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Wissen & Umwelt

Was wissen wir wirklich über den Klimawandel?

Wir beeinflussen das Klima und sind dabei, es zu verändern. Das schreibt Mojib Latif in seinem Buch "Globale Erwärmung". Für Klimaskeptiker, die das bezweifeln, zeigt der Klimaforscher kein Verständnis.

Das Grönlandeis schmilzt

Grönland

Deutsche Welle: In letzter Zeit äußerten sich Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft, die den Klimawandel anzweifeln. Wie kommt das?

Mojib Latif: Wir haben das Problem, dass es nicht einfach ist, die natürlichen Klimaschwankungen zu unterscheiden von einem langfristigen Erwärmungstrend, der auf uns Menschen zurück geht. Das nutzen bestimmte Leute aus, um Zweifel zu säen, ob es überhaupt einen menschgemachten Klimawandel gibt.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Globale Erwärmung" von einem "Klimarauschen" im Hintergrund - also den natürlichen Klimaschwankungen - und vom anthropogenen Klimawandel. Kann man da so einfach unterscheiden?

Prof. Dr. Mojib Latif Ozeanzirkulation und Klimadynamik GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und Universität Kiel

Mojib Latif, Professor für Ozeanzirkulation und Klimadynamik, GEOMAR, Universität Kiel

Es ist nicht ganz einfach. Deswegen ist es auch so wichtig, dass man sich mit den natürlichen Klimaschwankungen beschäftigt. Und da gibt es so etwas wie Fingerabdruckverfahren, die wir verwenden, um die verschiedenen Einflussgrößen auf das Klima zu identifizieren. Jeder Mensch ist unverwechselbar durch seinen Fingerabdruck und ebenso ist es mit den verschiedenen Einflussfaktoren auf das Klima.

Beispielsweise verursacht der Mensch eine Erwärmung der unteren Luftschichten, aber eine Abkühlung der oberen Luftschichten, in Höhen von 20, 30 Kilometern und darüber. Das würde beispielsweise der Sonneneinfluss nicht tun. Genauso gibt es auch Änderungen in der zeitlichen Entwicklung. Die globale Erwärmung entwickelt sich in dem Maße, wie sich das Kohlendioxid erhöht hat.

Die Sonnenstrahlung ist beispielsweise während der letzten 50 Jahre zurückgegangen, also kann sie gar nicht die Erwärmung in den letzten Jahrzehnten erklären.

Trotzdem hat es in diesem Jahr viel Interesse für ein Buch von Fritz Vahrenholt geben, der gerade diese Thesen verbreitet. Wie kommt das?

Wir leben in einer Mediengesellschaft, in der das interessant ist, was außergewöhnlich ist. In der Wissenschaft gibt es einen großen internationalen Konsens, dass wir Menschen das Klima beeinflussen, und dass wir dabei sind, eine Klimaänderung herbeizuführen, die einmalig in der Geschichte der Menschheit wäre, wenn wir nicht umsteuern.

Nun ist es relativ langweilig, wenn man das jeden Tag hört. Deswegen bekommt jemand, der genau das Gegenteil behauptet, eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Wichtig ist in diesem Zusammenhang – auch darum habe ich dieses Buch geschrieben – dass man ein gesundes Basiswissen hat, um sich nicht in die Irre leiten zu lassen.

Weshalb gibt es trotzdem so viele sogenannte Klimaskeptiker?

Viele Menschen haben Angst, dass die Hinwendung zu neuen Techniken, beispielsweise zu Erneuerbaren Energien, den Wohlstand gefährden. Das ist nicht so. Wir sehen, dass Deutschland in den letzten Jahren davon profitiert hat, dass es mehr in Erneuerbare Energien investiert hat als andere Länder, wie zum Beispiel die USA. Es gibt natürlich immer Lobbygruppen, die kein Interesse haben, kurzfristig etwas zu ändern, sondern ihren Gewinn maximieren wollen, wie beispielsweise die Energie- oder Automobilkonzerne. Da ist die Politik gefragt, langfristige Rahmenbedingungen zu setzen, damit sich diese Unternehmen darauf einstellen können, dass sie sich langfristig bewegen müssen.

Schnell drehen sich die Rotoren von Windrädern vor dunklen Regenwolken in einem Windenergiepark unweit dem brandenburgischen Sieversdorf (Oder-Spree), aufgenommen am 23.06.2011. Nach Auskunft des Bundesverband WindEnergie e.V. ist Brandenburg mit 4.400 MW installierter Gesamtleistung nach Niedersachsen der zweitwichtigste Windenergiestandort Deutschlands. Die kumulierte Leistung hat sich binnen eines Jahrzehnts verzehnfacht. Das dünn besiedelte Bundesland kann in guten Windjahren über 40 Prozent seines Nettostromverbrauchs mit klimaneutralem Windstrom decken. Foto: Patrick Pleul dpa/lbn

Deutschland setzt auf Windenergie wie hier in Brandenburg

Was sagen Sie denjenigen, die versichern, dass wir es zur Zeit noch nicht ohne Öl und Kohle schaffen können ...

Wir müssen es schaffen! Denn die fossilen Brennstoffe wie Öl oder Erdgas sind begrenzt. Je früher wir den Umbau der Wirtschaft in Richtung Erneuerbare Energien schaffen, umso besser ist es auch ökonomisch. Es ist wichtig, immer wieder deutlich zu machen, dass es nicht "nur" um das Klima geht: Es geht um unsere Zukunft und es geht um unseren Wohlstand, den wir nur beibehalten können, wenn wir uns stärker den Erneuerbaren Energien zuwenden.

Sie erklären in Ihrem Buch, wie komplex das Klimageschehen ist und dass Vorhersagen sehr schwierig sind. Darauf beziehen sich diejenigen, die die Gefahren und die Geschwindigkeit des Klimawandels kleinreden. Diese Kritiker werfen den Wissenschaftlern und Politikern teilweise Panikmache vor und behaupten – eigentlich haben wir noch Zeit ...

Nun es gibt Unsicherheiten. Unsicherheiten gibt es immer in der Wissenschaft. Aber wir wissen genug. Wir wissen, dass sich die Erde erwärmt, wir wissen, dass das Eis schmilzt, wir wissen, dass der Meeresspiegel steigt. Die Anzeichen sind da und es widerspricht unserer Lebenspraxis, diese Warnsignale nicht ernst zu nehmen. Wenn Sie die Straße überqueren möchten und die Wahrscheinlichkeit auf 50 zu 50 schätzen, dass Sie von einem Auto erwischt werden, würden Sie niemals die Straße überqueren. Warum müssen wir beim Klimaproblem oder bei Umweltthemen generell immer eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit haben? Das ist nicht vernünftig! Wir müssen einfach auf der Basis der heutigen Information agieren und es gilt immer das Vorsorgeprinzip.

Was bedeutet dies für die Anpassung gerade in den ärmeren Gebieten der Welt, die sehr stark durch die Erderwärmung bedroht sind?

Wir werden wegen der Trägheit des Erdsystems auf jeden Fall einen weiteren Klimawandel bekommen, egal was wir tun. Deswegen müssen wir auch in Anpassung investieren. Wir müssen gerade in den armen Ländern Maßnahmen treffen, damit die Auswirkungen nicht zu dramatisch ausfallen. Außerdem müssen wir diesen Ländern Hilfe zukommen lassen, damit sie sich nachhaltig entwickeln können und nicht die gleichen Fehler machen, die wir vor hundert Jahren gemacht haben.