschsalon betritt, der Grund, hier zu waschen.

O-Ton:

"Ich bin, glaub' ich, der typische Junggesellenwaschsalonbenutzer, der hier so, ja, zweimal im Monat seine Wäsche wäscht. Ich finde, es hat 'n großen Vorteil. Ich hatte früher auch mal 'ne eigene Waschmaschine in der WG, und die ist andauernd gelaufen und hat Tag und Nacht gerattert, weil man konnte nicht so viel Wäsche auf einmal waschen und hatte wenig Platz zum Trocknen, zum Aufhängen, und das ist hier, sag' ich mal, 'ne ganz große Erleichterung für Leute, die gerne bequem waschen. D.h., ich kann es ganz lange ansammeln, dann geh' ich hierher mit ganz viel Wäsche, dann ist das in 'ner halben Stunde fertig, und es geht nicht andauernd nebenbei."

Sprecherin:

Junggesellenwaschsalonbenutzer ist eine Eigenschöpfung des freundlichen Studenten. Vor einiger Zeit gab es, ausgelöst durch einen Radiosender, eine Phase der langen Wortschöpfungen, die alle Personen bezeichneten und meistens eine negative Bedeutung hatten. Dieses Nomen könnte in diese Kategorie gehören, obwohl es freundlich klingt.

Sprecher:

WG ist die Abkürzung von Wohngemeinschaft. Es bedeutet, dass sich Menschen, die nicht miteinander verwandt und auch nicht unbedingt befreundet sind, gemeinsam eine Wohnung teilen, um Mietkosten zu sparen, aber auch, um nicht allein wohnen zu müssen.

Sprecherin:

Für andere Nutzer eines Waschsalons ist der soziale Aspekt sehr wichtig. Sie betrachten ihn als einen sozialen Ort, ähnlich einem Café, zur Kontaktaufnahme und um sich zu treffen.

O-Ton:

"Eigentlich gehe ich ganz gern in den Waschsalon, man trifft so oft noch mal andere Leute und kommt so 'n bisschen raus aus dem üblichen Alltag."

Sprecherin:

Findige Waschsalonbetreiber haben die Zeichen der Zeit erkannt und bieten mehr an als saubere Wäsche und Kaffee aus Pappbechern. In Berlin expandiert eine Waschsalonkette, die mit der Kombination von "waschen und essen" neue Akzente in der kahlen Waschsalonlandschaft setzt. Erlebnisgastronomie, billige Cocktails zur Happy-Hour-Zeit, Möbel aus hellen Naturhölzern und ausgeklügeltes Lichtdesign lassen vergessen, dass man sich in einem Waschsalon befindet, zumal der eigentliche Waschraum durch eine Tür vom Café abgetrennt ist. Das Notwendige wird unsichtbar, und das Angenehme soll in Erinnerung bleiben. Die Kette expandiert. Laut Aussage des Besitzers ist die Auslastung seiner Waschsalons höher als die herkömmlicher Betriebe.

Sprecher:

Ein Waschsalon ist ein hoch technisierter Ort, der ein Grundbedürfnis befriedigt. Die einzelnen Vorgänge gleichen magischen Ritualen, denen man sich aussetzen muss, um am Ende das verwandelte Produkt, die saubere Wäsche, in Empfang zu nehmen. Das Vorwaschen, die Hauptwäsche, das Spülen und das Schleudern laufen in der immergleichen Reihenfolge ab, in die man nicht mehr eingreifen kann, wenn man einmal den grünen Knopf gedrückt hat. Nicht immer funktioniert die Kommunikation mit der Maschine reibungslos. Dabei ist alles eigentlich ganz einfach:

O-Ton:

"Erst die Wäsche rein, Klappe zu, das ist das Wichtigste, dann Waschpulver rein und zum Schluss die Marke hier oben rein und den grünen Knopf ..."

O-Ton:

"Okay. Alles klar."

Sprecherin:

Was kostet es eigentlich, in einem Waschsalon zu waschen?

O-Ton:

"2,50 waschen, 50 Cent schleudern und 50 Cent trocknen."

Sprecher:

Bevor die Wäsche gewaschen werden kann, muss sie sortiert werden. Die Besucher des Waschsalons haben verschiedene Ordnungssysteme, die nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen werden können.

O-Ton:

"Das Ordnungsprinzip ist: Pullover, keine Pullover, und die Sachen sind schon so oft gewaschen, dass sie eigentlich gar nicht mehr eingehen können."

O-Ton:

"Was mir hier wieder auffällt, ist typisch Mann und Frau im Waschsalon. Ich: natürlich ordentlich sortiert, farblich, kein weißes Hemd zwischen schwarze Wäsche, und auf der anderen Seite, was seh' ich: alles gemixt, ganz egal, welcher Stoff, welche Farbe, interessiert überhaupt gar nicht. Hauptsache, es wird gewaschen."

Sprecherin:

Ein junger Mann geht vor einer Waschmaschine in die Hocke und packt ruhig seine schmutzige Wäsche aus: T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Jeans, Handtücher. Manchen Menschen fällt es nicht leicht, die eigene schmutzige Wäsche vor anderen Menschen auszubreiten. Herr Berner, der Waschsalonbesitzer aus der Torstraße, hat da mit amerikanischen Touristen andere Erfahrungen gemacht.

Herr Berner:

"Ich muss auch sagen, dass wir hier in dem Waschsalon einen hohen Anteil von englischsprechenden Leuten haben. Wir haben viele Amerikaner, Engländer, durch dieses Hotel da um die Ecke, das muss man wirklich sagen. Also, ich würde schon fast sagen, 70 Prozent englischsprechende Menschen, im Sommer noch mehr. Da haben wir viele Touristen, die jetzt nicht mit Sack und Pack kommen, die sich hier nur ausziehen bis auf die Unterhosen, sich die Wäsche waschen und wieder anziehen und weitergehen."

Sprecher:

Mit Sack und Pack kommen heißt mit allem kommen, was man besitzt. Mit allem, was man in Säcken und Packen verstaut, mit der gesamten beweglichen Habe unterwegs sein.

Sprecherin:

Die Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit von Herrn Berner hat sich herumgesprochen, sein Waschsalon ist beliebt. Am Sonntag gibt es kostenlos Kaffee und Kuchen, bei zwei gehbehinderten alten Damen holt er die schmutzige Wäsche ab und bringt die gebügelte Wäsche wieder vorbei, natürlich kostenlos, wie er versichert. Nur Waschsalons mit Atmosphäre haben Zukunft, glaubt Herr Berner. Er betreibt das Unternehmen als Nebentätigkeit, im Hauptberuf ist er Gastronom mit einem eigenen Café. Die Frage, warum er einen Waschsalon eröffnet hat, überrascht ihn.

Herr Berner:

"Wie bin ich eigentlich darauf gekommen, auf Waschsalon? Das ist auch 'ne gute Frage. Manche kommen auf den Hund und manche kommen auf den Waschsalon."

Sprecherin:

Jemand, der auf den Hund kommt, gerät in schlechte Verhältnisse. Herr Berner macht mit diesem Ausspruch einen kleinen Scherz. Sein Waschsalon läuft gut.

Sprecher:

Wenn die Wäsche sortiert und in den Waschmaschinen verstaut ist, heißt es warten.

O-Ton:
"Das Nervendste daran ist immer die Zeit dazwischen, das Warten, 'ne halbe Stunde, was mach' ich, meistens Briefe schreiben, oder ich telefoniere, wie schon gesagt, oder ich warte einfach nur und langweile mich und schaue auf die sich drehende Wäsche."

Sprecher:

In einer Waschmaschine wäscht man üblicherweise schmutzige Wäsche. Frau Keim, die Betreiberin eines Waschsalons im Westen Berlins, in der Nähe des Wittenbergplatzes, hat da ganz andere Erlebnisse gehabt.

Frau Keim:

"Es hat schon öfter mal was Lustiges gegeben, z. B. dass jemand seinen Fotoapparat mitgewaschen hat, der dann hinüber war anschließend. Das passiert aber überwiegend doch den Touristen, die nach Berlin kommen. Das passiert allerdings auch anderen, weil sie schusselig sind und ihre Taschen nicht leeren. Ich habe schon diverses Besteck gefunden in den Maschinen, ich habe auch schon Scheren und ähnliches Handwerkszeug wie Schraubenzieher, Zangen in den Waschmaschinen gefunden. Das lässt sich alles da drin finden. Es hat auch schon jemand einen 500-DM-Schein vor Jahren mal mitgewaschen, der sah dann natürlich nicht mehr so gebrauchsfähig aus. Die Farbe des Scheins hat es ausgehalten, und dann habe ich etwas gemacht, was man eigentlich doch recht selten tut. Ich habe diesen 500-DM-Schein durch die Mangel geschoben, und er sah aus, als wenn der gerade frisch aus der Druckerei kam."

Sprecherin:

Geld waschen ist eigentlich eine strafbare Handlung. Es bedeutet, dass man durch verbotene Handlungen erhaltenes Geld in den normalen Wirtschaftskreislauf einführt.

Sprecher:

Der Umsatz in den Waschsalons sinkt. Immer mehr Menschen können sich eine eigene Waschmaschine leisten, und ein Waschsalon ist keine ausreichende Existenzgrundlage mehr. Viele Waschsalonbetreiber bauen ihr Angebot aus. Sie bieten verschiedene andere Dienstleistungen an: Reinigungsannahme, Schuhreparaturannahme, Änderungsschneiderei und Schlüsseldienst. Die Menschen sparen am Schleudern und Trocknen und nehmen die Wäsche lieber nass mit nach Hause, um nicht zu viel Geld ausgeben zu müssen.

O-Ton:

"Ich trockne die eigentlich bei mir im Bad, da hab' ich 'ne Vorrichtung, aber schleudern tu' ich noch, sonst dauert das Trocknen sehr lange im Winter."


Herr Berner:

"Also, ein Waschsalon ist auch ein guter Treffpunkt für Leute, also in den vier Jahren haben sich schon zwei Paare hier getraut, die haben sich hier kennen gelernt und haben geheiratet, hier haben die sich im Waschsalon kennen gelernt. Wär‘ nun vielleicht 'n Gag gewesen, wenn sie hier auch drin geheiratet hätten."

Sprecherin:

Herr Berner macht hier ein Wortspiel. Er vermischt die Bedeutungen von getraut werden vom Priester mit sich trauen, "mutig sein", und jemandem trauen, "nicht argwöhnisch sein". Alle drei Bedeutungen spielen zusammen, wenn Paare heiraten. Das wäre ein Gag gewesen, ein guter Einfall.

Sprecher:

Herr Berner erklärt, was sich im Keller unter dem Waschsalon befindet, damit er überhaupt funktionieren kann.

Herr Berner:

"Wir haben ja 60 qm Keller, das ist ja alles Technik, wir beheizen ja die Trockner mit Öl, da haben wir im Keller drei große Öltanks, einen Wasseraufbereiter haben wir, das Wasser muss ja aufbereitet werden, das muss ja enthärtet werden, das ist ja sonst nicht gut für die Wäsche, das ist sehr wichtig. Dann haben wir hochwertiges Waschpulver und jetzt werden wir versuchen, Wasser zu sparen, und so 'ne Anlage werden wir sehr wahrscheinlich reinbauen, d.h., dass wir dann 80 Prozent Wasser sparen."

Sprecherin:

Ein Tag im Waschsalon geht zu Ende. Herr Berner nimmt das Geld aus dem Automaten.

Herr Berner:

"24 Uhr ist Feierabend, dann kommt der Putzmann, macht alles sauber, guckt, dass alles okay ist, dann zieht der die Türe zu, da ist ein Zeitschloss drin, und früh um sechs können die ersten wieder waschen gehen. Automatisch um sechs geht das auf."

Musik:

BAP, "Waschsalon"

Ich jonn su unwahrscheinlich jähn met dir en der Waschsalon,

weil, do häss Ahnung vun dä Technik, vun der ich nix verstonn


Fragen zum Text:

Seit wann gibt es Waschsalons in Deutschland?

1. seit Anfang der 50er Jahre

2. seit Ende der 50er Jahre

3. seit Ende der 60er Jahre

Jemand, der auf den Hund kommt, ...?

1. sollte sich öfters waschen

2. mag keine Haustiere

3. gerät in schlechte Verhältnisse

In welchem Sinne kann das Wort trauen nicht verwendet werden?

1. heiraten

2. mutig sein

3. schmelzen

Arbeitsauftrag:

Selbstbedienungswaschsalon, Junggesellenwaschsalonbenutzer – ein Kennzeichen der deutschen Sprache sind die zahlreichen Möglichkeiten der Kompositabildung. Besonders durch die Aneinanderreihung von Substantiven können unbegrenzt viele neue Wörter geschaffen werden. Bilden Sie selbst drei solcher Neologismen und erklären Sie ihre Bedeutung.

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